„Stranger Things“-Spin-Off: Zwölf ist ein gefährliches Alter

Mach’s noch einmal, Eleven: Mit der animierten Serie „Stranger Things: Tales from ’85“ kommt der unvermeidliche nächste Ableger von Netflix’ herausragender Erfolgsserie ins Fernsehen, die Ende vergangenen Jahres nach fünf Staffeln zu Ende ging. Darin kämpften eine Handvoll Zwölfjähriger in der Kleinstadt Hawkins gegen Monster aus einer Spiegelwelt – dem „Upside-Down“ – gemeinsam mit der mysteriösen Eleven, die einem Geheimlabor am Stadtrand entkam und über besondere Kräfte verfügt. „Stranger Things“ wurde mit tollen Darstellern, großer Erzählkunst und einer gelungenen Liebeserklärung an die Achtzigerjahre, mit einer gekonnten Mischung aus Horror, Nostalgie und Humor zu einem der erfolgreichsten Netflix-Titel.

Ende Dezember fand die Serie nach beinahe zehn Jahren zu einem gelungenen Schluss, der eine Fortsetzung von sich wies. Und so ist „Tales from ’85“ auch kein Nachfolger, sondern ein „Mid-quel“, eine Einfügung in der Mitte, angesiedelt im Winter 1985, zwischen der zweiten und dritten Staffel der Originalserie.

Mike, der Anführer der Truppe, ist punktgenau getroffen

Diesmal sind Eleven und Mike, Dustin, Will, Lucas und Max als Zeichentrickfiguren unterwegs, ein Handgriff, der inzwischen üblich ist („Stranger Things“ existiert außerdem als Broadway-Stück, als Videospiel, es gibt mehrere Bücher und eine Spielzeugsammlung). Das stellte den Schöpfer von „Tales from ’85“, Eric Robles, vor die Herausforderung, Figuren zeichnerisch neu zu gestalten, und das gelingt der Illustratorin Meybis Ruiz Cruz mal mehr, mal weniger. Während der Anführer der Truppe, Mike, punktgenau getroffen ist, kann man ausgerechnet Eleven – deren Darstellerin Millie Bobby Brown als damals gerade Elfjährige mit ihrem subtilen Mienenspiel bezauberte – in ihrer animierten Fassung zunächst nur ungefähr erkennen.

Aber Ruis Cruz gelingt es in dieser opulenten zehnteiligen Trickserie, den nostalgischen Look des Originals einzufangen, und das schneebedeckte Hawkins ist eine faszinierende Variation des Originalschauplatzes, sowohl visuell als auch narrativ. Als mit einem „Schnee-Hai“ ein Monster auftaucht, das sich seine Opfer im frostigen Weiß schnappt, kapieren die Kinder sofort, dass dies eine Kreatur aus dem Upside-Down sein muss. Offenbar ist es Eleven doch nicht gelungen, das Portal dorthin zu schließen, das sie als Opfer geheimer Psychoexperimente einst versehentlich öffnete, und so müssen sich unsere Helden erneut zusammenschließen, um das Leck zu finden und den Monstern Einhalt zu gebieten. Es versteht sich, dass dies unter dem Mantel der Verschwiegenheit geschieht, damit inkompetente Erwachsene nicht alles sabotieren.

Diese spielen hier übrigens kaum eine Rolle, allein Sheriff Hopper, der Elle in seiner Blockhütte im Wald vor den Strippenziehern der grausamen Experimente versteckt, taucht auf. Dabei zählte zu den herausragenden Figuren der Serie Winona Ryders Joyce Byers, die zwar stets am Rande des Nervenzusammenbruchs taumelte, aber dennoch alles zusammenhielt. Auch die älteren Geschwister von Mike und Will sind nicht mit von der Partie. Stattdessen erscheint mit der Punkerin Nikki eine Neue an der Schule auf, die sich als Tüftlerin und Waffenmeisterin als unentbehrlich im Kampf gegen die Monster erweist.

Der Verzicht auf die Großen indes funktioniert: „Tales from ’85“ widmet sich voll und ganz der Geschichte um die Zwölfjährigen, die mit gruseligen Dingen ebenso zu ringen haben wie mit den Komplikationen von Freundschaft und den Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Ganz klar ist diese Serie an ein jüngeres Publikum gerichtet; die Story ist weniger komplex und in vielerlei Hinsicht weniger düster als das Original mit seinen Geheimlabors, Knästen und Ausflügen in die Welt des Upside-Down.

„Tales from ’85“ hat eine spielerische Note: Hier sind neue Monster unterwegs, die sowohl Verneigung vor dem Original (es gibt eine ganze Horde von Demodogs) als auch phantasievolle Neuerfindungen sind (darunter eine Bande fieser Kürbismonster), und für Fans der Serie und Filmexperten gibt es reichlich Referenzen zu entdecken. Robles Zugabe zu „Stranger Things“ ist sehenswert. Es wird, wie der Schluss vermuten lässt, nicht das Letzte sein, was wir von „Stranger Things“ zu sehen kriegen.

Stranger Things: Tales from ’85 läuft von Donnerstag, 23. April 2026, an bei Netflix.

Source: faz.net