Federico Vercellone, Philosoph der Ästhetik an den Universitäten von Udine (ab 1992) und Turin (seit 2008), hat in immer neuen Anläufen erörtert, wie im Bild und im menschlichen Körper die Oppressionen der Zeit ihren Niederschlag, aber auch ihr Feld des Widerstandes und der Neufundierung finden. Sein letztes Buch über das Phänomen der Tattoos fokussierte diese breite Zeitanalyse. Sie galt der Frage, wie sich Gesellschaften, die in Ansammlungen von Individuen zerfallen und damit zum Attraktionsspan magnetischer Populisten und Influencer werden, aus dieser „neuen Barbarei“, wie Giambattista Vico sie vorhersah, wieder befreien können.
Vercellones Ausgangspunkt lag in der Beobachtung, dass die symbolische Repräsentation, die auf Abstand und überindividueller Bindung gründet, zerfallen ist. Sie ist zerstäubt in die visuelle Repräsentation aller Gegenstände auf einer einzigen zweidimensionalen Ebene, die vom allgemeinsten Element des Politischen bis zur intimsten Privatheit reicht. Diese Zerstörung jener Unterscheidung, derentwegen der moderne Staat als Schutz von Zonen auch des Unsichtbaren gegründet wurde, greift damit die Basis an, auf der sich Legitimität zu gründen vermag. Nur im Doppelspiel von Verhüllung und Symbolbildung, wie es Vercellone in seinem vielleicht wichtigsten Werk, „L’età illegittima. Estetica e politica“, entwickelt hat, vermag Gemeinschaft zu existieren.
Die Eigenaktivität der Gestalt als Bedingung jeder Existenz
Oftmals von Kunstwerken ausgehend, hat Vercellone bei seinen Erkundungen insbesondere die deutschsprachige Tradition von Novalis bis zu Nietzsche, über den er promoviert hat, einbezogen und zu einem gedanklichen Instrument der Gegenwartsanalyse gemacht. Mit dem 2014 verstorbenen Olaf Breidbach fand er in Jena einen Forscher, der, von der Gestaltphilosophie Goethes geprägt, die Formkunde der Morphologie nicht nur für die Zeichen der Kultur, sondern auch der Natur zu begreifen und einzusetzen verstand. Im Verein mit italienischen Kollegen wie Salvatore Tedesco und Laura Follesa hat Vercellone damit einen markanten Strang der philosophischen Ästhetik wiederbelebt, dem es um die Erkenntniskraft wie auch die Eigenaktivität der Gestalt ging: als Bedingung jeder Existenz, sei es in der Natur, sei es in der menschlichen Kultur und sei es, und insbesondere hier, in der Politik.
Gemeinsam mit Tedesco hat sich Vercellone mit dem „Glossary of Morphology“ (2020) ein Denkmal gesetzt. Diese Enzyklopädie der Gestaltphilosophie verbindet die historische Ableitung der abgehandelten Begriffe mit dem letzten Stand der jeweiligen Sachforschung. Das Werk ist ein Beispiel dafür, welche Bereicherung analytisches Denken erfährt, wenn es den Reichtum der historisch gewordenen Erörterungen einbezieht. In den letzten Jahren hatte Vercellone neben seinen internationalen Bezügen eine starke Affinität nach Berlin und dort zum Exzellenzcluster Matters of Activity und dessen Forschungen zur Philosophie aktiver Materie. Es profitierte von seiner ungeheuren Hilfsbereitschaft, seinem organisatorischen Vermögen, dem inspirierenden Furor seiner analytischen Radikalität und seiner Humanität. Vercellone war ein Ireniker seltenen Grades. Am Dienstag dieser Woche ist er mit siebzig Jahren an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben.
Source: faz.net