Die preußische Prunkvase, die dieser Kronprinz seinem schwulen Freund schenkte

Die Beziehung des Kronprinzen und späteren Wilhelm II. zu Philipp zu Eulenburg provozierte einen der größten Skandale des Kaiserreichs. Im Zentrum stand die sogenannte „Kamarilla“. Ein Requisit dieser Affäre wird nun versteigert.

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Leguane sind Vegetarier. Dieses stattliche Exemplar von gut und gerne 110 Zentimetern Länge scheint ein Fruktarier zu sein. Offensichtlich hat er es auf das Obstbouquet abgesehen. Verführerisch locken Trauben, Äpfel, Zitronen und eine Ananas. Sie ist die Krönung auf dem Deckel der monumentalen Vase, an der sich der Leguan hier delektieren will. Das Reptil krabbelt in lebensechter Windung an dem bauchigen Gefäß empor, tritt mit seinen krallenbewehrten Füßen eine der Blüten platt, die überall auf der Vase zwischen verspielter Rocaille und üppigem Blattwerk sprießen. Sein Schuppenkamm ist aufgestellt, die Zähne gebleckt – vor lauter Vorfreude auf den süßen Fruchtcocktail.

Die Prunkvase ist ein außerordentlich gelungenes Beispiel für die künstlerische Originalität, das handwerkliche Können, aber auch den Witz, der im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin gepflegt wurde. Alexander Kips, von 1888 bis 1908 Designchef der KPM, hat sie entworfen. Kips war auch verantwortlich für die keramischen Schaustücke, mit denen sich die Manufaktur auf den Weltausstellungen in Chicago 1893, in Paris 1900 und St. Louis 1904 präsentierte.

Die große Vase mit dem Leguan wurde als Einzelstück im Jahr 1895 gefertigt – „an der Grenze dessen, was in Porzellan realisierbar ist“, wie es im Katalog des Auktionshauses Lempertz heißt. Sie ist ein Höhepunkt der nunmehr 20. Berlin-Auktion des Kölner Versteigerers, der im Berliner Nikolaiviertel auch eine Dependance betreibt. Ein paar Jahre lang hieß die jährlich im Frühjahr stattfindende Versteigerung sogar Preußen-Auktion – und die Vase mit dem hungrigen Leguan hätte dem inzwischen wieder ad acta gelegten Titel alle Ehre gemacht. Denn sie hat auch eine besonders preußische Provenienz: Sie war ein Geschenk von Wilhelm II. an Philipp zu Eulenburg.

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Seit 1886 hatte sich eine enge Freundschaft zwischen dem Kronprinzen und späteren Kaiser und dem vom Grafen zum Fürsten nobilitierten preußischen Diplomaten entwickelt. Bald wurde beiden eine homoerotische Beziehung nachgesagt, die sie mit weiteren Freunden und Gleichgesinnten im berüchtigten Liebenberger Kreis am Familiensitz der Eulenburgs in Schloss Liebenberg, rund sechzig Kilometer nördlich von Berlin, gepflegt haben sollen. Imperialistisch gesonnene Borussen sahen in Eulenburg jedoch auch den Kopf der sogenannten „Kamarilla“ von nicht nur politisch allzu liberalen Hofschranzen, die den Monarchen von einem dauerhaften Frieden mit Großbritannien und Frankreich überzeugen und von bewaffneten Konflikten abhalten wollten.

Dem messerscharfen Essayisten und notorischen Narzissten Maximilian Harden wurde das Treiben zu regenbogenbunt. 1906 raunte er in einem ersten Artikel über die sexuelle Orientierung Eulenburgs; nach einer vermeintlichen Einigung outete Harden den Fürsten, den er auch als „Wilhelms Madame Pompadour“ bezeichnete, 1907 als schwul und die Ritter der Liebenberger Tafelrunde als „Weichlinge“. Die Harden-Eulenburg-Affäre wurde zum größten Skandal des Deutschen Kaiserreichs. Dass sie sogar weltweit Aufsehen erregte, wurde nun dem Kaiser zu bunt, der Eulenburg öffentlichkeitswirksam die Freundschaft entzog, um sich von den diffamierenden Vorwürfen – die letztlich auch ihm galten – zu distanzieren.

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Eulenburg zog sich gesundheitlich angeschlagen und gesellschaftlich isoliert nach Schloss Liebenberg zurück, wo er 1921 starb. Das opulente Freundschaftsgeschenk aus queer-fröhlicheren Zeiten blieb zunächst im Besitz der Familie. Nun wird die 116 Zentimeter hohe, in hellen Pastellfarben glasierte und vergoldete Prunkvase am 25. April 2026 mit einem Schätzpreis zwischen 300.000 und 450.000 Euro zur Versteigerung aufgerufen – ein in jeder Hinsicht museales Stück.

Source: welt.de

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