Walgesänge und Gebärdensprache: Ein Projekt wie dieses hätte bis vor kurzem in Polen keine Chance gehabt. Nun wirkt der offizielle Beitrag des Landes zur Kunstbiennale plötzlich wie ein Kommentar zum Buckelwal-Drama in der Ostsee.
Ein Mann und eine Frau tauchen in trübem Wasser. Quallen und Unterwasserpflanzen schweben vor ihren Gesichtern. Die polnische Künstlerin Bogna Burska redet oder singt, aber produziert dabei nur unverständliche Laute und Luftblasen, die an die Wasseroberfläche steigen. „Hier singen nur Wale“, entgegnet ihr Daniel Kotowski in Gestensprache, „hier singen Menschen mit ihren Händen“.
Der kurze Filmausschnitt gibt einen Vorgeschmack auf die Audio-Videoinstallation, mit der die beiden Künstler Burska und Kotowski den polnischen Pavillon der diesjährigen Biennale von Venedig bespielen werden. „Liquid Tongues“ heißt ihr Werk. Flüssige Zungen, flüssige Sprachen? Man kann den Titel hin- und herwenden, eindeutige Antworten gibt es nicht. Unter Wasser ist alles in Bewegung, Grenzen verschwimmen, Perspektiven ändern sich, menschliche Kommunikation versagt, und andere Sinne und Verständigungsformen sind gefragt.
Kotowski ist gehörlos und beherrscht eine andere Form von Kommunikation, er redet und singt mit seinen Händen. Burska rezitiert unter Wasser Walgesänge. Begleitet werden die beiden von gehörlosen und hörenden Mitgliedern des Cór w Ruchu (Chor in Bewegung), mit denen sie gemeinsam versuchen, Wahlgesänge und deren Codes der Kommunikation in die internationale Gebärdensprache zu übersetzen. Alle Beteiligten tragen knallrote Badeanzüge und -hosen und folgen wie ein Fischschwarm den Vorgaben der polnischen Choreografin Alija Czyczel. Soweit die Skizzierung eines Werkes, in das man erst in Venedig wird eintauchen können.
Kotowski, Jahrgang 93, hat bei Burska studiert, „Liquid Tongues“ ist ihr zweites, gemeinsames Projekt. Beide sitzen in einem Hörsaal der Zacheta National Gallery in Warschau, die den polnischen Pavillon produziert. Zu diesem Zeitpunkt, Ende März, können die beiden nicht ahnen, dass sie mit ihrem Projekt den Nerv der Zeit getroffen haben. Denn ein in Deutschland gestrandeter Wal wird die Öffentlichkeit in einen rätselhaften Erregungszustand versetzen und den „Gesang der Buckelwale“, der dank der gleichnamigen CD Anfang der Achtziger Jahre so manche Studentenbude dauerbeschallte, in einen lauten Aufschrei verwandeln.
Der Buckelwal ist zum Symbol für alles geworden, zum Symbol der Verschmutzung der Meere, zum Symbol des Verbrechens, des Versagens, der Hilflosigkeit, aber auch von Hilfe und Hoffnung. Vor allem ist er Symptom des Einreißens einer Grenze: Der kranke Meeresriese muss gerettet werden, weil wir seinen Tod nicht ertragen können. Sein Leiden versetzt die Gesellschaft in den Zustand der Hysterie, weil die Grenzen zwischen Menschlichem und Animalischem eingerissen sind.
Genau das wollen auch Burska und Kotowski zeigen, eine „Zukunft, die die animalische Perspektive miteinbezieht“, wie es im Begleittext des Werkes heißt. Walgesänge und Gebärdensprache, die polnischen Künstler verschränken beides – den für Menschen unverständlichen Gesang der Wale und die Sprache der Sprachlosen. „Wir wollen leise Stimmen hörbar machen“, so Kotowski, den zwei Gebärdenübersetzerinnen abwechselnd übersetzen.
Kotowski mag zu einer Minderheit gehören. Weltweit sind es geschätzte 70 Millionen Menschen, die gehörlos sind und 300 unterschiedliche Gebärdensprachen beherrschen, einige von ihnen verstehen International Sign (IS), eine Art Esperanto der Gebärdenkommunikation, die in „Liquid Tongues“ benutzt wird. Beim Besuch des polnischen Pavillons dürfen sie sich ausnahmsweise nicht behindert oder benachteiligt fühlen, sondern ihre Taubheit als eine Chance begreifen, eine Bereicherung, wie die Aktivisten der Deaf-Gain-Bewegung argumentieren, deren Kampf Kotowski mit seiner Kunst fortzusetzen versucht.
Burska, 1974 in Warschau geboren, unterrichtet Kunst in Danzig und ist auch Theaterautorin. Vor wenigen Jahren ist sie auf „Fathom“ gestoßen, eine Dokumentation aus dem Jahr 2021 über zwei Wissenschaftlerinnen, die den Gesang der Buckelwale erforschen. Es geht um „Verschwinden und Wiederkehren“, erklärt Burska. „Die Entdeckung der Walsprache hat den Walen das Leben gerettet, weil sie am Aussterben waren. Die Wallieder wurden benutzt, um den Menschen klarzumachen, dass sie diese Tiere nicht länger töten können.“
Verfolgen Sie die Wal-Rettung im Livestream
In Gebärdensprache übersetzte Walgesänge, ein queerer, gehörloser Künstler, eine feministische Künstlerin, die Schönheit, Körper und Leid befragt und durch deren Werk sich eine rote Blutspur zieht, bis zur Abwahl der PiS-Partei 2023 hätte ein Projekt wie „Liquid Tongues“ keine Chance gehabt, Polen in Venedig zu vertreten.
Bereits bei der 60. Ausgabe der Biennale vor zwei Jahren hatte der neue polnische Kulturminister in letzter Sekunde die programmierte Ausstellung des nationalistischen Malers Ignacy Czwartos zurückgezogen, die die polnische Kunstkritikerin Karolina Plinta als ein „anti-europäisches Manifest“ bezeichnet hatte. Mitglieder der Jury hatten damals erklärt, dass diese Arbeit einen Rückzug in eine „engstirnige, ideologisch paranoide und beschämende Haltung“ darstelle.
„Liquid Tongues“ ist das genaue Gegenteil, es ist offen, es verweigert die Opferrolle. Es steht für einen neuen Wind, der durch Polens Kulturlandschaft weht. Auf dem ehemaligen Plac Defilad, dem Paradenplatz in Warschau, ist er deutlich zu spüren. Neben dem sowjetischen Kulturpalast im kommunistischen Zuckerbäckerstil steht jetzt das MSN Museum (Muzeum Sztuki Nowocesnej), das nach einem über 20 Jahre lange währenden Streit vergangenes Jahr eingeweiht wurde. Das amerikanische Magazin „Time“ hat den Bau des New Yorker Architekten Thomas Phifer unmittelbar zu den „World Greatest Places“ ernannt, die man besuchen muss.
Der weiße Kastenneubau verspricht von außen wenig und hält von innen viel. Die Warschauer nennen ihn den „Schuhkarton“. In wenigen Jahren wird daneben ein schwarzes Pendant stehen, das neue Theater. Insgesamt fünf Museen sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gebaut worden, darunter das Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN.
„Warschau will nicht mehr das Berlin der alternativen Träume sein, also nicht mehr ‚arm, aber sexy‘. Es will Paris sein, oder vielleicht New York“, schrieb der polnische Journalist Witold Mrozek zur Eröffnung des MSN. Wer die Crowd bei der Vernissage der Ausstellung „Kairos – Hauntological Variations“ der amerikanischen Künstlerin Julie Mehretu beobachtete, den konnte das Gefühl beschleichen, dass Warschau dabei ist, Berlin abzuhängen.
Source: welt.de