Welchen Stellenwert hat die Erinnerung an die Gräueltaten der fast zwanzig Jahre währenden Militärdiktatur für die neue chilenische Regierung? Diese Frage stellen sich nicht mehr nur die überzeugten Kritiker des rechtsgerichteten neuen Präsidenten José Antonio Kast. Der hatte nur zwei Wochen nach seinem Amtsantritt im vergangenen Monat beschlossen, die von seinem Vorgänger Gabriel Boric eingeleitete teilweise Enteignung der berüchtigten Colonia Dignidad zu stoppen. Damit steht das Projekt, eine internationale Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum am Ort des einstigen Folterzentrums einzurichten, vor dem Aus.
Die Regierung Kast begründet den Schritt mit fehlenden Mitteln. Der Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, Iván Poduje, bezeichnete die Pläne als ein „pharaonisches Projekt“, für das derzeit weder das Geld für die notwendigen Gutachten noch für Entschädigungszahlungen zur Verfügung stehe. Angesichts von Kürzungen in allen Ressorts wolle man die knappen Mittel lieber für soziale Projekte wie Wohnraum für Obdachlose oder Sportanlagen verwenden.
Kast selbst bezeichnete eine Gedenkstätte auf einer Fläche von 117 Hektar als „unvernünftig“ und argumentierte, Chile dürfe sich nicht weiter verschulden. Stattdessen schlägt er einen deutlich kleineren „Ort der Reflexion“ vor.
Kritiker und Historiker vermuten hinter den fiskalischen Argumenten jedoch ideologische Motive. José Antonio Kast ist der Sohn eines ehemaligen Wehrmachtoffiziers, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile auswanderte. Er hat seine Bewunderung für den ehemaligen Diktator Augusto Pinochet nie verhehlt und pflegte Kontakte zu inhaftierten Menschenrechtsverbrechern aus jener Zeit – etwa zu Miguel Krassnoff, dessen Begnadigung er nicht ausschließt.
Beobachter werten den Stopp der Gedenkstätte daher als Versuch, die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur zurückzufahren. In Kasts Narrativ wird die Colonia Dignidad oft auf die Verbrechen einer deutschen Sekte reduziert, ohne die Verstrickung des chilenischen Staates und des Militärs in die dortigen Gräueltaten angemessen zu berücksichtigen.
Ein Blick in die Geschichte des Ortes zeigt, wie eng dort chilenische und deutsche Verantwortung miteinander verwoben sind. Die Siedlung, die heute als Villa Baviera bekannt ist, wurde 1961 von Paul Schäfer, einem aus Deutschland geflohenen Laienprediger, unter dem Namen „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ gegründet.
Was nach außen als bayerisches Idyll mit Krankenhaus und Schule vermarktet wurde, war in Wahrheit ein totalitäres Gewalt- und Unterdrückungssystem. Schäfer unterwarf rund 300 deutsche Siedler einem Regime aus Zwangsarbeit, Drill und ständigem Terror. Familien wurden getrennt, Geschlechter isoliert und Kinder systematisch sexuell missbraucht. Die Siedlung agierte jahrzehntelang als hermetisch abgeriegelter „Staat im Staate“, der sich der chilenischen Kontrolle weitgehend entzog.
Das Kartoffellager als Folterkammer
Mit dem Putsch von 1973 wurde die Kolonie zu einem wichtigen Bestandteil der Unterdrückungsmaschinerie Pinochets. In enger Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst DINA unter Manuel Contreras fungierte das Gelände als geheimes Haft-, Folter- und Vernichtungszentrum. Schätzungen zufolge wurden auf dem Gelände etwa 100 Menschen ermordet oder zum Verschwinden gebracht.
Der Keller des Kartoffellagers wurde zu einer Folterkammer für politische Gefangene. Im Krankenhaus wurden Gefangene und Siedler mit Elektroschocks und Psychopharmaka gefügig gemacht. Zudem wurde bekannt, dass in der Kolonie Waffen hergestellt und auch biologische Kampfstoffe erprobt wurden.
Die Verwicklung deutscher Stellen in die Geschichte der Kolonie gilt als eines der düstersten Kapitel der bundesdeutschen Außenpolitik. Die deutsche Botschaft in Santiago wusste bereits in den 1960er-Jahren von den Zuständen, leistete jedoch keine wirksame Hilfe. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Diplomaten geflohene Opfer an die Sektenführung zurückverwiesen. Lange Zeit schützten enge Kontakte zwischen der Sektenspitze und deutschen Geheimdienstlern und Diplomaten in Santiago das System Schäfer und trugen zu seiner Stabilisierung bei.
Die deutsche Aufarbeitung war schleppend
Bekannt ist auch, dass mehrere nach Chile geflohene Nationalsozialisten sich in jenen Netzwerken bewegten, die nach dem Putsch gegen Salvador Allende an Einfluss gewannen. Besonders hervor sticht Walther Rauff, ein ehemaliger SS-Offizier und Mitverantwortlicher für die mobilen Gaswagen der Nazis. In Chile bewegte er sich im Umfeld der Repressionsapparate und wurde zu einer Symbolfigur jener unheilvollen Verbindung aus NS-Vergangenheit, Antikommunismus und Pinochet-Diktatur.
Erst Jahrzehnte später begann eine ernsthafte Aufarbeitung. Im Jahr 2017 verabschiedete der Bundestag einstimmig einen Antrag zur Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad. Eine bilaterale Kommission wurde eingerichtet, die unter anderem einen Hilfsfonds für Opfer auflegte. Dennoch wird dem Auswärtigen Amt bis heute vorgeworfen, einen Gedenkort durch bürokratische Hürden und mangelnden politischen Druck gebremst zu haben.
Auch die juristische Verfolgung der Täter gestaltet sich bis heute schwierig. Viele Verantwortliche, wie der Sektenarzt Hartmut Hopp, konnten sich durch Flucht nach Deutschland der chilenischen Justiz entziehen. Zudem erschweren die undurchsichtigen Firmengeflechte der heutigen „Villa Baviera“ die Klärung der Besitzverhältnisse und damit auch die Frage möglicher Entschädigungen.
Die Entscheidung der Regierung Kast, das Projekt der Gedenkstätte nicht weiterzuführen, hat in Chile massive Proteste ausgelöst. Opferverbände bezeichnen den Schritt als „Schlag ins Gesicht“. Angehörige der Verschwundenen warnen vor einem „irreparablen Schaden“ für die historische Wahrheit und haben bereits die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte angerufen.
In Deutschland äußerten sich Politiker fast aller Fraktionen besorgt, teils auch empört. Die Bundesregierung bekräftigte, dass die Aufklärung der Verbrechen und die Schaffung des Denkmals ein „sehr wichtiges Anliegen“ bleiben und dass sie versuchen wird, den Dialog aufrechtzuerhalten. „Die deutsche Regierung unterstützt das Projekt zur Einrichtung eines Denkmals in Chile. Wir werden die Diskussionen darüber fortsetzen, insbesondere angesichts dieser neuen Informationen“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums nach dem Bekanntwerden der Einstellungspläne der chilenischen Regierung.
Ob sie damit bei Kast Gehör finden wird, ist fraglich. Chiles neuer Präsident zählt offenbar eher zu jenen Chilenen, die die Villa Baviera lieber als Ort bayerischer Gemütlichkeit sehen, an dem Hochzeiten und Feste gefeiert werden, denn als Stätte des Terrors der Militärdiktatur. Zu jenen, die lieber vergessen statt erinnern.
Source: faz.net