„Baut eine bessere Welt“ – Ein Toter wird Mileis härtester Gegner

Die wirtschaftliche Bilanz kann sich sehen lassen. Aber Skandale in seinem Umfeld machen Argentiniens Präsidenten im Vorwahljahr dünnhäutig. Ein prominenter Kritiker wird posthum zu einem echten Problem.

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Ein solches Spektakel hat die katholische Kirche in Argentinien noch nicht erlebt. Zwei riesige Kreuze strahlen von der Bühne auf die gigantische tanzende Masse herab. Darunter unterlegt der katholische Priester und Internetstar „DJ Padre Guilhermo“ am Mischpult alte Aussagen von Papst Franziskus mit Techno-Klängen.

Zu dem Konzert zu Ehren des vor einem Jahr – am 21. April 2025 – verstorbenen argentinischen Kirchenoberhauptes strömten am Wochenende mehr als 120.000 Menschen auf die völlig überfüllte historische Plaza de Mayo. Hier liegt auch die Kathedrale, in der Jorge Bergoglio, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, Dienst als Erzbischof von Buenos Aires tat. Ein paar Tage zuvor waren bereits die Armenpriester der Hauptstadt im Viertel Flores unterwegs. Jenem Stadtteil von Buenos Aires, in dem Franziskus aufgewachsen ist.

Für den argentinischen Präsidenten Javier Milei ist die neu entflammte Begeisterung für Papst Franziskus ein Problem. Denn der war ein scharfer Kritiker von Mileis radikalem Spar- und Entbürokratisierungsprogramm. Nun fluten Milei-Kritiker mit Papstzitaten die sozialen Netzwerke und lassen Franziskus als Gegner der libertären Regierungspartei digital wiederauferstehen.

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Zwar sorgt Mileis Wirtschaftspolitik für erfolgreiche volkswirtschaftliche Kennziffern, trotzdem befindet sich die Zustimmungsrate für den libertären Politiker im freien Fall. Erstmals ist der lange regierende, überwiegend linke Peronismus wieder auf Augenhöhe.

Die Gründe sind hausgemacht. Im engeren Milei-Umfeld gibt es Korruptionsskandale und Vorwürfe gegen wichtige Gefolgsleute wie Kabinettschef Manuel Adorni. Der steht wegen Luxusreisen und nicht deklarierter Immobilien unter Verdacht. Milei reagiert zunehmend dünnhäutig, beleidigt ehemalige Weggefährten und beschimpft selbst jene konservativen Medienorgane als „Abfall“, die ihm lange nahestanden.

Zurück auf die Straße in Buenos Aires. Hier hat Armenpriester Padre Toto zu einer Prozession für Papst Franziskus aufgerufen. Mit Trommeln ziehen sie durch Flores und machen innerhalb von zwei Stunden überall dort Station, wo der ehemalige Papst, seine Spuren hinterlassen hat.

„Wir beten für alle Kranken, für alle, die medizinische Hilfe brauchen. Auf dass diese Hilfe nie versiegen möge“, heißt es am Hospital Piñero, aus einem riesigen Lautsprecher. Und ohne, dass der Name Milei fällt, wissen alle, wer mit diesem Appell gemeint ist. „Milei Betrüger“ steht an einigen Häuserwänden, die Stimmung droht zu kippen.

La Campora, die umstrittene, weil an den Rändern radikale Jugendorganisation der linken oppositionellen Peronisten, verteilt Plakate mit Aussagen des Papstes. Die Opposition will die Botschaften von Franziskus nutzen, um ihre Rückkehr an die Macht vorzubereiten. Die Strahlkraft von Clips eines Techno-Konzerts wie am Wochenende ermöglicht es zudem, die Reichweite zu erhöhen und neue Zielgruppen anzusprechen.

Franziskus ist auf dem Weg, eine digitale Kultfigur zu werden. „Jungen und Mädchen, bitte: Stellt euch nicht hinten in der Schlange der Geschichte an. Seid Protagonisten, baut eine bessere Welt auf“, sagte der Papst eins. Und „La Campora“ verbreitet diese Botschaft jetzt in Clips mit Techno-Ambiente unter den Jungwählern, als wäre es die eigene.

Für Milei braut sich ein Mix zusammen, der ihn im Vorwahljahr in arge Bedrängnis bringt. Die Opposition nimmt ihn wegen seiner Loyalität zu Israel und US-Präsident Donald Trump in Mithaftung für die wirtschaftlichen Turbulenzen infolge des Nahost-Konfliktes.

Während der Internationale Währungsfonds (IWF) Argentinien mit rund 3,5 Prozent Wirtschaftswachstum als eine der Wachstumslokomotiven Südamerikas sieht, dämpft Oxford Economics jetzt die Erwartungen und geht für 2026 wegen der Iran-Turbulenzen nur noch von 2,4 Prozent aus.

Milei hat seinen Landleuten zudem ein mutiges Versprechen gegeben. In wenigen Monaten soll die Inflationsrate auf null gesenkt werden. Das wäre ein historisches Ergebnis. Doch zuletzt gab es auch hier Rückschläge, die monatliche Inflation stieg wieder auf rund drei Prozent.

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„Die Inflationsraten dürften ab April nachlassen, sodass es wahrscheinlich zu einem zweiten Halbjahr kommt, in dem die Löhne das verlorene Terrain wiedergutmachen können“, sagt Ivan Cachanosky, Chefökonom der wirtschaftsliberalen Stiftung „Fundación Libertad y Progreso“, auf Anfrage von WELT.

Er rechnet im Laufe des zweiten Halbjahres mit Teuerungsraten, die bei ein Prozent beginnen, was dazu beitragen würde, der Entwicklung der Reallöhne wieder etwas Luft zu verschaffen. Doch niemand weiß, wie sich der Iran-Krieg weiterentwickelt. Derzeit nehmen die Argentinier wahr, dass alles teurer wird, und sind überzeugt, dass Mileis Freund Trump dafür verantwortlich ist.

Dabei sollte Argentinien mittelfristig sogar zu einem der größten Gewinner der geopolitischen Unsicherheit werden. Einer Studie der Vereinigung der Erdöl- und Erdgasproduzenten (CEPH) zufolge könnte wegen der Nachfrage nach argentinischem Gas der Überschuss auf jährlich zehn Milliarden US-Dollar steigen. Damit würde der Energiesektor sogar den Agrarsektor als wichtigsten Devisenbringer überholen und die argentinische Staatskasse entlasten.

Zahlen, von denen niemand vor drei Jahren zu träumen gewagt hätte. Vor Milei war Argentinien Energie-Importeur. Wegen dieser Perspektiven sieht das Beratungsunternehmen „1816“ Milei trotz des aktuellen Stimmungstiefs in der Favoritenrolle für das Wahljahr 2027.

Eine Analyse ergab, dass Investoren fest von einer Wiederwahl des Präsidenten ausgehen und langfristig anlegen. Viele Wähler seien zwar mit dem aktuellen Erscheinungsbild der Regierung Milei unzufrieden, würden aber eine Rückkehr zu den alten peronistischen Eliten auch nicht wollen.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Source: welt.de

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