Bayern dominiert Leverkusen, steht im Pokalfinale – und träumt vom Triple. Doch nicht nur die Stars machen Hoffnung. Es ist vor allem eine Eigenschaft, die Kompanys Team aktuell so gefährlich macht.
Die Aufforderung wirkte ein wenig befremdlich. „Zeig uns deinen Jubel“, stand auf einem Zettel, der an einem Kamerastativ angebracht war, das vor dem Eingang zur Bayern-Kabine stand. Auf dem Stativ war ein Smartphone befestigt. Die Spieler wurden so animiert, ihrer Freude nach dem Einzug ins DFB-Pokalfinale Ausdruck zu verleihen – damit die Social-Media-Abteilung des Deutschen Meisters sie alsbald in die Welt hinaus posten kann.
Müssen die Bayern-Stars darauf hingewiesen werden, dass sie sich zu freuen haben? Der Hinweis war überflüssig. Nachdem Schiedsrichter Felix Zwayer in der dritten Minute der Nachspielzeit den Treffer von Luis Diáz zum 2:0 (1:0) gegen Bayer Leverkusen auf eine Abseitsstellung überprüft und gegeben hatte, rannten die Münchner in ihre Gästefankurve und schrien ihre Freude heraus: Erstmals nach sechs Jahren haben sie es wieder nach Berlin geschafft. Kurz darauf zogen sich Manuel Neuer und Co. T-Shirts an, auf die eine selbstbewusste Botschaft gedruckt war: „Guess who’s back?“
„Ich habe Berlin auf jeden Fall vermisst. Es waren immer herausragende Spiele dort, und es ist ein besonderer Tag für den ganzen Verein“, sagte der Keeper. Gerade für Neuer, mittlerweile im Spätherbst seiner Karriere, sind diese Endspiele speziell. 2011 wurde er zum ersten Mal DFB-Pokalsieger – damals noch mit dem FC Schalke 04. Der 5:0-Finalerfolg über den MSV Duisburg war sein letztes Spiel für seinen Heimatklub. Beim Triumphzug durch Gelsenkirchen am Tag darauf war er von einem Schalke-Fan, der sauer über Neuers feststehenden Wechsel war, geohrfeigt worden.
Leverkusen kam kaum zum Luftholen
Mit den Bayern fuhr Neuer sechsmal nach Berlin, nur bei der 1:3-Niederlage gegen Frankfurt 2018 fehlte er verletzt. Fünfmal konnte er den Pokal in die Luft recken – zuletzt 2020 gegen Leverkusen (4:2). Allerdings ohne dabei bejubelt zu werden. Wegen der Corona-Pandemie waren keine Fans im Stadion.
Keine Frage: Selbst für die erfolgsverwöhnten Bayern, die Sonntag ihre 35. Meisterschaft perfekt gemacht hatten, ist die Aussicht, am 23. Mai zum 21. Mal den Pott holen zu können, besonders – weil es der erste nach einer für Münchner Verhältnisse ungewöhnlich langen Durststrecke wäre. „Gefühlt seit dem ersten Tag im Verein geht es darum, dass wir wieder nach Berlin fahren. Es ist schön, dass wir das jetzt geschafft haben“, sagte Trainer Vincent Kompany.
Tatsächlich wirkten die Bayern am Mittwoch extrem fokussiert. Vor allem in der ersten Halbzeit ließen sie den Leverkusenern kaum Zeit zum Luftholen: Der Werkself wurde es schlicht nicht gestattet, aus der eigenen Hälfte herauszukommen. Zur Pause führte Kompanys Team nach Torschüssen 10:0. „Da haben wir brutal dominiert“, sagte Sportvorstand Max Eberl. Lediglich aufgrund eines gewissen Chancenwuchers blieb es lange beim 1:0 durch Harry Kane (21. Minute). Doch die Spielweise, basierend auf einem effizienten Pressing, einem blinden Verständnis zwischen den Mannschaftsteilen – sie war beeindruckend.
„Zwei Spiele, die Europa begeistern werden“
Bayern 2025/26 – das ist eine Topmannschaft, die einfach nicht locker lässt. Und vor allem aus dieser Charaktereigenschaft speist sich, mehr noch als aus der individuellen Qualität, die Hoffnung, dass es tatsächlich ein Triple-Jahr werden könnte. „Wir haben den ersten Titel geholt, haben aber noch Chancen auf zwei andere“, erklärte Eberl. Im Blick haben die Münchner das Halbfinale in der Champions League gegen Paris St. Germain. Das Hinspiel in Paris steigt kommenden Dienstag. „Es ist kein Zufall, dass PSG Titelverteidiger in der Champions League ist. Das allein haben wenige geschafft“, warnte Eberl, prophezeite aber auch: „Das werden zwei Spiele, die Europa begeistern werden.“
Die Bayern scheinen gewappnet. Ihr Fitnesslevel ist trotz ständiger englischer Wochen hoch, was für gute Trainingssteuerung spricht. Auch der schmerzliche Ausfall von Serge Gnabry dürfte kompensiert werden können, denn Jamal Musiala kommt nach seiner bis in den Januar andauernden Verletzungspause immer besser in Form. In Leverkusen war er sehr aktiv, fiel vor allem auch durch Grätschen und entschlossenes Zweikampfverhalten auf. „Das war nicht unbedingt das, was man von ihm erwartet. Aber er macht es für die Mannschaft und hilft ihr damit“, so Eberl.
Entscheidend, um die großen Ziele zu erreichen, wird aber auch die Haltung in den restlichen Bundesligaspielen sein: Nur wenn es gelingt, im Rhythmus zu bleiben, wäre gewährleistet, auch im Pokalfinale und den Champions-League-Spielen mit Finalcharakter scharf zu sein. Ein Nachlassen beispielsweise im Bundesligaspiel am Samstag in Mainz soll es nicht geben. „Aber da mache ich mir bei unserer Mannschaft wenig Gedanken. Unser Ziel sind 91 Punkte“, sagte Eberl.
Dann wäre der Rekord aus der Saison 2012/13 eingestellt. Damals gewannen die Bayern das Triple.
Source: welt.de