Algerien-Besuch: Betet Papst Leo XIV. in Richtung Mekka
Leo XIV. tritt aus dem Schatten bisheriger politischer Zurückhaltung, wenn er sich gegen den Iran-Krieg und gleichsam gegen die brutale Abschiebepraxis der US-Immigrationsbehörde ICE verwahrt. Der Papst sollte aufhören, „dem linken Lager nach dem Mund zu reden“ und sich mit kirchlichen Angelegenheiten statt mit Politik zu beschäftigen, pariert Donald Trump.
Unterwegs nach Algerien hatte Leo XIV. vor Journalisten im Flugzeug erklärt, dass er den Hass des US-Präsidenten nicht fürchte und weiterhin an der Verkündung des Evangeliums festhalte. Aber nicht allein das Weiße Haus polemisiert gegen den Pontifex Maximus – der Besuch in Algier erbost auch die französische Rechte. Seit Emmanuel Macrons Anerkennung der „Marokkanität“ der Westsahara, die nicht nur deren nach Algerien geflüchtete Bevölkerung, sondern auch das Gastland provoziert hat, meldeten sich in französischen Medien die Kolonialnostalgiker zu Wort.
Da wurde immer wieder erklärt, dass Menschenrechtsverbrechen während der 130-jährigen französischen Kolonialherrschaft maßlos übertrieben würden. Diese Zeit sei vielmehr ein Segen für das Land gewesen. Die im „französischen Erbe“ liegende Chance wäre von den Führungskräften des unabhängigen Landes verspielt worden.
Der Papst in der neuen Großen Moschee von Algier
Selbst der seit zwei Jahren in Frankreich lebende algerische Schriftsteller Kamel Daoud fiel in den Chor der Papstkritiker ein, indem er mit einem Artikel im rechten Magazin Le Point beklagte, dass Leo XIV. mit seinem Besuch einem menschenverachtenden Regime zu unverdienter internationaler Reputation verhelfe. Daoud erinnerte an gravierende Einschränkungen der Meinungsfreiheit, als deren Opfer er sich selber darstellte.
Er unterschlug, dass gegen ihn in Algerien keine politische Anklage vorliegt, wie es bei seinem Kollegen Boulem Sansal der Fall war, sondern die zivilrechtliche Klage einer Frau, deren Lebensdrama er unter Verletzung von Persönlichkeitsrechten in seinem letzten Roman Houris genutzt hat. Weder Daoud noch Sansals Bücher sind in Algerien verboten.
Dass der Papstbesuch tatsächlich das von vielen Seiten immer wieder angegriffene internationale Prestige Algeriens stärkt, hat sich bestätigt. Dies zeigen alle seine dort gehaltenen Reden. Nachdem er dem Denkmal für die Märtyrer des Unabhängigkeitskrieges seine Referenz erwiesen hatte, besuchte er zusammen mit algerischen Kardinälen, muslimischen Geistlichen, dem Staatschef und Armeechef die neue Große Moschee von Algier.
Er komme als „Zeuge des Friedens und der Hoffnung“, betonte Leo, und sei Zeuge von Werten, nach denen die ganze Welt strebt und für die das algerische Volk immer gewirkt hat […] Die tragischen historischen Ereignisse der Vergangenheit haben Algerien mit einer tiefen und geschärften Vision einer ausgewogenen Welt ausgestattet, die es solidarisch mit den Leiden zahlreicher Völker macht“.
Aus eigener Erfahrung heraus, so Leo, sei Algerien „in der Lage, zur Gerechtigkeit zwischen den Völkern beizutragen“, ja, „ein entscheidender Akteur einer neuen Richtung der Geschichte zu werden, die nicht mehr auf Unverständnis und Konflikten basiert, sondern auf Respekt und menschlicher Würde“. Das sei notwendiger denn je, „angesichts fortwährender Verletzungen des Völkerrechts und neokolonialer Konflikte“. Neben dem Rektor der Großen Moschee, Mohamed Maamoun Al-Kacimi Al-Hoceini, verweilte der Papst sogar einen langen stillen Moment vor dem Mihrab, der zentralen, nach Mekka ausgerichteten Nische und schien zu beten.
Bomben gegen die Residenz des Kardinals
Er ließ bei den Messen in der Kathedrale Notre Dame d’Alger und in der Basilika St. Augustin in Annaba keinen Zweifel, dass es sich beim Gott der Christen und beim Gott der Muslime um ein und denselben Gott handle – eine Feststellung, die nicht allen Anhängern der jeweiligen Religion gefallen dürfe. Leo XIV. verweist damit allerdings auf die einzige Möglichkeit, damit Katholizismus seinen Universalismus weiterhin glaubwürdig vertreten kann: Mit der resoluten Gleichsetzung allen menschlichen Lebens – ungeachtet differenter Kulturen.
Dass während des Papstbesuchs auch immer wieder vom interreligiösen Dialog die Rede war, mag überraschen, weil Algerien, das sich nach wie vor mit einer starken islamistischen Strömung auseinanderzusetzen hat, dazu bislang kaum etwas beitragen konnte. Darum bemüht hat sich seit gut 75 Jahren die katholische Kirche Algeriens. Der 1942 nach Algier versetzte und 1954 zum kirchlichen Oberhaupt berufene Kardinal Léon Étienne Duval (1903–1996) hatte früh den interreligiösen Dialog gesucht. Unbeirrt trat er für die Gleichberechtigung der Religionen, soziale Gerechtigkeit und gegen die Folter des Kolonialregimes auf.
Er ermächtigte die Priester, Mönche und Nonnen während des Unabhängigkeitskrieges, gefährdeten Algeriern Kirchenasyl zu gewähren. Die Kolonialpresse beschimpfte ihn, die OAS warf Bomben in Kirchen und die Residenz des Kardinals. Der sicherte der Kirche deren Präsenz im unabhängigen Algerien, dessen Staatsbürgerschaft er annahm. Seine Nachfolger blieben diesen Prinzipien treu.
Mit der auch im Bürgerkrieg der 1990er Jahre bekräftigten engen Verbindung zum algerischen Staat erklärt sich auch, wie es zur Einladung von Leo XIV. gekommen ist. Die algerische Kirche übt ihre geistliche Funktion vor allem für ausländische Kooperanten aus, sie betrachtet sich seit etwa zwei Jahrzehnten auch als Seelsorgerin für Migranten aus subsaharischen Ländern.
Ende der römischen Herrschaft in der Region
Da der Papst Mitglied des Augustinerordens ist, war der Höhepunkt des Algerienbesuchs seine Lesung der Messe in Annaba, dem antiken Hippo Regius. Das war der Wirkungsort von Augustinus (354–430), des wohl wichtigsten Kirchenvaters der Katholiken.
Wer sich nicht nur in der theologischen, sondern auch in der realen Kirchengeschichte etwas auskennt, wird verwundert feststellen, dass die politischen Positionen von Leo XIV. denen von Augustinus geradezu gegensätzlich sind. Jener war es, der die Zurichtung des zur Staatsreligion gewordenen Christentums als Verteidigerin der Klassenhierarchie gegen die urchristlich-egalitären nordafrikanischen Berber durchzusetzen suchte – zum Teil mit Gewalt und mit mäßigem Erfolg.
Augustinus starb während der Belagerung von Hippo Regius durch die mit Berbern verbündeten Vandalen. Sie beendeten die römische Herrschaft in der Region. Noch verwunderlicher ist, dass sich auch die algerische Staatsräson Augustinus anverwandelt hat, den sie wegen seiner berberischen Herkunft zu den großen historischen Figuren zählt. Das ist nur möglich, weil die umfangreichen Überlieferungen des Augustinus natürlich auch viele Diskurse über den Frieden, besonders den jenseitigen, enthalten.
Inzwischen reist Leo XIV. durch Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Anders als in Algerien, sind dort die meisten Menschen Christen. Und der Katholizismus sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, die ihm durch die von den USA finanzierten evangelikalen Sekten entstanden sind.