Bulgarischer Wahlsieger: Radew, dieser Kampfflieger

Sollte Rumen Radew, der strahlende Sieger der bulgarischen Parlamentswahl vom Sonntag, tatsächlich Bulgariens neuer Ministerpräsident werden, brächte er bei EU-Gipfeltreffen künftig ein für Staats- und Regierungschefs ungewöhnliches Fähigkeitsprofil mit ein: Radew war Kampfpilot und Luftwaffengeneral, bevor er in die Politik wechselte.

Er kann – oder konnte zumindest bis vor einigen Jahren – nicht nur russische MiG-29 fliegen, sondern hat auch schon amerikanische F‑16 und französische Rafale-Kampfflugzeuge gesteuert.

Radew wurde 1963 in Dimitrowgrad geboren, einer sozialistischen Retortensiedlung, die stark an ihre deutsche Partnergemeinde Eisenhüttenstadt erinnert und für Fans stalinistischer Architektur einen Ausflug wert ist. Seine Ausbildung begann Radew noch zu Zeiten, da Bulgarien in Treue fest zu Moskau und dem Warschauer Pakt stand. Als Jahrgangsbester ging er 1987 von der bulgarischen Kampffliegerhochschule ab und begann seinen Dienst in einem Jagdfliegerregiment bei Burgas am Schwarzen Meer.

Steiler Aufstieg

Radew stieg rasch auf. Er wurde Staffelkommandeur und später Ausbilder für künftige Flieger. Über seinen Anfängen in kommunistischen Zeiten gerät mitunter aus dem Blick, dass Radew die längste Zeit seines Berufslebens in der Armee eines NATO-Staates diente. Bulgarien trat 2004 der Allianz bei, und Radew setzte seine Karriere nahtlos fort.

Er absolvierte Ausbildungsprogramme in den USA, wurde 2007 zum Brigadegeneral befördert, schließlich sogar zum Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftstreitkräfte ernannt. Er flog aber auch noch selbst. Youtube-Videos zeigen ihn, wie er bei einer Flugschau 2014 kunstvolle Manöver in einer sowjetischen MiG-29 absolviert.

Für die Politik wurde Radew von der Bulgarischen Sozialistischen Partei entdeckt. Sie suchte für die Präsidentenwahl 2016 einen parteilosen, ihr aber ideologisch nahestehenden Kandidaten und glaubte, ihn in Radew gefunden zu haben.

Nachdem er, kräftig unterstützt vom Parteiapparat, tatsächlich gewählt worden war, emanzipierte sich Radew jedoch schnell von den Sozialisten. Die Wiederwahl 2021 gelang ihm glänzend, zumindest auf den ersten Blick: Mit fast 67 Prozent der Stimmen wurde er im Amt bestätigt. Zum Bild gehört allerdings auch, dass sich kaum mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten an dem Stichentscheid beteiligten – ein Negativrekord.

Als Wahlsieger bei der Parlamentswahl ist Radew nun auf jeden Fall zweierlei gelungen: Er hat frühere Nichtwähler mobilisiert und die Wahlbeteiligung gesteigert. Und er hat die Hackordnung der bulgarischen Politik grundsätzlich infrage gestellt. Die Folgen sind noch nicht absehbar.

Source: faz.net