„Ich habe gelesen, dass ich mich scheiden lasse. Ich bin nicht mal verheiratet“
Stephen Bunting ist der Influencer unter den Dartsprofis. Online sieht er sich deswegen deutlicher Kritik ausgesetzt. Hier spricht er über Morddrohungen – und rechtfertigt die Auftritte seines 13-jährigen Sohnes Toby.
Mal testet er hundert Jahre alte Darts, mal versucht er, das Spiel seines Sohnes Toby (13) zu verbessern, mal zeigt er seinen Alltag vor einem großen Turnier. Stephen Bunting ist so etwas wie der Influencer unter den Dartsprofis. Fast täglich postet der frühere BDO-Weltmeister neuen Content. Mit Erfolg: Auf Instagram hat Bunting über 460.000 Abonnenten, auf YouTube über 155.000 und auf TikTok sogar knapp 500.000. Der 41-Jährige galt auch wegen seiner Nahbarkeit lange Zeit als Fanliebling.
Doch wo Aufmerksamkeit ist, ist auch Kritik. Der Bunting sah sich zuletzt vielen negativen Kommentaren zu seinem Online-Auftritt ausgesetzt – und solchen, die unter die Gürtellinie gehen.
WELT: Herr Bunting, haben Sie noch Spaß an Social Media?
Stephen Bunting: Natürlich. Ich mache das ja, um meine Persönlichkeit zu zeigen. Vor allem für die Fans, die bei Turnieren gutes Geld bezahlen, um uns zu sehen. Ich nehme manchmal Nachrichten auf Deutsch auf. Mein Deutsch ist schrecklich, und es kostet mich jedes Mal eine halbe Stunde. Aber es ist wichtig, den deutschen Fans etwas zurückzugeben. Solche kleinen Dinge kommen bei den Fans gut an. Ich finde es sehr wichtig, in den sozialen Medien präsent zu bleiben. Der YouTube-Kanal läuft wirklich gut. Wir versuchen immer wieder, neue Videos hochzuladen, die den Leuten gefallen.
WELT: Bei all den aus Ihrer Sicht tollen Inhalten: Die Frage zielte natürlich auch auf die Kritik ab, der Sie sich zuletzt im Netz konfrontiert sehen. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, sich zu viel auf Ihre Online-Präsenz und zu wenig auf Ihre Leistung im Darts zu konzentrieren.
Bunting: Ich glaube nicht, dass ich auf Menschen, die diese Kritik äußern, antworten muss. Ich war zum Ende des letzten Jahres die Nummer vier der Welt. Ich spiele in der Premier League, ich spiele Dartsturniere auf der ganzen Welt. Und gleichzeitig habe ich wohl die zweit- oder dritthöchsten Followerzahlen aller Dartsprofis. Darauf bin ich auch wirklich stolz.
WELT: Sie scheinen die Zahlen Ihrer Kanäle genau zu kennen. Achten Sie sehr auf Likes, Klicks und Abonnenten?
Bunting: Nein, nicht wirklich. Ich habe ein Team, das sich um all das kümmert. So kann ich mich nur um die Inhalte kümmern und hoffe, dass sie den Leuten gefallen. Das ist mein Job. Und dann kümmern sich mein Management und die Leute, die den YouTube-Kanal betreuen, um den Rest.
WELT: Wie finden Sie bei den ganzen Turnieren überhaupt die Zeit, die Videos aufzunehmen?
Bunting: Wenn ich mal Zeit habe, lege ich einen Achtstundentag ein, an dem ich dann zehn bis 15 Videos produziere. Diese werden in den nächsten Monaten dann nach und nach veröffentlicht. Wenn die Pipeline leer ist, muss ich einen neuen Tag finden. Ich habe keine professionelle Firma hinter mir. Ja, der Kalender ist unglaublich voll. Aber es lohnt sich. Nur wenn ich es einfach so machen und nicht bezahlt werden würde, wäre es ein Problem.
WELT: Sie machen Social Media also des Geldes wegen? Oder für den Fame?
Bunting: Weil es mir Spaß macht. Wie ich schon sagte: Es ist wichtig, seinen Fans eine andere Seite von sich zu zeigen. Ich gewähre ihnen Zugang zu allen Bereichen, auch zu meinem Zuhause. Ich mache Tutorials, wie sie anfangen sollen, wenn sie das erste Mal Darts spielen. Oder dazu, welche Flights sie nutzen sollten. Die Videos sind sehr verschieden. Und wie gesagt: Es nimmt nicht allzu viel Zeit in Anspruch. Ich wende nur ein paar Tage im Jahr dafür auf, dass alles läuft.
WELT: Sie betonen Ihr Verhältnis zu den Fans immer wieder. Es gibt online auch Kritik, dass Sie Ihre Rolle als Fanliebling überreizen – zu oft Ihren Claim „Bunting Mental“ herausposaunen. Können Sie Menschen mit dieser Meinung verstehen?
Bunting: Nicht wirklich, nein. Die ganze Bunting-Mental-Sache hat vor zwölf Jahren angefangen. Es war ein langwieriger Prozess, die Marke aufzubauen. Mittlerweile hat sie einen hohen Standard erreicht. Ich spüre das daran, dass die Leute meine T-Shirts kaufen, mit Schals auftauchen und im Publikum „Bunting Mental“ skandieren. Nichts davon ist inszeniert. Ich hatte schon immer eine großartige Fangemeinde, sei es in Deutschland oder in Großbritannien. Ich glaube, die Leute, die darüber meckern, sind dieselben, die pfeifen und buhen, wenn sie zu Turnieren kommen.
WELT: Macht die Kritik mental etwas mit Ihnen? Bei der WM sind Sie nach Ihrem Sieg in der zweiten Runde gegen Nitin Kumar deswegen immerhin auf der Pressekonferenz in Tränen ausgebrochen.
Bunting: Die Kommentare sehe ich gar nicht mehr. Mark (Dean, Buntings Manager, d. Red.) hat es geschafft, die Möglichkeit zur Interaktion auf meinen Profilen einzuschränken.
WELT: Aber Sie bekommen schon mit, was online über Sie geschrieben wird?
Bunting: Nicht wirklich. Denn wenn ich das lese und einen negativen Kommentar sehe, werde ich genau diese ungefilterten Emotionen wieder zeigen, die ich auf der Pressekonferenz im Ally Pally gezeigt habe. Ich bin ohnehin ein emotionaler Typ. Wenn dann online über meine Familie gesprochen wird, tut das natürlich weh. Und ich habe so viele persönliche Kommentare bekommen: Morddrohungen, Menschen, die meine Kinder umbringen wollen.
WELT: Aber Morddrohungen sind ja etwas anderes als Kritik an Ihrem Auftreten.
Bunting: Ich kann Kritik ertragen. Ich kann Morddrohungen ertragen. Solange niemand mit einem Messer an meine Tür klopft.
WELT: Trotzdem haben Sie sich nach dem Zwischenfall bei der WM dazu entschieden, die Kommentare nicht mehr zu lesen?
Bunting: Ab und zu sehe ich vielleicht mal was. Aber ja, mein Manager und meine Verlobte (Keila, d. Red.) löschen alle negativen Kommentare sehr schnell und blockieren die Nutzer, die sie hinterlassen haben. Ich glaube, in den letzten Monaten gab es aber auch nicht viel Negatives. In den Monaten nach der Weltmeisterschaft war das eher der Fall. Aber in den letzten zwei Monaten war es nicht allzu schlimm.
WELT: Sie berichteten nach der WM auch von Hassnachrichten gegen Ihren Sohn Toby. Er sei von „einigen Internet-Trollen angefeindet“ worden. Wie gehen Sie als Familie damit um?
Bunting: Ich versuche, Toby so gut es geht von Social Media fernzuhalten. Das ist nicht immer einfach. Wir sind eine harmonische Familie. Wir schotten uns von anderen ab, gerade von Menschen, die sich negativ äußern. Das gilt angesichts der negativen Kommentare, die eingegangen sind, noch mehr als früher.
WELT: Sie sagen, Sie wollen Ihren Sohn von Social Media möglichst fernhalten. Gleichzeitig spielt er in vielen Ihrer Videos eine Hauptrolle. Wie passt das denn zusammen?
Bunting: Er ist Teil der Videos, sieht aber keine Kommentare. Er ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Toby liebt Darts, er trainiert mehr als ich und möchte Profi werden. Ich versuche, ihm schon früh die Besonderheiten dieses Sports beizubringen. Da draußen gibt es jede Menge fieser Leute, die nur Unsinn reden. Die machen das, um Aufmerksamkeit zu erregen oder Klicks und Likes zu bekommen. Ich habe neulich einen Beitrag gesehen, dass ich mich scheiden lasse. Ich bin nicht einmal verheiratet. Über Menschen, die so etwas verbreiten, muss man manchmal einfach lachen. Aber wie ich schon sagte: Nichts, was die Zuschauer bei mir zu sehen bekommen, ist Fake. Dazu zählt auch die Verbindung zu meinem Sohn. Mich also zu Hause mit ihm zu zeigen, wie wir spielen, finde ich wichtig.
WELT: Möchten Sie angesichts des Tourlebens denn, dass Ihr Sohn Profi wird?
Bunting: Warum nicht? Ich weiß, dass es anstrengend ist und man viel unterwegs ist. Aber ich könnte auch als Bauarbeiter arbeiten oder am Schreibtisch sitzen. Stattdessen verdiene ich viel Geld, indem ich um die Welt reise, Darts spiele und damit etwas tue, das ich liebe. Ich empfinde es gar nicht als Arbeit. Für mich ist es ein Hobby.
WELT: Gab es mal einen Punkt, an dem Sie mit Social Media aufhören wollten?
Bunting: Nein, denn so halte ich Kontakt zu den Fans. Wenn die Fans mich nicht live vor Ort sehen, können sie mich nur über die sozialen Medien erleben. Jeder Dartsprofi ist seine eigene Marke – und ich habe meine in den letzten Jahren aufgebaut. Ich glaube, wir werden irgendwann ein Video machen, in dem wir über die Online-Trolle und die Höhen und Tiefen in den sozialen Medien sprechen. Damit kann ich andere Spieler warnen, was auf sie zukommen kann. Es gibt viele fiese Menschen da draußen, aber man muss sich auch bedanken. Auf jeden kleinen Mistkerl kommen unzählige tolle Menschen.
WELT: Was wäre schwieriger: Mit Darts aufzuhören oder mit Social Media?
Bunting: Ich glaube, mit Darts.
WELT: Sie glauben?
Bunting: Ich glaube, Darts und Social Media liegen sehr nah beieinander. Ich mache beides gerne. Aber meine Darts-Karriere wird vielleicht noch zehn Jahre andauern, während der Social-Media-Auftritt noch viel länger darüber hinaus Bestand haben wird. Und nach meiner Darts-Karriere möchte ich dem Sport weiterhin verbunden bleiben, sei es als Kommentator oder als Trainer. Ich weiß schon, was ich machen will.
WELT: Haben Sie schon mit Wayne Mardle, dem englischen TV-Experten, über einen Job gesprochen?
Bunting: Ich spreche immer mit Wayne, ja. Vielleicht nicht gerade über das Kommentieren, aber ich glaube, ich kenne mich mit dem Sport ziemlich gut aus. Ich weiß viel und denke, ich würde in jedes Kommentatorenteam gut passen.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er spielt selbst semigut Darts beim VfD Rakete Berlin.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
Source: welt.de