Frankfurter Anthologie: SAID: „Die Haustür ist ungeschützt“

Hier gibt es keine lyrische Obscuritas. Fünf schlichte Verse, zwei klare Sätze und neunzehn wohlvertraute Wörter benötigt der iranisch-deutsche Dichter SAID, um in größter sprachlicher Einfachheit und in pointiertester Kürze vier Linien wie in einem Brennpunkt zusammenzuführen: Schwellenmoment, Rückkehr, vertraute Fremdheit und Spannung charakterisieren das Gedicht. Folgen wir diesen Konturen: Auf der Schwelle, im Zwischenraum von außen und Hausinnerem, markieren die Haustür und der Flur transgressive Räume. Zum Durchgehen geschaffen, sind sie für einen längeren Aufenthalt nicht vorgesehen. Wer sie durchschreitet, befindet sich im Haus, ohne bereits angekommen zu sein. Wobei eine geöffnete Haustür ihre eigene Funktion infrage stellt. Wenn sie eh offen steht (im Gegensatz zum Gang), kann man sie auch gleich weglassen. Funktionsfrei erscheint sie dann, wie die Poesie, die ihrerseits ins Offene weist. Und doch markiert eine offene Tür, dass es weder einen Grund gibt, etwas vom Inneren zu verbergen, noch Angst herrscht vor einer äußerlichen Bedrohung, vor der man Tür und Tor verriegeln müsste. Sie ist ein Willkommenszeichen, noch bevor man die eigentlichen Wohnräume betritt.
Das Gedicht verharrt auf dieser Schwelle, macht – zweite Linie – aber deutlich, dass es sich beim Eintritt in das Haus um eine Rückkehr handelt. Hier kommt jemand an, der mit den räumlichen Gegebenheiten in diesem Haus vertraut ist. Der offenbar weiß, wer dort anzutreffen ist. Oder ob dort niemand zu erwarten ist? Die Rückkehr darf wohl für sich beanspruchen – von Homers „Odyssee“ bis zum Gilgamesch-Epos –, gleichermaßen in westlichen wie östlichen Kulturen einer der traditionsreichsten Topoi der Literaturgeschichte zu sein. In SAIDs Miniatur ist also jemand auf dem Weg nicht nur in ein Haus, sondern nach Hause.
Der Fehlgriff der verwestlichten Hand
Daher überlagern sich Erinnerung und Erleben in diesem Gedicht. Wobei im Flurdunkel gilt: Wer nicht sehen kann, muss fühlen. Gekonnt setzt SAID – dritte Linienführung – eine im Alltag absolut unauffällige, weil routinierte Körpertechnik in Szene. Schon mal daran einen Gedanken verschwendet, wie man einen Lichtschalter betätigt? Doch nur im Ausland! Wenn man auf andere Schaltkreise und Widerstände trifft als in der Heimat. In Deutschland befindet sich der Schalter immer an der Klinkenseite. Man kommt von außen rein, bedient ihn mit der rechten Hand. Das Leben in der Fremde mag einem immer fremd geblieben sein, aber die Hand hat diesen Griff automatisiert, um Licht ins Dunkel zu bringen. Dieser Automatismus bedeutet: Heimat.
SAID, der, seit er 1965 nach Deutschland kam, bis zu seinem Tod 2001 nur noch einmal nach Iran zurückkehrte (im Jahr 1979), hat diese minimale Zuhause-Geste im Blick. Denn jetzt, beim Überschreiten der Schwelle, zeigt der Fehlgriff der über die Jahre trainierten verwestlichten Hand, dass man auch in der Heimat fremd geworden ist: Es wird kein Licht. Totale Obscuritas! Im iranischen Haus befindet sich der Lichtschalter auf der anderen Seite. Was für eine luzide Zuspitzung – ja, man darf das Luziferische im Wort mithören – des in Iran geborenen Schriftstellers, der ausschließlich in mit verwestlichter Hand geschriebener deutscher Sprache veröffentlichte. Und auf welche wunderbare Weise in diesem dunklen Augenblick doch Helligkeit herrscht, erkennt, wer auf die ausschließlich hellen Vokale des zweiten Satzes achtet. Wer nicht sehen kann, muss hören.
Weil dieses Gedicht im entscheidenden Umschaltmoment über elektrische Infrastruktur reflektiert, ist es zugleich auch eines über Spannung. SAID greift die aus der Mnemotechnik der Rhetorik bekannte Hausmetapher auf, um beim Hauseintritt mit dem Unheimlichen zu spielen. Wer ins (nicht halb, sondern explizit „ganz“) Dunkel des Hausflurs tritt, mag mit den allgemeinen Gegebenheiten vertraut sein. Aber mit den situativen ist er es nicht: Wohnt da wer? Ist dieser Ort inzwischen besetzt? Das wird sich erst ein paar Schritte und Türen weiter erweisen. Aber im Schwellenmoment herrscht Spannung. Auch eine innere Anspannung. Es ist wie beim elektrischen Schaltkreis des Lichts: Schalter umgelegt, der Regelkreis schließt sich, die Spannung fällt ab, die Lampe leuchtet auf. Der Licht- als Rückkehrmoment löst sich in Entspannung auf. Bei Licht gesehen, klar reflektiert, liegt nun im Gang durch und mit der doppelten Fremde, die weder in der Heimat noch im Zuhause ankommen lässt, die Besonderheit des eigenen Lebens. Niemand anderes als SAID hätte ein solch singuläres Gedicht in die deutschsprachige Lyrik einbringen können, das in der Kunde seiner Elemente auf so eigene Weise das Iranische mit dem Deutschen verschaltet.
SAID: „Die Haustür ist offen“
Die Haustür ist offen
und der Gang ganz dunkel.
Meine verwestlichte Hand
findet keinen Schalter
links neben der Tür.
SAID: „Wo ich sterbe, ist meine Fremde“. Gedichte. Peter Kirchheim Verlag, München 1987. 84 S., br., 11,50 €.
Von Christian Metz ist zuletzt erschienen: „Augenmaß“. Matthes & Seitz, Berlin 2024. 122 S., br., 14,– Euro.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
Source: faz.net