RT Documentary: So funktioniert raffinierte Hochglanzpropaganda aus Russland

In einem abgedunkelten Raum steht ein junger Mann mit kahl geschorenem Kopf. Schweißperlen laufen ihm über das Gesicht, während er mit verbissener Konzentration auf einen schweren Sandsack einschlägt. Jeder Treffer hallt dumpf durch den Raum. Eine Therapeutin spricht leise, fast zärtlich: „Atme. Lass es raus.“ Die Kamera verweilt lange auf seinen Schultern – zuerst verkrampft und angespannt, dann plötzlich sinkend, als würde eine unsichtbare, schwere Last von ihm abfallen. Man spürt die Erschöpfung, die Anstrengung, aber auch den winzigen, zerbrechlichen Moment der Erleichterung. Es ist ein intimer, fast privater Augenblick – und doch wird er zur Eröffnung einer größeren Erzählung.

Schnitt. Ein Fallschirmjäger aus Nowosibirsk lacht befreit, während er mit Jugendlichen in einem Sportzentrum trainiert. Ein anderer Veteran aus Sankt Petersburg steht vor einer Gruppe und erzählt stockend, wie er gelernt hat, seine Aggressionen zu kontrollieren. Die Bilder sind kraftvoll, die Musik hoffnungsvoll. Der Dokumentarfilm „PTSD: at Tunnel’s End“ erzählt eine erlösende Geschichte: russische Soldaten und Veteranen, die ihre seelischen Wunden durch harte Körpertherapie, Sport, Arbeit mit Jugendlichen und patriotisches Engagement heilen.

So erweckt der Film den Eindruck, eine schwere posttraumatische Belastungsstörung ließe sich in Russland innerhalb von nur sechs Monaten so weit bewältigen, dass die Betroffenen wieder ein normales, glückliches Leben führen können. Diese Darstellung ist falsch. Internationale Studien und die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie zeigen klar: Eine vollständige Heilung schwerer PTSD erfordert in der Regel eine langfristige, oft mehrjährige therapeutische Begleitung. Die schnelle Heilung, die hier suggeriert wird, ist nicht nur unrealistisch – sie ist auch gefährlich, weil sie die reale Schwere der psychischen Verwundungen bagatellisiert und eine gesellschaftliche Verdrängung der Kriegsfolgen erleichtert.

Eine Art russisches Arte

„PTSD: at Tunnel’s End“ ist einer der vielen Dokumentarfilme, die man bei RT Documentary sehen kann. Die Plattform sieht auf den ersten Blick wie ein anspruchsvoller europäischer Kultursender aus, eine Art russisches Arte mit schicken Hochglanzfilmen. Die Produktionen sind handwerklich brillant: ruhige, suggestive Erzählstimmen, cinematographisch starke Bilder, sorgfältig komponierte Musik und mehrsprachig vertont. Ob die endlosen Weiten Sibiriens, die goldenen Kuppeln orthodoxer Kirchen, die Rettung verletzter Tiere oder intime Alltagsporträts – vieles wirkt zunächst einfach nur schön, nachdenklich und informativ, produziert mit handwerklicher Sorgfalt und ästhetischer Ambition.

Doch genau diese Anmutung ist Teil der Verführung. RT Documentary (kurz rt.doc) ist kein unabhängiger Dokumentarfilm-Kanal. Er ist ein Ableger des russischen Staatssenders Russia Today, vollständig vom Kreml finanziert und politisch gesteuert. Seit seiner Gründung 2011 produziert er internationale Dokumentationen, die vor allem auf Englisch und Russisch laufen und kostenlos zugänglich sind.

Die Russen sind immer die Opfer

Die reale Reichweite bleibt gering. Während RT offiziell von Hunderten Millionen potentiellen Zuschauern spricht, zeigen unabhängige Daten für rt.doc.tv lediglich etwa 60.000 Besucher pro Monat – bei einer durchschnittlichen Verweildauer von nur 38 Sekunden. Seit März 2022 unterliegt das gesamte RT-Netzwerk EU-Sanktionen. Dennoch bleibt der Sender über Spiegel-Seiten, VPNs und Satellitenempfang weiterhin erreichbar und findet sein Publikum – vor allem jenes, das nach einer „anderen Sicht“ sucht oder sich von westlichen Medien enttäuscht fühlt.

Militärdienst als höchstes Ideal: Szene aus dem Film „The Dream“
Militärdienst als höchstes Ideal: Szene aus dem Film „The Dream“rt.doc

Von der Europäischen Kommission und Organisationen wie Reporter ohne Grenzen wird der Sender als klassisches Propagandainstrument des Kremls eingestuft. Besonders seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 dominiert eine stringente Erzählung: Der Krieg ist eine defensive „Spezialoperation“, die russische Armee handelt heldenhaft und moralisch überlegen, der Westen hingegen ist dekadent, aggressiv, neokolonial und moralisch bankrott.

Diese Erzählung zieht sich in den verschiedensten Formen durch fast alle relevanten Produktionen, als explizite Propaganda oder als nationalistischer Unterton, als Feier russischer Tradition oder kosmopolitischer Moderne. In Filmen über die „Spezialoperation in der Ukraine“ werden rührende Geschichten erzählt: wie ein orthodoxes Kloster Bedürftigen Schutz bietet, wie ein Nachfahre von Kaiser Nikolaus I. im Donbass „für Frieden kämpft“ oder wie eine Brigade mit Soldaten unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Konfessionen zu „Waffenbrüdern“ werden. Erzählt werden ausschließlich Opfergeschichten: wie eine junge Frau, die einen Arm und ein Bein verloren hat, zur Schönheitskönigin wurde; wie Waisenkinder neue Eltern finden; wie man mit Amputationen klarkommt und dabei auch noch erfolgreich wird und daran „wächst“.

Viel Wert legt rt.doc dabei auf die sogenannten traditionellen russischen Werte. In „The Dream“ werden junge Männer begleitet, die mit beinahe religiöser Inbrunst ihren Traum verfolgen: die Aufnahme in die russischen Luftlandetruppen. Die Bildsprache ist bewusst motivierend, die Musik pathetisch überhöht – der Militärdienst erscheint als höchstes Ideal. „Soul Renovation: Donbass Churches Rebuilt“ inszeniert den Wiederaufbau zerstörter Kirchen im Donbass als spirituelle Erneuerung eines ganzen Volkes. Während der Westen als destruktiv dargestellt wird, erscheint Russland als Kraft, die nicht nur Häuser, sondern auch die „russische Seele“ wieder aufbaut.

Von der Leyen, Baerbock, Kallas als Marionetten des Westens

Kritik gibt es auch, aber natürlich vor allem an den vermeintlichen Lügen und Heucheleien des Westens. „Russians Cancelled“ etwa zeichnet das Bild einer systematischen Russophobie im Westen. Der Film stilisiert Russen und russischsprachige Menschen zu Opfern einer umfassenden Ausgrenzung – von abgesagten Konzerten über gekündigte Verträge bis hin zu offenen Anfeindungen im Alltag. In „Bloody Puppets of the West“ dagegen werden westliche Politikerinnen wie Ursula von der Leyen, Annalena Baerbock oder Kaja Kallas als willenlose Marionetten mächtiger Männer im Hintergrund inszeniert. Der westliche Feminismus, suggeriert der Film, sei nichts als ein Instrument antirussischer Politik; der „wahre Feminismus“ existiere angeblich in Russland – wo Frauen Stärke und traditionelle Werte vereinten. Überhaupt scheint Russland ein Paradies für emanzipierte Frauen zu sein, wie sie in vielen Filmen porträtiert werden, als Soldatinnen an der Front, als Bodyguards oder als Aeroflot-Pilotinnen.

Auch ein anderes Narrativ der russischen Propaganda taucht wiederholt in den Filmen auf: In „Bloody Puppets of the West“ wird Baerbock an ihren Nazi-Opa erinnert und dieses Erbe wiederum zum Fundament westlicher Politik hochgespielt: Der Westen, heißt es im Film, habe lange Zeit „faschistische Tendenzen“ gezeigt, doch solche „unterdrückten, unbewussten Prozesse“ tauchten heute „gemäß der Gesetze der Psychologie“ immer wieder auf. Diese These wird in einem anderen Film auf den Begriff „Demokratischer Faschismus“ gebracht: Er argumentiert, dass der Nazismus kein deutsches Einzelphänomen gewesen sei, sondern in Europa schon lange vor dem Dritten Reich „normal“ und verbreitet war. Der Film zeichnet ein Bild, in dem der Westen systematisch eine Überlegenheitsideologie pflegt und diese mit militärischer und politischer Gewalt durchsetzt.

Ausländische Stimmen als Kronzeugen

Immer wieder widmen sich Filme auch dem westlichen Kolonialismus – als moralischem Gegenpol, an dem sich alles misst. In zahlreichen Dokumentationen wie „Battle for Africa“, „Mali: Au Revoir France“ oder „Namibia: Pain to Pay For“ wird der Westen als ausbeuterische, rassistische und bis heute neokoloniale Macht dargestellt. Zugleich inszeniert der Sender die indigenen Völker Russlands – Jakuten, Tschuktschen, Nenzen und andere sibirische Gemeinschaften – als seit Jahrhunderten harmonisch in den russischen Staat eingebunden. Filme wie „The Many Faces of Siberia“ oder „Tundra Wonder Mums“ zeigen sie als stolze, traditionsbewusste und zugleich loyale Bürger eines multiethnischen Russlands, das – so die Erzählung – im Gegensatz zum kolonialen Westen nie unterdrückt, sondern stets vereint habe. Dass Russland seine Minderheiten im Krieg überproportional einsetzt und verheizt, bleibt dabei unerwähnt.

Um all diesen Inhalten Glanz und internationale Legitimität zu verleihen, veranstaltet RT Documentary seit 2023 auch ein eigenes internationales Dokumentarfilm-Festival. Unter dem pathetischen Motto „This is the time of heroes. This is our time“ versammelt es Filmemacher, Kriegsberichterstatter, Künstler, Dichter und Musiker – darunter auch der Philosoph Alexander Dugin. Eine zentrale Rolle spielen dabei auch ausländische Stimmen, die ihre Liebe zu Russland entdeckt haben und als Kronzeugen dafür dienen, wie vielfältig und fortschrittlich das Land ist: In der Serie „Sasha Meets Russia“ „entdeckt“ eine russisch-amerikanische junge Frau die Küche und die Traditionen Russlands als „Schmelztiegel der Kulturen“.

Der Film „Nash Texas“ (Unser Texas) begleitet den US-Amerikaner Russell „Texas“ Bentley als idealistischen, überzeugten Aktivisten für die „Volksrepublik Donezk“. Der Zuschauer erlebt ihn als mutigen Antifaschisten. Am Ende bleibt nur eine schlichte, nüchterne Kachel: „Fiel im Krieg in der Ukraine“. Verschwiegen wird, dass Bentley nach übereinstimmenden Berichten russischer und separatistischer Quellen durch russische Soldaten getötet wurde – offenbar bei einem internen Konflikt.

Der Amerikaner Tofurious Maximus Crane in Donkosaken-Uniform in der Serie „Curious Tofurious“
Der Amerikaner Tofurious Maximus Crane in Donkosaken-Uniform in der Serie „Curious Tofurious“rt.doc

Eine Art Star des Senders ist Tofurious Maximus Crane, ein US-Amerikaner mit nicht näher ausgewiesenen „russischen Wurzeln“, der in der Reihe „Curious Tofurious“ durchs Land reist, um „wieder eine Verbindung zur Heimat seiner Vorfahren herzustellen“. Crane ist aber auch in anderen Filmen zu sehen: In „Notes from an American in Donbass“ ist er mit russischen Soldaten im Donbass unterwegs, wird Zeuge von angeblich ukrainischen Angriffen und schämt sich für sein Land. In der Gesprächssendung „To Russia with Love“ spricht er mit anderen Expats, die ihr Land verlassen haben, über die warmherzigen Menschen in Russland, unter anderen mit dem Franzosen Fabrice Sorlin, dem Vizepräsidenten der „Internationalen Bewegung der Russophilen“, einer Organisation, die laut EU von der russischen Regierung finanziert wird und als Deckorganisation gilt, um antiwestliche Stimmungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Wer solche Hintergründe nicht kennt, läuft Gefahr, der raffinierten Propaganda von rt.doc auf den Leim zu gehen. Denn der Sender beherrscht das dokumentarische Handwerk gut: Die Bilder sind stark, die Geschichten emotional, die Dramaturgie ist präzise gebaut. Die Filme arbeiten gezielt mit Emotionen, Ästhetik und selektiven Wahrheiten, um ein geschlossenes Weltbild zu erzeugen: Russland als Opfer und moralische Instanz, der Westen als Bedrohung. Aber hinter der Oberfläche steht kein offener Diskurs, sondern ein staatlich gesteuertes Medium, das nicht nach Wahrheit sucht, sondern ein politisch gewünschtes Narrativ festigt.

Source: faz.net