Deutsche Erinnerungskultur: Nazi-Keule
Konzentrationslager Buchenwald. Das bedeutet: fast acht Jahre lang Tod, Zwangsarbeit und Misshandlung. 277.800 Häftlinge, 30.000 Jugendliche und Kinder, das kleinste erst zwei Jahre alt. Mehr als 56.000 Tote. Verhungert, erschossen, erhängt, bis zum Verderben gequält.
Es ist nur eines der unzähligen Verbrechen der Nationalsozialisten, und doch ist schon dieses eine heute nicht mehr wirklich denkbar. Aber: Es ist gedenkbar. Und es muss gedenkbar bleiben. Weil „Erinnerung das Einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt“, wie es Hape Kerkeling bei der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald sagte.
Der Tag zeigte jedoch, dass ein Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten für manche anscheinend zu wenig ist. Vor allem zwei Gruppen lenkten gezielt von der Schuld der Deutschen und ihren Opfern ab. Die eine Gruppe nennt sich „Kufiyas in Buchenwald“ – eine Kufiya ist ein Palästinensertuch. Die Gruppe filmte sich im ehemaligen KZ mit T-Shirts, auf denen stand: „From Buchenwald to Gaza – From Resistance to Liberation“. Dieser Protest war ihnen untersagt worden wegen der Wahrung der Würde der Opfer. Aber die war für die Gruppe offenbar zweitrangig.
Die andere Gruppe war ein Bündnis der Zivilgesellschaft, das eine Kundgebung am Jahrestag in der Weimarer Innenstadt abhielt, zu der die deutsch-israelische Gesellschaft aufgerufen hatte. Das Motto: „Keine Propaganda in Buchenwald“, oft hieß es auch: „Keine Kufiyas in Buchenwald“. Während der thüringische Innenminister sprach, hielt ein Mann neben ihm auf der Bühne eine Zeichnung in die Höhe. Es zeigte Hitler – mit einem Palästinensertuch um den Hals. Der Mann verteilte Kopien dieser Zeichnung in die Menge, und so hielten auch bald andere den palästinensischen Hitler in die Höhe.
Die „Nazis“ waren am Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald für diese beiden Gruppen also wahlweise die Juden oder die Palästinenser. Der deutsche Nazi und seine Verbrechen – er wurde zur Nebensache.
Und das in einer Zeit, in der ein Geist im Aufschwung ist, für den Hitler und die Nazis nicht mehr sind als ein „Vogelschiss“ der Geschichte. Die rechtsextremistische AfD in Sachsen-Anhalt hat einen Tag vor der Gedenkfeier ihr „Regierungsprogramm“ beschlossen. Sie will im Herbst die absolute Mehrheit erreichen, um dann in den Schulen die „Geschichtslehrpläne (zu) überarbeiten“. Der Schwerpunkt soll auf 1871 und der „Erfolgsgeschichte“ des Deutschen Reiches liegen – es ist das, was ihr kulturpolitischer Sprecher Hans-Thomas Tillschneider schon länger fordert: „Mehr Bismarck, weniger Hitler“.
Geschichte erinnern heißt für die AfD, das „soldatische Opfer ehren!“, und zwar „ohne kleingeistige politische Wertungen“. Schüler sollen „im Geist der Liebe zu ihrer Heimat und dem deutschen Volk“ erzogen werden. Kunst und Kultur sollen „deutsch denken!“, also gefördert werden, wenn sie „einen Beitrag zur deutschen Identitätsfindung“ leisten. Abgelehnt wird Kunst wie das Bauhaus, die „jedes Anzeichen von nationaler Verwurzlung“ vermeide.
Das Gedenken in Buchenwald an die NS-Verbrechen ist eine konkrete Mahnung, was Deutsche nie wieder sein, was sie nie wieder tun dürfen. Dieses Gedenken schmälert oder vertuscht nicht die unzähligen anderen Verbrechen der Welt, die es derzeit gibt. Es verurteilt sie. Aber es handelt nicht von ihnen.
Source: faz.net