Fleischwerbeverbot in Amsterdam: Notwendig oder Bevormundung?
Europamagazin
Amsterdam verbietet Werbung für Produkte, die besonders hohen CO2-Ausstoß verursachen. Darunter: Fleisch und Flugreisen. Für die einen ist es gesellschaftliche Verantwortung – für die anderen Bevormundung.
Der Cowboy mit der Zigarette reitet auf der Leinwand nicht mehr in den Sonnenuntergang. Lange waren Szenen wie diese fester Bestandteil eines Kinobesuchs. Doch Werbung für Tabakprodukte ist mittlerweile verboten. Rauchen soll nicht als cool präsentiert werden – in der Hoffnung, dass Menschen gar nicht erst zum Rauchen gebracht werden.
Amsterdam geht jetzt noch einen Schritt weiter: Demnächst ist dort Werbung für Fleisch, Flugreisen und fossile Brennstoffe im öffentlichen Raum verboten.
Es ist die erste Großstadt mit einem solchen Beschluss. Kleinere Städte in den Niederlanden wie Haarlem oder Utrecht hatten diesen Weg schon früher eingeschlagen.
Amsterdam „hat Verpflichtung, die Klimakrise zu bekämpfen“
Die Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, den CO2-Ausstoß zu verringern. Bei der Fleischproduktion entstehen große Mengen an Treibhausgasen, genauso ist es bei Flugreisen. Also soll dafür auch nicht geworben werden, so die Stadt Amsterdam.
Jenneke van Pijpen von der Partei GroenLinks hat das Verbot mit auf den Weg gebracht. Aus ihrer Sicht ist es ein zwingend notwendiger Schritt: „Die Stadt hat Verpflichtungen, zum Beispiel die Gesundheit der Einwohner zu verbessern und die Klimakrise zu bekämpfen. Dazu passt auch, solche Werbung zu verbieten.“
Burger mit Fleisch wird es in Amsterdam auch weiterhin zu kaufen geben, nur eben keine öffentliche Werbung dafür. Gelten wird das Verbot in Amsterdam für Plakatwände, Haltestellen und Bahnhöfe. Ausnahmen gibt es: Supermärkte dürfen weiter bei sich werben, ebenso Restaurants oder Fleischereien.
Reine Symbolpolitik?
Noch hängt in der niederländischen Hauptstadt Werbung für Rindfleisch-Burger und Flugreisen zur Fußball-WM. Wie kommt das geplante Verbot dort an? Momentaufnahme in der Innenstadt: Nicoline Dubbelaar sagt: „Wir essen alle zu viel Fleisch und fliegen zu viel. Das kann man verringern. Wir machen ja auch keine Werbung für Zigaretten.“ Ihre Schwester Annemieke ergänzt: „Weniger Werbung heißt weniger Konsum. Also prima.“
Bleibt die Frage, welchen Effekt es hat, die öffentliche Werbung zu verbannen. Ist es am Ende nur reine Symbolpolitik?
„Für die Stadt ist es super, erstmal zu zeigen: Man übernimmt gesellschaftliche Verantwortung, regt den Diskurs an. Das kann das Image der Stadt fördern“, sagt Professorin Sandra Reimann. Sie leitet den Regensburger Verbund für Werbeforschung. Bei der kurzfristigen Wirkung klingt sie zurückhaltend: „Den Konsum wird es, salopp gesagt, nicht sofort stoppen oder reduzieren.“
Bevormundung oder das Gegenteil?
Bei der Entscheidung im Stadtrat gab es auch eine relevante Minderheit dagegen. Die reichte jedoch nicht, um das Projekt zu stoppen.
Gelten soll das Werbeverbot formell ab dem 1. Mai. Melanie van der Horst, die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt, hatte das als „fast unmöglich“ bezeichnet. Noch laufen Diskussionen, ob es zur Umsetzung eine Übergangsfrist geben wird.
Das Vorhaben hat auch in der Bevölkerung nicht nur Befürworter. Hier gehe es doch um allgemein akzeptierte Dinge wie Lebensmittel, nicht um Drogen oder Waffen, sagt Dylan Mayer: „Das ist Bevormundung. Das kann doch jeder selbst entscheiden.“ Willem Dijkstra nennt es „paternalistisch“. Initiatorin van der Pijpen von der Partei GroenLinks widerspricht: „Werbung ist Bevormundung. Die manipuliert Menschen, Sachen zu kaufen. Das stoppen wir.“
Das Experiment kann beginnen. Hilft es, das Klima zu schützen? Oder werden hier Menschen bevormundet? Es ist eine Entscheidung, die Stoff für Diskussionen liefert.
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Source: tagesschau.de
