Auf jener Art Düsseldorf: Nur keine Panik!
Es war ein Schreckmoment für die Art Düsseldorf – ihr Direktor Walter Gehlen muss einen Schluck Wasser nehmen, so sehr sitzt ihm das Unbehagen noch im Hals, als er vor der Presse davon berichtet. Die erfreuliche Nachricht aber lautet: Die Messe findet statt. Als vor zehn Tagen die Technik des Spediteurs für die unzähligen Tonnen an Kojenwänden streikte, stand sie ernsthaft auf der Kippe, bevor sich sehr kurzfristiger Ersatz für den Transport finden ließ.

Um ihre Attraktivität und Zugänglichkeit für das Publikum zu steigern, hat die Art Düsseldorf jüngst ihren Mitarbeiter Gilles Neiens zum künstlerischen Leiter befördert. Der vormalige Art Market Sales Manager des Magazins „Monopol“ und Betreiber eines Berliner Offspace will kuratorische Akzente setzen. Die Stände der rund 120 Aussteller, soweit diese sich darauf einlassen wollten, sind mit drei Labels versehen namens „Panic Attack“, „Cosmic Feel“ und „Ōjigi“, japanisch für Verbeugung, Wertschätzung – eine Verneigung auch vor der japanischen Community in der Stadt.
Solche Seelsorge mit Feelgood-Vibration überschreitet mühelos die Grenze zum Kitsch, kann den besten Ständen der Messe aber zum Glück nicht viel anhaben wie der kleinen Kapelle für drei große Bildwerke von Günter Uecker, die die Münchner Galerie Storms für jeweils 360.000 Euro anbietet. Sie ist vielleicht der schönste Beitrag zur laufenden Messe.

Großer Stand, kleine Formate lautet das Prinzip bei der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin, die ebenso wie Esther Schipper aus Berlin zum ersten Mal an der Art Düsseldorf teilnimmt. Man habe sich „das zwei Jahre angeschaut, uns gefällt das Line-up“, so Schipper-Direktor Jonas Kriszeleit. Mit diesen Neuzugängen kann Düsseldorf tatsächlich punkten, auch wenn die Stimmung schon mal „fiebriger“ gewesen sei, wie Grässlin bemerkt, wobei Düsseldorf „natürlich nicht die Art Basel“ sei.
Kein Widerspruch, aber, der Vergleich drängt sich wegen der zeitlichen Nähe auf, das Angebot ist dichter, gehaltvoller als auf der soeben über die Bühne gegangenen Art Cologne Palma Mallorca (F.A.Z. vom 11. April). Das Angebot, auf die Ferieninsel zu expandieren, hatte Düsseldorf abgelehnt. Er könne sich aber – möglicherweise, wenn überhaupt, irgendwann – vorstellen, auf den Balearen „etwas mit Skulptur“ zu machen, gibt Gehlen gegenüber der F.A.Z. zu verstehen. So ganz scheint der Ruf Mallorcas noch nicht verklungen. Unisono hört man das Lob über die organisatorische Betreuung in der Landeshauptstadt, nicht selten verbunden mit dem Lamento, diese lasse anderswo zu wünschen übrig.

Ihr Debüt in Düsseldorf gibt auch die Warschauer Hos Gallery mit Aquarellen auf Leinwand der Belarussin Dinka. Dem Phänomen Migration spürt die Künstlerin in verzerrten Gesichtern nach, darunter auch die ihrer Kinder. Elisabeth und Klaus Thoman (Wien) bieten zwei Bilder von Johannes Wohnseifer aus dessen Werkserie „In the German West“ über das Bauhaus an, einen Baumarkt in Köln wohlgemerkt, den er regelmäßig aus dem fahrenden Pkw aufnimmt, nicht die historische Avantgarde-Akademie (je 7000 Euro).
Die Galerie Rehbein (Köln) versucht sich an einer ausführlichen Definition von „Cosmic Feel“ („kein Blick ins All, sondern nach innen, ein inhärentes, intrinsisches Wissen darum, das alles miteinander verbunden ist“), belegt dies aber überzeugender mit einer kraftvollen, auf chemischen Prozesse zurückgehenden Abstraktion der Amerikanerin Dove Bradshaw (55.000). Klaus Gerrit Friese (Berlin) offeriert eine „Raumplastik Deutsche Bank Frankfurt“ von Norbert Kricke aus dem Jahr 1970, die Modell geblieben ist (170.000); die Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer eine frühe, an Brâncuși orientierte Kleinplastik von Carl Andre aus dem Jahr 1958 für 320.000 Euro.

Bei allen Unkenrufen über einen schwächelnden Markt auch im Rheinland, den zuletzt das Branchenmagazin „Artnet News“ ventiliert hat, ist die rheinische Sammlerschaft wohl doch mehr als bloß ein „Mythos“. Händler setzten verstärkt auf lokale Käufer, heißt es in der Expertise, doch das sei trügerisch. Diese Einschätzung widerspricht aber einer Beobachtung, die man wiederholt von Galeristen und Künstlern hört: Wie aus dem Nichts tauchten immer wieder neue, wohlhabende Käufer aus Meerbusch auf, die bereit seien, spontan auch tiefer in die Tasche zu greifen, und eine ganz andere Klientel bildeten als jene in der Domstadt – wo Kunst eher aus Leidenschaft, weniger aus Prestigegründen erworben werde.
„Düsseldorf fühlt sich jünger an als Köln“, findet Pietro Atchugarry, ein Galerist aus Miami, will dieses Jahr aber an beiden Messen teilnehmen, um für seine Künstler einen Fuß in die Tür der anspruchsvollen Institutionen zu bekommen, so auch für die Malerin Alicia Viebrock und ihren gestischen Neo-Expressionismus (24.000). Die Galerie basedonart (Düsseldorf) schließlich bereitet den fragilen Skulpturen der 1944 in Bonn geborenen Inge Schmidt einen gelungenen Auftritt, auf dass die ehemalige Städel-Studentin die Aufmerksamkeit erhält, die ihr gebührt (12.500 bis 130.000).
Art Düsseldorf, Areal Böhler, bis 19. April, Tageskarte 29 Euro
Source: faz.net