Theater in London: „Oh, Mary!“ oder wie ich mich in Lincolns Frau verliebte

Eine feministische Neuinterpretation von Mary Todd Lincolns Leben begeistert im Londoner Westend. Über radikale Sichtbarkeit und wenn – anders als in Deutschland – das Publikum ohrenbetäubend feiert


Ohne staatliche Theaterförderung landet man in Großbritannien bei einem einfachen Theaterticket locker bei 250 Pfund

Foto: Manuel Harlan


Ich gehe wahnsinnig gerne in Großbritannien ins Theater. An der dortigen Theaterkultur und Atmosphäre ist der deutsche Kelch von „Theater als Lehr- und Moralanstalt“ zum Glück vorbeigegangen. Eher weht dort noch der Shakespeare’sche Geist von Blood, Love, Murder and Fantasy durch das Parkett. Als ich vor Kurzem in London haltmachte, landete ich also im Trafalgar Theatre im Westend.

Der Preismarkt hatte das entschieden. Ohne staatliche Theaterförderung landet man nämlich bei einem einfachen Theaterticket locker bei 250 Pfund, etwa für die aktuelle Romeo-und-Julia-Inszenierung von Robert Icke, der für seine radikalen Klassiker-Überarbeitungen bekannt ist (sein Ödipus ist in Kürze am Residenztheater in München zu sehen, da kann ich mir seine Regiearbeit dann subventioniert ansehen!).

Für die Komödie Oh, Mary! gab es noch ein paar Restkarten und auf die sogar noch 40 Prozent Rabatt, sodass ich für nur 80 Pfund ins Theater kam, ohne genau zu wissen, was mich erwartete. Es sollte um die Ehefrau von Abraham Lincoln und ihren Traum, auf der Bühne zu stehen, gehen. Sehr gut, dachte ich, eine feministische Überschreibung!

La-Ola-Wellen zum Einstieg

Die Stimmung war bestens, im Foyer und Parkett ohrenbetäubender, lachender Theatervorfreudelärm. Schreiend fragte ich meine Begleitung, wie denn das gesalzene Karamellpopcorn schmecke, das alle um uns herum futterten, und goss mir – von diesem Theaterabend bereits vollständig überzeugt – in der elften Reihe meine Halbliterdose Somerset-Cider hinter die Binde, während das Publikum zu der lauten Einlassmusik von Liza Minellis Losing My Mind und Grace Jones’ Tomorrow bereits dazu übergegangen war, La-Ola-Wellen zu vollführen. Ich rutschte begeistert auf meinem Sitz hin und her. Krass, schrie ich, guck mal, wie toll!

Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, wie unfassbar lustig der Abend noch werden würde. Oh, Mary! hat einen ziemlichen Gaga-Plot, der eigentlich keine Rolle spielt: Mary Todd Lincoln, die Frau des US-amerikanischen Präsidenten, hat ein Ziel – sie träumt davon, als Schauspielerin in einem Cabaret aufzutreten, was ihr Mann verbietet. Also säuft sie hemmungslos und wird depressiv und die erste Szene ihres Auftritts, in der sie die versteckte Whiskeyflasche im Präsidentenbüro sucht, ist schon so slapstickhaft komisch und rasant gespielt, dass sich das Publikum vor Lachen biegt.

Der (heimlich homosexuelle) Abraham heuert einen attraktiven Schauspiellehrer an, um Mary sein Wohlwollen vorzugaukeln, in den Mary sich verliebt. Doch als sich herausstellt, dass der Schauspiellehrer eine Affäre mit ihrem Mann hat, knallt sie Abraham im Theater ab und spielt, singt und tanzt schließlich ihr finales Cabaret-Medley, das zum Triumph gerät.

Mason Alexander Park brilliert

Begeistert haben mich nicht nur die schnellen Klipp-Klapp-Dialoge, der böse und sexuell aufgeladene Humor, das satirische Verdrehen präsidentialer Größe und das absolut kunstvolle Schauspiel im Komödien-Hochdruck. Ich verliebte mich regelrecht in diese kompromisslose Mary-Figur, hinter deren finsterem und wütendem Charakter der unbedingte Wunsch nach Anerkennung und Selbstverwirklichung brennt. Das ist auch das Verdienst der beeindruckenden Darstellung von Mason Alexander Park, ein:e trans-Schauspieler:in aus den USA.

Die radikale Sichtbarkeit und Feier von Queerness ließ das Stück von Cole Escola bereits in New York von einer kleinen Off-Produktion zu einer Kultinszenierung am Broadway werden. Lange hat mich nichts mehr so bewegt, wie diese unerschrockene Frauenfigur, die sich ohne Rücksicht auf die Bühne kämpft, allen Männern zum Trotz, und sich Mut zuspricht: „Mary, you can do this!“ Und damit irgendwie uns allen. So viele glückselige Gesichter danach auf dem Trafalgar Square, alle seufzend: „Oh, Mary!“