Bitte mehr davon – dieser Platzverweis gegen Real Madrids Camavinga war wunderbar

Der FC Bayern profitierte bei seinem Einzug ins Halbfinale der Champions League vom Gelb-Rot gegen Real Madrids Camavinga. Niemand wollte den Platzverweis, nicht mal der Schiedsrichter. Die Reaktionen dokumentieren die Sittenverrohung im Fußball.

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Nach dem siegreichen Spiel war Joshua Kimmich in Gedanken bei seinem Sohn. Im Interview bei DAZN wandte er sich an ihn und nahm, einmal in Fahrt, gleich dessen gesamte Generation mit. „Ich hoffe“, sprach der Kapitän des FC Bayern, „ich hoffe, alle Kinder in Deutschland durften ein bisschen länger wachbleiben. Ich hoffe, meine Frau hat meinen Sohn länger wachgelassen. Morgen dann zur dritten Stunde in die Schule.“

Tatsächlich hatte dieses 4:3 im Viertelfinalrückspiel der Champions League gegen Real Madrid wie schon das Hinspiel ein Spektakel geboten. Sieben Tore, viel Tempo und Dramatik – und am Ende das deutsche Happy End.

Zu hoffen ist aber vor allem, dass der Nachwuchs mild-verständnisvoller Eltern durch die müden Augen um viertel vor elf vor allem eine Szene verinnerlichte: den Platzverweis gegen Real Madrids Eduardo Camavinga in der 86. Minute.

Ja, dieser Platzverweis hatte entscheidenden Einfluss auf Weiterkommen und Ausscheiden. Was grundsätzlich schade ist und den 180 furiosen Minuten ein letztlich unwürdiges Ende verlieh. Camavingas Hinausstellung riss bei Real ein Loch, aus dem Luis Diaz den 3:3-Ausgleichstreffer erzielte.

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Und nein, Schiedsrichter Slavko Vinčić war sich bei seiner Verwarnung gegen den Mittelfeldspieler nicht bewusst, dass es sich bei der Gelben Karte bereits um die zweite für den französischen Nationalspieler handelte und sie somit auch den roten Karton nach sich zog. Niemand wollte diesen Platzverweis, nicht mal der Schiedsrichter selbst. Und doch ist es geradezu wunderbar, dass es dazu kam. Zeigt er doch, dass etwas falsch im Fußball läuft.

Camavinga hatte nach einer Freistoßentscheidung für den FC Bayern den Ball vom Tatort entfernt und somit die schnelle Ausführung verhindert. Er nahm ihn einfach mit. Erst am Fuß, dann auch noch mit der Hand. Eine Unsportlichkeit, die laut Regel mit Gelb geahndet wird – oder sukzessive mit Gelb-Rot, wenn der Spieler bereits zuvor mit Gelb verwarnt wurde. So einfach, so selten.

Wer bei dem Platzverweis nun fehlendes Fingerspitzengefühl moniert, hat die fortschreitende Verschiebung von Regeln und Moral voll verinnerlicht und akzeptiert. Camavingas Verhalten war tatsächlich ein üblicher Spieler-Reflex. Denn Unsportlichkeiten und Respektlosigkeiten sind Alltag im Fußball.

Der (schein)heilige Gregoritsch

Zu erleben auch vor zwei Wochen, als der Bundesligaspieler Michael Gregoritsch beinahe für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, weil der Augsburger Angreifer nach einem Zweikampf auf Nachfrage des Schiedsrichters zugegeben hatte, dass er ausgerutscht und nicht gefoult worden war. Der Applaus zog sich quer durch Medienlandschaft und Fanblöcke.

Man stimmte eine Ode an die Fairness an und kürte Gregoritsch zum Messias. Genau genommen hatte er einfach nur bestätigt, was tatsächlich passiert war. Und das übrigens, nachdem er sich zuvor reflexartig auf dem Boden gewälzt und den völlig unversehrten Knöchel gehalten hatte.

Wie man es eben so macht nach Zweikämpfen: Aua rufen und Hand vor die Augen, und zum Nachdruck gern noch zwei, drei Schläge mit der flachen Hand auf den Rasen. Es könnte ja einen Freistoß für die eigene und eine Karte für die gegnerische Mannschaft wert sein. Gregoritschs Verhalten war nur deshalb so besonders, weil sich der Maßstab über Jahre nach unten verschoben hat.

Wir alle kennen die Szenen. Gibt es überhaupt noch Spieler, die nicht den Arm heben, wenn der Ball über die Seitenauslinie kullert? Auf dem Rasen wird 90 Minuten lang gelogen und getäuscht, dass sich die Torbalken biegen. Eine Sittenverrohung, die offenbar immer noch breite Akzeptanz genießt.

Kurzer Auszug aus dem Verhaltenskodex für Moralverächter: Freistoß für den Gegner? Schnell vor den Ball stellen und ahnungslos die Arme heben, wenn Absicht unterstellt wird. Das international anerkannte Zeichen für Blutgrätsche? Ein mit den Händen in die Luft gemalter Ball. Und bei der 1:0-Führung nicht vergessen, spätestens ab der 85. Minute Krämpfe vorzutäuschen.

Nur drei von vielen Beispielen, die dafür gesorgt haben, dass ich in den vergangenen Jahren die Lust verloren habe. Die Lust an diesem Sport, den ich mal geliebt habe. Ein Sport, in dem Unsportlichkeit mit Schlitzohrigkeit und Cleverness verwechselt wird. Ein Sport, in dem es mittlerweile so viele Laienschauspieler gibt, dass man gar nicht mehr weiß, über wen man sich überhaupt noch aufregen soll. Das Kavaliersdelikt ist Normalität geworden. Alle machen es. Camavinga natürlich auch. Und dass das so ist, lag allein daran, dass es eben selten bis gar nicht geahndet wurde und wird.

Hoffen wir also, dass möglichst viele Kinder an diesem Donnerstagmorgen die ersten beiden Schulstunden verpasst haben. Denn am Mittwochabend gab es im Fußball ausnahmsweise mal etwas fürs Leben zu lernen: Wer im Sport die Regeln des Fair Play bricht, der wird bestraft. Ob in der Kreisklasse oder beim Jugendturnier. Das Strafmaß reicht bis zum Viertelfinalaus in der Champions League.

Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.

Source: welt.de