Lee Miller in Buchenwald: Sie wussten, welches vor sich ging
Die erinnerungspolitische Frage, wie die Würde der Opfer nationalsozialistischer Gewalt bewahrt und dargestellt werden kann, wird auch auf der Ebene der Bilder verhandelt. Mit der historischen Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die amerikanische Armee und der Konfrontation mit dem Grauen der NS-Verbrechen hat eine Fragestellung eingesetzt, die an Aktualität nichts eingebüßt hat: wie Verbrechen dokumentieren, wie Gewalt darstellen, damit die Erinnerung eine Form annimmt, die für die Zukunft als Mahnung wie auch als unverrückbare Grundlage für ein Bewusstsein für Menschlichkeit gelten kann.
In den Tagen der Befreiung des KZs Buchenwald, die sich aktuell jährt, begleiteten amerikanische Kriegsjournalisten die Armee, um das Verbrechen zu dokumentieren. Unter ihnen war die schillernde Lee Miller, die vor ihrer Akkreditierung als Kriegsfotografin ein vielseitiges Schaffen zwischen surrealistischer Fotografie und als „Vogue“-Reporterin vorzuweisen hatte. Dass nun die Gedenkstätte Buchenwald, eine bildende Instanz auf dem Feld der Erinnerungspolitik, eine zweiteilige Ausstellung mit den Fotografien im Umkreis der Tage der Befreiung zeigt – Fotografien, die ihren dokumentarischen Gehalt auf eine ästhetische, kompositorische Ebene hin öffnen –, lässt Millers Aufnahmen an den Ort zurückkehren, an dem sie am 15. und 16. April 1945 gemacht wurden, um sie dort zu betrachten.

Das allgemeine Bild Millers ist von einer Faszination geprägt, die mit ihrer leichtfüßigen, selbstbestimmten Existenz in den Zwischenräumen von Glamour, surrealistischer Kunst und fotografischer Dokumentation des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt. Auf einem der wohl bekanntesten Bilder der Fotografiegeschichte, das auch in der Ausstellung hängt, kulminieren ihre Fähigkeiten der Inszenierung. Sie sitzt in Hitlers Badewanne, Verletzlichkeit, Trotz und eine Ferne liegen in ihrem Blick, während sie sich wäscht. Im Kontrast zum behutsamen Akt der Körperpflege liegt vor der Wanne eine verschmutzte Matte, auf der Armeestiefel stehen. Es ist der Dreck der NS-Gräuel. Millers Fotografenpartner David E. Scherman hatte sie so abgelichtet, wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus dem befreiten Konzentrationslager.
Die empathische Seite in der Bildsprache Millers
Es ist der 30. April, der Tag, an dem Hitler Suizid beging, so, als wolle auch der Zufall Millers Talent zur Inszenierung von sprechenden, bedeutungsschweren Bildwelten unterstützen. Das Bild, ein gut durchdachter, inszenierter Triumph, eine Siegerpose, die mit der unwiderstehlichen Schönheit der Selbstbestimmtheit Hitlers Platz verdrängt.

Die Ausstellung in Buchenwald und Weimar setzt aber auch auf Bilder, die ihre Nachdrücklichkeit durch leisere Töne gewinnen, neben einer konfrontativen auch eine fein beobachtende, empathische Seite Millers sichtbar machen. Eine Fotografie zeigt die Gitter des Lagereingangs von außen, mit dem von den Nationalsozialisten veranlassten, der Lagerinnenseite zugewandten Schriftzug „Jedem das Seine“. Was ein Symbol für den blanken, todbringenden Zynismus der NS-Herrschaft ist, wird durch Miller auf subtile Art durchkreuzt, indem sie inmitten des Leids eine lebendige Szenerie von befreiten Insassen einfängt. Sie erobern das Symbol der Einsperrung zurück, es wird als Ausgang vorstellbar.
Kraftvoll wird das Bild auch durch den für Miller typischen, starken Kontrast von Hell und Dunkel, der das Zentrum erleuchten lässt. Aus der Tiefe der Komposition schreitet ein ehemaliger Häftling, klein, aber bestimmt, in die Bildmitte, in Richtung Tor. Eine andere Fotografie zeigt die Szene einer Menge befreiter Häftlinge, noch in Sträflingskleidung, manche mit Stock, die sich vor einer übergroßen, an einem Lagerhaus befestigten Europakarte versammelt haben. Auch hier der Schimmer einer – herzzerreißenden – Lebendigkeit und Würde, wie durch die Szene die Assoziation von rückgewonnener Hoffnung und Heimkehr eröffnet wird.
Was wusste die deutsche Zivilbevölkerung?
Es sind nicht nur diese Szenerien, die den Häftlingen ein Stück Ermächtigung verleihen, die Millers Blick auszeichnen. Die Ausstellung zeigt, dass Miller auch einen historischen Sinn für die Mitschuld der deutschen Bevölkerung hatte und den deutschen Entlastungserzählungen skeptisch gegenüberstand. Sie sei die erste Fotografin gewesen, so die Kuratorin Katharina Günther, die mit ihrer Kamera auch das Verhältnis vom wenige Kilometer entfernt liegenden Weimar zu Buchenwald ins Licht gerückt habe. Das schlägt sich nicht nur darin nieder, dass Miller bei der Zwangsbesichtigung vom 16. April 1945 fotografiert hat, die die US-Armee organisierte, um die Weimarer Zivilbevölkerung mit dem Grauen, das in ihrem direkten Umfeld vonstattenging, zu konfrontieren – die behaupteten, sie hätten von nichts gewusst.

Der Ansatz der Ausstellung geht weiter, indem er selten gezeigte Aufnahmen Millers zeigt, die – anders als die fotografische Berichterstattung über die befreiten Lager durch andere Kriegsjournalisten – auch außerhalb des Lagers und in der Stadt Weimar gemacht wurden. Eine gleichermaßen eindrückliche wie irritierende Aufnahme ist die eines langen Beerdigungszugs von befreiten Häftlingen, der sich durch die Landschaft des Ettersbergs, hinunter in Richtung Stadt, die am Horizont zu erkennen ist, zieht. Miller war dem Zug bei ihrer Ankunft über die sogenannte „Blutstraße“ begegnet, auf der man von Weimar auf den Ettersberg zum KZ kommt. Sie wartete oben und machte eine Aufnahme, die die scheinbar unschuldige Landschaft, die Konturen der „Kulturstadt“ und den Zug, der ein Akt der Trauer und Ermächtigung zugleich ist, in den Blick bekommt.
Infragestellung von deutschen Entlastungserzählungen
„Kein Zweifel, dass die deutsche Zivilbevölkerung wusste, was vor sich ging“, schrieb Miller per Telegram nach Amerika mit einer feinen Ahnung für einen deutschen Mythos, der sich hartnäckig halten sollte. Gerade Weimar konnte durch die Wahrnehmung als „kulturelles Herz“ Deutschlands die abspaltende Erzählung nähren, das Lager habe fernab jeglicher Zivilisation und Kultur stattgefunden. In der Realität hatte diese Trennung nie existiert. Das „Konzentrationslager Buchenwald / Post Weimar“, so die offizielle Bezeichnung, wurde bereits 1937 eingemeindet und war mit der Stadt untrennbar durch ein dichtes Netz an infrastrukturellen, administrativen und wirtschaftlichen Verknüpfungen verbunden.
Die Ausstellung in Buchenwald und Weimar zeigt, wie eine fotografische Sprache, die über das dokumentarische hinausgeht, Tiefendimensionen von Buchenwald in den Blick zu bekommen versucht. So wichtig die rein dokumentarische Arbeit beispielsweise einer Margaret Bourke-White war, die dazu tendierte, mit fotografischen Totalen den Massencharakter und die Entmenschlichung solcher Lagersysteme zu vermitteln: Ein solcher Ansatz läuft Gefahr, die Entortung des Lagers und damit seine entlastende Auslagerung in ein Außen der Zivilisation zu ermöglichen. Mit dem öffnenden und szenischen Blick Lee Millers hingegen werden Beziehungen sichtbar – sowohl auf eine unhintergehbare, würdevolle Menschlichkeit der Häftlinge als auch auf eine Verstrickung der Verbrechen inmitten der deutschen Kultur –, die für eine lebendige Erinnerungskultur, die der ritualisierten Verdinglichung eines „Nie wieder“ entkommen, von Bedeutung sind.
Kunst und Dokumentation – Lee Millers Buchenwald-Fotografien, zweiteilige Ausstellung, bis 3. August in der Gedenkstätte Buchenwald, bis 16. Mai in der MBooks Galerie in Weimar.
Source: faz.net