Trump gegen den Papst: Arrivederci, Mr. President
Was waren das doch für schöne Bilder: Giorgia Meloni als einzige europäische Regierungschefin bei Trumps Vereidigungsfeier in Washington; der Besuch in Mar-a-Lago, die Küsschen, die Umarmungen mit dem Präsidenten, der sie als „großartige Führungspersönlichkeit und eine Freundin von mir“ bezeichnete. Meloni wollte Trump den Friedensnobelpreis verleihen, wirkte in dessen „Board of Peace“ mit und war Trumps Lieblingseuropäerin. Sie galt als transatlantische Brückenbauerin. Doch weil die einst so liebe Freundin den Papst verteidigt, hat Trump Meloni am Dienstag in einem Telefoninterview unschön abserviert: „Ich bin schockiert von ihr. Ich dachte, sie hätte Mut, aber ich habe mich geirrt“, sagte er gegenüber der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“.
Italiens Analysten sind überzeugt: Meloni dürfte nach dem Beziehungs-Aus einen Seufzer der Erleichterung gemacht haben. Das Verhältnis war zunehmend toxisch. Die Nähe zu Trump sollte der Ministerpräsidentin eine zentrale Rolle in der Weltpolitik bescheren, erzielte aber keinen konkreten Ergebnisse. Im Gegenteil: Alle bisher von Washington getroffenen Entscheidungen waren den Interessen Europas und damit auch den italienischen abträglich. Trumps Irrsinn empörte Italiens Öffentlichkeit und kostete Meloni Zustimmung – auch für ihr Justizreferendum, das sie im März verlor. Um sich zu distanzieren, hätte Melonie zuzugeben müssen, strategisch falsch gelegen zu haben. Diesen Mut fand sie nicht.
Melonis oberstes Gebot war immer Nachsicht mit Trump
Spätestens nach der Wahlniederlage Orbáns, die auch die Unterstützung von JD Vance und Trump selbst nicht verhindern konnte, war klar, dass sie sich neu positionieren muss, wenn sie bei Italiens Urnengang 2027 nicht wie Orbán enden möchte. Gegenüber dem „Corriere della Sera“ nannte Trump ihn einen „Freund“ und teilte im selben Atemzug gegen Melonis Migrationspolitik aus: „Er hat nicht zugelassen, dass die Leute hereinkommen und sein Land ruinieren, wie es Italien getan hat.“
Über die Tötungen unschuldiger Zivilisten durch die ICE hat Meloni nie ein Wort verloren. Zum Angriff auf den Iran sagte sie: „Ich teile das nicht und verurteile es nicht.“ Ihre Nachsicht gegenüber Trump rechtfertigte sie stets im Namen der Einheit des Westens. Wenn aber Trump den Papst angreift, distanziert er sich vom Westen, den die Ministerpräsidentin zu schützen vorgibt. Insofern lieferte der Präsident Meloni die richtige Vorlage für eine Kritik, die zu ihrem Image passt und die Trump niemals verzeiht.

Nach einer ersten zaghaften Erklärung, die Trump nicht namentlich erwähnte, hatte Meloni zunächst mehrere Stunden lang geschwiegen, die Italiens Opposition mit immer schärferen Sticheleien anfüllte. „Ich dachte, der Sinn meiner Erklärung von heute Morgen sei klar, aber ich bekräftige ihn noch einmal mit größerer Deutlichkeit“ sagte Meloni dann gegen 18 Uhr: „Ich halte die Worte von Präsident Trump gegenüber dem Heiligen Vater für inakzeptabel. Der Papst ist das Oberhaupt der katholischen Kirche, es ist richtig und normal, dass er zum Frieden aufruft und jede Form von Krieg verurteilt.“
Jetzt wird ausgerechnet die Religion ins Feld geführt
Italiens Mitte-Rechts-Koalition reagierte auf den Bruch, als habe sie nur darauf gewartet, das mittlerweile verhängnisvolle Etikett der Trump-Lieblinge loszuwerden. „Der Heilige Vater ist ein starker, entschlossener Mann, er spricht vom Glauben, er spricht vom Frieden. Ich glaube an seine Gedanken und teile sie zutiefst, das sage ich als Christ“, sagte Außenminister Tajani. Auch Senatspräsident La Russa führte die Religion ins Feld: „Wer glaubt, die italienische Ministerpräsident könnte frontale Angriffe auf den Papst jemals als akzeptabel betrachten, der kennt Italien nicht.“ Wenn aber Meloni tatsächlich für die Botschaften des Vatikans empfänglich wäre, hätte sie sich schon früher von Washington distanziert. Stattdessen stand sie bis zum Referendum in offenem Konflikt mit der Kirche. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Matteo Zuppi, hatte sich gegen die Justizreform und für eine ganz andere Vorstellung von Europa ausgesprochen als Orbán, den Meloni hingegen unterstützte.
Jetzt, da der gute Draht zu Trump zerstört ist, gibt es für Meloni offenbar auch keinen Grund mehr, die Folgebeziehung zu Israel aufrechtzuerhalten. In Italiens Öffentlichkeit sorgte sie zuletzt für wachsende Kritik. Die Ministerpräsidentin verkündete in Verona bei ihrem Besuch der Weinfachmesse Vinitaly die automatische Verlängerung des Verteidigungsabkommens mit Israel auszusetzen. Es ist ein Bruch, der in Verbindung mit der Trennung von Trump ein ganzes Manöver der Loslösung deutlich macht.
Source: faz.net