Präsident Trump gegen Papst Leo: Ein ungleicher Machtkampf
analyse
Der US-Präsident hat den Papst wegen dessen Kritik am Iran-Krieg persönlich angegriffen. Doch Trumps Wutrede schadet vor allem einem: ihm selbst. Denn Leo XIV. hat einen Plan – und klare Ziele.
Robert Barron ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. Der Bischof von Winona-Rochester gilt innerhalb der katholischen Bischofskonferenz in den USA als rechter Hardliner und einer der letzten Gefolgsleute von US-Präsident Donald Trump. Noch kurz vor Ostern hatte er an einer bizarren Segnung des Präsidenten mitgewirkt, bei der Prediger aus der MAGA-Bewegung auch den Krieg gegen Iran als göttliche Mission verklärt und gesegnet hatten.
Doch nach Trumps Tirade gegen den Papst blieb auch Bischof Barron keine andere Reaktion als eine scharfe Distanzierung. Die Äußerungen seien „total unangemessen und respektlos“ gewesen. Der Präsident schulde Leo XIV. eine Entschuldigung.
Das Ziel, die US-Kirche zu einen
Dessen Wutrede hat damit ungewollt einen Prozess verstärkt, an dem der neue Papst seit seinem Amtsantritt vor knapp einem Jahr zielstrebig arbeitet: eine seit vielen Jahren zwischen Progressiven und Konservativen gespaltene katholische Kirche in den USA wieder zu einen und zumindest nach außen geschlossen auftreten zu lassen.
An dieser Aufgabe war Leos Vorgänger Papst Franziskus noch gescheitert – das konservative Lager verweigerte ihm mehr oder weniger offen die Gefolgschaft. Bei seiner Wahl 2024 konnte Trump rund 60 Prozent der weißen Katholiken hinter sich vereinen, aber auch bei den spanischsprachigen Hispanics ungewöhnlich gut abschneiden.
Abschiebepolitik und Militärpolitik
In der Sache setzte Leo den Kurs seines Vorgängers fort. Doch mit seinen leisen, aber sorgfältig platzierten Äußerungen setzt er nicht nur einen inhaltlichen Gegenakzent zum aufbrausenden Präsidenten. Er weiß seine Verbundenheit mit den USA auch immer wieder mit sorgfältig dosierten Anspielungen auf seine Heimatstadt Chicago zu inszenieren.
Ignorieren konnte man den Mann aus Rom weder in Washington noch in der Weite der katholischen Diözesen, deren Prioritäten er zielstrebig vom Kopf auf die Füße stellte. Statt auf kulturkämpferische Themen verpflichtete er die Bischofskonferenz auf Einigkeit bei zwei zentralen Themen:
Ablehnung der harten Deportationspolitik der Grenzbehörden ICE und Border Patrol; und Kritik an militärischer Machtpolitik, die vor allem unter Pete Hegseth, dem dort nun so genannten US-Kriegsminister und selbsternannten „Christian Warrior“, mit Kriegspredigten und martialischen Videos religiös überhöht wurde.
Konter durch den Papst
Beim Thema Migration war es schon vor der Papstwahl zum offenen Konflikt zwischen dem damaligen Kardinal Robert Prevost und JD Vance gekommen. Der US-Vizepräsident hatte versucht, das Gebot der Nächstenliebe in ein hierarchisch abgestuftes System einer „ordo amoris“ zu bringen: Von der engsten Familie über die nähere Umgebung bis zur eigenen Nation – und erst danach „der Rest der Welt“.
Die knappe Antwort des späteren Papstes: „JD Vance liegt falsch.“ Inzwischen steht die katholische Bischofskonferenz geschlossen an der Seite der von Deportation bedrängten Migranten.
Auch in der Frage von Krieg und Frieden sagt Papst Leo in der Sache wenig Neues, versteht es aber so zu formulieren, dass es klar als Kritik an der religiösen Propaganda aus Washington bezogen werden konnte. Während des Iran-Kriegs betete „Kriegsminister“ Hegseth persönlich um „überwältigende Gewalt gegen jene, die kein Erbarmen verdienen“: „Möge jede Kugel ihr Ziel finden gegen die Feinde der Rechtschaffenheit unserer großen Nation.“
Die Antwort aus Rom kam prompt: „Gott erhört solche Gebete nicht.“
Aufgestaute Wut auf die katholische Kirche
All das dürfte Donald Trump nicht entgangen sein. Je maßloser er in seinen Posts Vernichtungsphantasien gegenüber Iran in die Welt setzte, desto präziser und dringlicher wurden die Mahnungen des Papstes zur Diplomatie und zur Einhaltung des Völkerrechts.
Die persönlichen Angriffe des Präsidenten auf den Papst kamen also alles andere als unerwartet. Er solle aufhören, sich „der radikalen Linken anzudienen“ und sich darauf beschränken, ein großartiger Papst zu sein. Leo sei schrecklich für die Außenpolitik und wolle, dass Iran Atomwaffen bekomme. Im Übrigen sei er nur Papst geworden, weil er US-Amerikaner ist und man geglaubt habe, das sei der beste Weg mit ihm, Trump, auszukommen: „Wäre ich nicht im Weißen Haus, wäre Leo nicht im Vatikan.“
Neben dem offensichtlichen Narzissmus steckt in dieser Beschreibung allerdings ein Körnchen Wahrheit – allerdings in einem ganz anderen Sinne als von Trump gemeint. Tatsächlich mag es für manchen Kardinal im Konklave eine Überlegung gewesen sein, wer dem Mann im Weißen Haus am wirksamsten Paroli bieten und dabei auch die gespaltene US-Bischofskonferenz wieder zusammenführen könnte.
Dabei setzte Leo auch mit wichtigen Personalentscheidungen Akzente: Als Nachfolger des New Yorker Kardinals Timothy Dolan, der noch im Januar 2025 bei der Amtseinführung ein Gebet sprechen durfte, setzte der Papst seinen langjährigen Vertrauten Ronald Hicks. Der hatte sich vor allem durch sein Engagement für Ausgegrenzte und Schwächere einen Namen gemacht und spricht, wie Leo selbst, fließend Spanisch. Trumps Angriffe auf den Papst sind also Ausdruck einer seit langem aufgestauten Wut auf eine katholische Kirche, die sich in den zurückliegenden Monaten immer weiter von ihm distanziert hat.
Ein Problem für Trumps potenzielle Nachfolger?
Am Ende waren es nur noch einzelne Bischöfe wie Robert Barron, die sich in seinem stark protestantisch geprägten MAGA-Umfeld bewegten. Und selbst deren Loyalität scheint an eine rote Linie zu stoßen. Dem Präsidenten mag das egal sein.
Er muss für die Wahl 2028 keine Verbündeten mehr suchen und muss eher aufpassen, dass er etwa mit der Selbstinszenierung als Jesus – wie per KI-generiertem Bild auf Truth Social geschehen – nicht auch noch den harten Kern seiner MAGA-Bewegung verliert. Mit seinen Attacken gegen den Papst kann er zumindest darauf hoffen, antikatholische Ressentiments im evangelikalen Lager zu bedienen.
Ein großes Problem dürfte das allerdings für zwei der aussichtsreichsten Bewerber um die Nachfolge im republikanischen Lager werden: Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio gehören beide zur katholischen Kirche. Während Rubio sich in der Kontroverse mit Rom bisher im Hintergrund hält, wirkt Vance im MAGA-Lager zunehmend isoliert.
Für Juni hat er ein Buch mit dem Titel „Communion“ angekündigt, in dem er über seinen Glauben als Katholik Auskunft geben wird. Ob er damit eine Brücke zu seiner Kirche bauen kann, erscheint ebenso offen wie die Reaktionen aus der MAGA-Bewegung. Möglicherweise gerät er am Ende noch weiter zwischen die Stühle. Für Spott sorgt das Buch jedenfalls schon im Vorfeld: Es zeigt auf dem Cover keine katholische, sondern eine methodistische Kirche.
Source: tagesschau.de
