Chemnitz ohne Schauspiel?: Das wahre Gesicht welcher Kulturhauptstädter

Letztes Jahr war Chemnitz europäische Kulturhauptstadt. Letztes Jahr tat man vonseiten der Stadtoberen so, als gäbe es nicht viel Wichtigeres als die Kultur, nicht viel Wichtigeres als seine Kunstvereine, Museen und Spielstätten. Da gab man sich öffentlichkeitswirksam den Anstrich der Kunstsinnigkeit. Aber kaum sind die Zelte abgebaut, kaum ist die Karawane weitergezogen, wird die Kunst wieder an den Katzentisch verwiesen. Wird sie zum Hungerleider degradiert, der der Stadt auf der Tasche liegt und froh sein kann, wenn man ihr ein paar Reste zuwirft.

In Chemnitz geht seit einigen Tagen die Angst um, das Schauspiel könnte untergehen. Die SPD-Fraktion im Stadtrat hat sich völlig überraschend dafür ausgesprochen, das Chemnitzer Sprechtheater und das Opernhaus aus Kostengründen zusammenzulegen. Alle fünf Sparten des Chemnitzer Theaters, also Musiktheater, Ballett, Schauspiel, Figurentheater und Philharmonie, sollen zukünftig unter dem Dach des Opernhauses zusammengedrängt werden, so lautet der über die Lokalpresse ventilierte Vorschlag, der offenbar auch Zustimmung aus anderen Fraktionen des Chemnitzer Stadtrates findet. Das käme einem kulturpolitischen Kahlschlag in außergewöhnlichem Ausmaß gleich. Und hätte drastische Folgen für den Spielplan.

Theatervermittlung stünde vor dem Aus

In einer ersten Stellungnahme der Theaterleitung, den alle Spartenchefs unterschrieben haben, ist von einer „Halbierung der künstlerischen Angebote“ und dem Verschwinden von „tausenden Zuschauerplätzen“ die Rede. Bei derzeit 250 Veranstaltungen im Opernhaus und 450 bis 500 Veranstaltungen im Schauspiel kann man leicht nachrechnen, was eine strukturelle Zusammenlegung inhaltlich bedeuten würde. Insbesondere die Kinder- und Jugendtheatersparte sowie die Theatervermittlung stünden vor dem Aus. Abgesehen davon sprechen auch technische Gründe dagegen: Denn die architektonischen und akustischen Gegebenheiten eines Opernhauses sind für ein Sprechtheater nur sehr bedingt geeignet.

Die Diskussion um die Zukunft des Schauspiels wird in Chemnitz seit vielen Jahren geführt – spätestens seit im Jahr 2016 am alten Schauspielhaus Mängel in der Bausubstanz und im Brandschutz festgestellt wurden. Seitdem ging es wie in vielen anderen deutschen Städten um die Gretchenfrage: Sanierung oder Neubau. Das alte Schauspielhaus in Chemnitz gilt als Vorzeigebau der Ostmoderne und ist nicht nur architekturgeschichtlich ein bedeutender Erinnerungsort, es trägt auch einiges an Theatergeschichte in sich: Immerhin arbeiteten hier in der Vergangenheit Theatergrößen wie Corinna Harfouch, Frank Castorf, Ulrich Mühe und Michael Thalheimer, der hier 1997 seine Laufbahn als Regisseur begann. Trotzdem wurde eine Sanierung schnell als zu teuer eingeschätzt. 2021 wurde das alte Gebäude dann auf unbestimmte Zeit geschlossen und der sogenannte Spinnbau, eine backsteinerne Industriehalle in Alt-Chemnitz, als Interimsspielstätte auserkoren. Genau hier sollte, so die letzten Überlegungen, nun ein neues Kulturquartier entstehen, das das Schauspiel dauerhaft beherbergen könnte.

Monument der Ostmoderne: Schauspielhaus Chemnitz
Monument der Ostmoderne: Schauspielhaus ChemnitzDieter Wuschanski

So eine zukunftszugewandte Idee kam der Selbstvermarktung als Kulturhauptstadt gut zupass. Nun aber, so scheint es, zeigen die Stadtoberen ihr wahres Gesicht: Nun plädiert die SPD – die immerhin den Oberbürgermeister stellt – mit Verweis auf die Kosten für einen Umzug des Schauspiels und des Figurentheaters unter das Dach des Opernhauses, wo neben dem Musiktheater auch jetzt schon das Ballett und auch die Robert-Schumann-Philharmonie beheimatet sind. Das ist nicht nur Anlass für „Empörung“ und „Fassungslosigkeit“, wie es in der Stellungnahme der Theaterleiter heißt, das ist Anlass, um die städtische Politik daran zu erinnern, dass es bei der Sicherung von kultureller Infrastruktur nicht um einen Akt der Gnade oder Großzügigkeit geht, sondern um eine Zukunftspflicht, einen Auftrag, der den eigenen Horizont überschreitet.

Die Entscheidung, künftig kein eigenes Schauspielhaus mehr zu unterhalten, wäre nicht nur ein peinliches Armutszeugnis für eine Kulturhauptstadt, sie ginge auch auf Kosten der kulturellen Konkurrenzfähigkeit von Chemnitz. Einer Stadt, die wegen mangelnder infrastruktureller Anschlussfähigkeit (es gibt nach wie vor keine ICE-Strecke nach Chemnitz!) sowieso schon mit Ansehensfragen zu kämpfen hat. In einer Zeit, in der Machtfragen zunehmend im kulturellen Bereich aufgeworfen werden, wäre das eine Weichenstellung von fataler Fahrlässigkeit.

Source: faz.net