„Deutsche Kinder sind nicht untalentierter denn andere“

Eiskunstlauf hat in diesem Winter bei Olympia und der WM begeistert wie lange nicht. Weltweit, aber auch in Deutschland. Doch wo sind hierzulande die starken Einzelläufer? Gespräch mit Sportdirektor Jens ter Laak.

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Die olympische Kür-Entscheidung im Paarlauf mit Bronze für Minerva Hase und Nikita Volodin erreichte in der ARD einen Marktanteil von 24,2 bis 28,6 Prozent. Ende vergangenen Jahres war die Weltrekord-Kür von Ilia Malinin auf Social Media das meistgeklickte Sportvideo der Öffentlich-Rechtlichen. Olympiasiegerin Alysa Liu wurde gerade vom „Rolling Stone“ interviewt, und die WM in Prag geriet kürzlich zu einer Party vor 15.000 Menschen – mit der Rückkehr Malinins, Gold für Hase/Volodin und Standing Ovations für Annika Hocke und Robert Kunkel. Gespräch mit Jens ter Laak, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), über einen boomenden Sport und die deutschen Aussichten.

WELT: Erlebt das Eiskunstlaufen gerade eine Renaissance oder ist es nur ein kurzes Strohfeuer?

Jens ter Laak: Eiskunstlaufen steht eindeutig wieder mehr im Rampenlicht; und ich hoffe, dass es anhält. Viele Menschen schauen nur alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen Eiskunstlauf, weshalb die Sportart durch diesen verstärkten Fokus wieder mehr ins Rampenlicht gerückt ist – aber das hatte in Mailand auch weitere Gründe: National gesehen vor allem wegen unserer sehr erfolgreichen Paarläufer Minerva und Nikita, und natürlich, weil es internationale Stars gibt. Beides hat auch nach Olympia zu einer höheren Aufmerksamkeit geführt. Eiskunstlauf war nie weg, aber nicht so wahrnehmbar. Das liegt natürlich auch an der medialen Sichtbarkeit.

WELT: Sie meinen die TV-Präsenz?

Jens ter Laak: Ja, denn Sichtbarkeit ist immer dann gegeben, wenn die bildliche Medienpräsenz vorhanden ist. Diese war in den vergangenen Jahren oftmals stiefmütterlich; in der Olympiasaison haben wir nun eine steigende Resonanz unserer Sportart in den Medien bemerkt.

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WELT: Das Stiefmütterliche betrifft etliche Sportarten und hat auch immer mit nationalen Erfolgen zu tun. „Das TV hat meine Sportart getötet“, sagte Marika Kilius der WAMS. Was sagen Sie?

Ter Laak: Sicherlich zählt die Präsenz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer noch am meisten. Ob man „töten“ sagen kann, ist etwas anderes. In der Generation, die Marika Kilius großgemacht hat, saß die Hälfte der Deutschen vorm Fernsehen – natürlich auch, weil es nicht so viele Programme gab. Diese Medienpräsenz wird es heute nie mehr geben. Aber die Präsenz in den Öffentlich-Rechtlichen oder überhaupt im Fernsehen ist das Entscheidende, damit eine Sportart auf sich aufmerksam machen kann und am Ende auch Sponsoren findet, die dem Sport zugutekommen. Insofern: Ja, ich kann verstehen, wie sie das meint.

WELT: Wie groß sehen Sie denn die Chance, dass diese Olympischen Spiele und diese WM – mal abgesehen vom Sommer – nachwirken und die Aufmerksamkeit national nicht wieder abebbt?

Ter Laak: Ich gehe davon aus, dass wir zumindest mit unseren beiden Paaren zwei gute Vertreter haben, die in der Olympiasaison sehr sichtbar waren, sodass sich das Interesse halten kann. Manchmal mit interessanten Nachrichten, manchmal mit Erfolgsmeldungen. Ob wir die Aufmerksamkeit über vier Jahre halten können, liegt natürlich auch am Erfolg.

WELT: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Ilia Malinin ein? ARD-Experte Daniel Weiss erzählte, dass seine Weltrekord-Kür – vor Fußball – das meistgeklickte Social-Media-Video der ARD im letzten Jahr war. Und international ist er ein Star.

Ter Laak: Ilia Malinin ist ein außergewöhnliches Talent, ein Jahrhunderttalent. Der amerikanische Markt gehört zudem zu den größten der Welt. Nicht nur wegen der Anzahl an Menschen, die dort leben, sondern auch, weil unser Sport dort sehr groß ist. Da geht die Wirkung Malinins schnell über die Grenzen des Landes hinaus. Ich glaube auch, dass kaum ein Sportler sagen würde, dass er aktuell nicht der Größte ist. Insofern: Malinins Ausnahmekönnen und Persönlichkeit strahlen aus, und das kommt bis zu uns nach Deutschland. Solche Überleistungen erhöhen die Aufmerksamkeit enorm – auch durch und in den sozialen Medien. Das bringt der ganzen Sportart viel.

WELT: Wie nehmen Sie Olympiasiegerin Alysa Liu in ihrer Strahlkraft wahr?

Ter Laak: Ich finde, Strahlkraft bezeichnet sie ganz gut. Technisch war sie, und da sind sich die Experten einig, nicht die stärkste Teilnehmerin. Aber ihre Gesamtperformance hat überzeugt und dazu geführt, dass sie die Preisrichter und das Publikum für sich gewonnen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die nächsten vier Jahre konstant durchhält, aber sie wird in Amerika mit Sicherheit Shows laufen. Aber es ist mit der außergewöhnlichen Leistung und dem außergewöhnlichen technischen Niveau und der Präsenz von Malinin nicht vergleichbar.

WELT: Zurück nach Deutschland: Weltklasse im Paarlauf, aber keine Einzelstarter bei Olympia, keine Frau bei der WM. Sehen wir 2030 bei den Männern und Frauen wieder Deutsche bei Olympia – und auch irgendwann in der Weltspitze?

Ter Laak: Ich will es hoffen. Darauf arbeiten wir hin, und wir haben auch Talente. Deutsche Kinder sind nicht untalentierter als andere. Es sind aktuell wieder Talente vorhanden, die einen guten Ausblick auf die Spiele 2030 geben. Die Leistungsdichte ist vielleicht in anderen Ländern größer, aber wenn die Passion des Sportlers reicht, die Trainer-Sportler-Beziehung gut funktioniert und andere Faktoren stimmen, werden wir 2030 wieder in beiden Kategorien dabei sein. Unser Weg ist aus mehreren Gründen steiniger als in anderen Ländern.

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WELT: Wer im Eiskunstlauf ganz oben ankommen will, muss im Vorschulalter beginnen. Sind dieser frühe Beginn und die frühe Fokussierung hierzulande ein Problem im Vergleich mit anderen Nationen und auch anderen Sportarten?

Ter Laak: Eiskunstlauf gehört zu den frühspezialisierenden Sportarten. Es ist über viele Jahre – auch in der deutschen Sportpolitik – proklamiert worden, dass man die Kinder breit ausbilden soll und sie sich ausprobieren sollen. Was grundsätzlich richtig ist – ich bin selbst Vater. In unserer Sportart ist es mit dem Ausprobieren aber so eine Sache – zumindest dann, wenn wir über Spitzensport sprechen. Denn wenn ich nicht früh genug anfange, wird es schwierig.

WELT: Was heißt „früh genug“?

Ter Laak: Mit sechs Jahren muss man eigentlich schon gut Eislaufen können. Das ist zusätzlich oft ein örtliches Problem. Wir haben zwar viele Eishallen, aber die Eisverfügbarkeit ist dennoch ein limitierender Faktor – anders als bei Turnhallen. Insgesamt gibt es hierzulande mehr limitierende Faktoren, die unsere Sportart betreffen, als andere. Sei es die Sportstätte, das Fachpersonal, das nicht überall verfügbar ist, die Machbarkeit des nötigen Trainingsumfangs und die Bereitschaft der Eltern, den Sport in der Form zu unterstützen. Eiskunstlauf ist als Leistungssport sehr, sehr aufwendig, was den Umfang angeht. Das muss sich im schulpflichtigen Alter auch mit dem Unterricht vereinbaren lassen. Die Trainingsumfänge, die andere Nationen umsetzen, schaffen wir gerade in den frühen Jahrgängen nicht.

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WELT: Weil es das Schulsystem hierzulande nicht zulässt?

Ter Laak: Genau, die Schule spielt nicht mit. Andere westeuropäische Länder haben Konzepte für den Leistungssport entwickelt: Distanzbeschulungen, Online-Beschulungen, Angebote, die eine andere Tagesplanung für Kinder und Jugendliche zulassen. Das ist auch der Grund, der es uns gerade in den Einzeldisziplinen sehr schwer macht, die Kinder über die Jahre gut zu begleiten. Da ist der deutsche Staat mit seinem föderalen Schulsystem nicht unbedingt hilfreich.

WELT: Was meinen Sie genau?

Ter Laak: Jugendliche können in der 11. Klasse beispielsweise nicht so einfach von Bayern nach Berlin oder von Berlin nach Nordrhein-Westfalen wechseln – wo unsere drei Stützpunkte sind –, weil das Schulsystem in der Oberstufe kaum noch eine Vergleichbarkeit zulässt. Generell sehen wir, dass die Länder um uns herum, die sich in diesem Bereich weiterentwickelt haben, mit flexiblen Schulsystemen arbeiten. Das System in Deutschland ist für sehr trainingsintensive Individualsportarten wie Eiskunstlaufen nicht gut aufgestellt. Erst recht nicht, wenn man sehr früh anfängt. Das ist ein konzeptionelles Problem. Wir können zwar konzeptionell unseren Beitrag leisten, aber nichts umsetzen, ohne dass die für die Schulen zuständigen Ministerien das auch mittragen. Manche technischen Fertigkeiten erlernt man nicht mehr, wenn man nicht früh anfängt. Das heißt nicht, dass man diesen Sport nicht auch einfach als schönes Hobby betreiben kann.

WELT: Wie groß ist denn der Zulauf im Kinderbereich?

Ter Laak: Wir haben in den Vereinen tatsächlich einen großen Zulauf. In den letzten zehn Jahren beobachten wir, dass sich unser Sport immer größerer Beliebtheit erfreut. Die meisten Vereine, die ich kenne, berichten schon seit Jahren, dass sie Wartelisten führen und den Zuspruch gerade im Erwachsenenbereich kaum bewältigen können. Wir haben auch bei den Kindern keinen Nachwuchsmangel in diesem Sinne, sondern auf den Spitzensport bezogen – zusätzlich zu dem schulischen – eher das Problem, dass die Kinder nicht unbedingt in dem Alter beginnen, in dem sie es müssten, um sich leistungsfreundlicher zu entwickeln.

WELT: Womit hat die Sportart hierzulande noch zu kämpfen? Auch mit dem Ruf, eine sehr harte Sportart zu sein?

Ter Laak: Ich glaube nicht, dass das abschreckend für Kinder ist. In dem Alter, in dem sie einsteigen, realisieren sie das nicht. Vielleicht ist es für Eltern ein Grund zu sagen: ‚Mein Kind soll nur hobbymäßig Eislaufen und nicht zu viel machen.‘ Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, dass es im Kindesalter wirklich ein Auswahlkriterium ist.

WELT: Aber?

Ter Laak: Der Leistungsgedanke des Sports ist in der Gesellschaft heute nicht mehr so verankert wie früher.

WELT: Nicht nur im Sport, oder?

Ter Laak: Man merkt es in vielen gesellschaftlichen Bereichen, dass der unbedingte Leistungswille teilweise nicht mehr so gegeben ist. Für den Eiskunstlaufsport braucht man eine große Passion, um vielleicht auch die Zeit, in der es nicht so gut läuft, zu überstehen. Durchhaltevermögen – das gilt natürlich auch für andere Sportarten auf Topniveau – muss ein Eiskunstläufer unbedingt mitbringen und das Elternhaus ebenso. Man hat nicht immer Erfolg – das ist aber auch in der Schule und im Leben so – und trotzdem muss man durchhalten. Der ein oder andere müsste im Sport durchhalten, um weiterzukommen, will aber nicht oder ist nicht resilient genug. Da fehlt dann auch eine gewisse Leidensfähigkeit, die man für viele Sachen braucht. Wenn ich ein Musikinstrument beherrschen will, muss ich mich ebenfalls durchbeißen. Die Bereitschaft, sich einer Sache in der Tiefe zu widmen, muss vorhanden sein – diese haben aber eben nur wenige. Deshalb kommen auch nur wenige Sportler zu den Olympischen Spielen.

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WELT: Warum sieht die Situation im Paarlaufen in Deutschland – und das seit langem – so viel besser aus als im Einzellauf? Sie deuteten es schon etwas an.

Ter Laak: Im Paarlauf und Eistanz kann man mit einem längeren Atem einen längeren Ausbildungsweg vollziehen. Das Hochleistungsalter in diesen Disziplinen ist deutlich höher. Und der Leistungsanspruch im Paarlaufen ist, was die Einzelsprünge angeht, ein anderer: Man muss als Mann nicht vierfach springen, als Frau nicht alle Dreifachen können. Dafür stehen zusätzliche andere Aspekte im Fokus. Außerdem haben wir die Möglichkeit, auch gute Einzelläufer zu Paaren zu entwickeln, wenn sie etwas älter sind. Das heißt, in der Paardisziplin kann man hinten raus noch viel erreichen – ein Vorteil für uns.

WELT: Die zwei deutschen Paare sind etwa im gleichen Alter: 26/27.

Ter Laak: Sie haben durchaus noch weitere Jahre vor sich und können sich ganz anders entwickeln als Einzelläufer. Das soll nicht bedeuten, dass Einzelläufer, die sehr früh ihre technische Fertigkeit gelernt haben, nicht mit Mitte 20 noch Spitzenleistung erbringen können. Das Mindestalter in den Einzellaufdisziplinen ist angehoben worden, so dass die Sportler eine längere Karriere haben und es sich nicht so sehr auf die frühen Jahrgänge fokussiert, wir nicht in Anführungszeichen „Kindereiskunstlaufen“ haben. Aber diese Zeit der Entwicklungsjahrgänge muss man trotzdem durchschreiten, und die wenigsten werden im Nachgang mit dem Sport richtig Geld verdienen. Wenn man dann sportlich ins Straucheln gerät, suchen viele den Weg in eine berufliche Perspektive.

WELT: Wie groß ist denn Ihre Sorge, dass Minerva Hase und Nikita Volodin aufhören?

Ter Laak: Ich habe da eigentlich keine Sorge, sondern große Hoffnung, dass sie weitermachen. Minerva hat 2022 Olympische Spiele mit Nolan Seegert erlebt, die enttäuschend verliefen. Nolan hatte aufgrund eines positiven Coronatestes vor Ort in Peking keine unmittelbare Vorbereitungsmöglichkeit, da er in Quarantäne saß. Sie wollte sich danach neu aufstellen und hat mit Nikita einen Glücksgriff gemacht. Die zwei haben sofort harmoniert, sich über drei Jahre weiterentwickelt und jetzt Olympia-Bronze sowie WM-Gold gewonnen. Der Griff nach Olympia-Gold 2030 ist möglich – sie sind jung genug. Aber die Entscheidung werden sie treffen, nachdem sie etwas zur Ruhe gekommen sind. Beide Paare sind in einem Alter, in dem sie sich 2030 erneut stellen können.

WELT: Was trauen Sie Annika Hocke und Robert Kunkel zu? Vom Publikum werden sie gefeiert.

Ter Laak: Was sie sehr gut machen, sind die Musikauswahl und Begeisterung des Publikums mit besonderen Elementen. Sie haben für sich den richtigen Weg eingeschlagen und machen aus den Programmen sehr viel. Bei ihnen ist weiteres Potenzial vorhanden, auch in der technischen Ausbildung. Sie sind ebenfalls jung genug, um ihr Repertoire ausbauen zu können. Ich blicke da positiv nach vorne. Sie werden uns sicherlich auch in den nächsten Jahren mit ihren Ideen begeistern.

Source: welt.de