Iranische Autorin: Die Angst vor welcher Zukunft ist größer qua die Angst vor den Bomben

Teheran spiegelt den Iran im Kleinen wider. Als Hauptstadt vereint es Menschen aus allen Regionen, mit verschiedensten Vorlieben, Neigungen und Geschichten. Wie der Iran selbst ist die Stadt gewaltig. Ihr Fluch liegt in ihrer Größe – und zugleich ihr Glück.

An einem normalen Tag dauert die Fahrt quer durch die Stadt, von West nach Ost oder umgekehrt, oft drei Stunden oder mehr. Doch am ersten Tag des Krieges war nichts normal. Noch vor zehn Uhr morgens, bevor die Nachricht über einen Raketenangriff auf eine Mädchenschule im Süden Irans die Runde machte, stand der Verkehr in der ganzen Stadt bereits still.

Am selben Morgen, gegen zehn Uhr, twittert Sara: „Der Verkehr ist überall in der Stadt zusammengebrochen.“ Jeder, der sich in der Stadt befand, war gefangen, und das Hupen der Autos ging im Lärm einer Explosion unter, die das Stadtzentrum erschütterte. Der brüchige Waffenstillstand nach dem Krieg im vergangenen Frühsommer war Raketenangriffen gewichen. Und es war keine Überraschung.

In den folgenden sechs Wochen treffen mehr als die Hälfte der Angriffe die Hauptstadt Teheran. Der iranische Rote Halbmond meldete, dass Zehntausende Häuser zerstört wurden. Hunderte Schulen, zahlreiche Universitäten und unzählige kleine Läden fielen den Bomben zum Opfer. Tagelang brannte das Öldepot der Stadt, und die aufsteigende schwarze Wolke ließ Säure und Öl auf Teheran niederregnen.

Vierzig Prozent der Kriegsopfer seien nicht zu identifizieren

Noch immer ist die Zahl der Toten unklar, doch sie ist nicht gering. Wo israelische und amerikanische Raketen einschlugen, vernichteten sie ganze Familien. Ein Mensch verlor bei einem Angriff elf Angehörige, ein anderer beklagte den Tod von sieben Verwandten über Nacht. Doch für viele übertrifft der Verlust ihrer Liebsten nicht das Schlimmste, was sie erleiden müssen.

Zwei Tage nach dem Waffenstillstand erklärt der Leiter der staatlichen Gerichtsmedizin, dass vierzig Prozent der im Krieg Getöteten entweder nicht identifizierbar oder nicht von den Trümmern ihrer Häuser zu unterscheiden seien. Zahra, eine junge Frau, verlor bei einem Angriff auf ein Wohnhaus in Shahriar, Teheran, drei Generationen ihrer Familie: ein Ehepaar in den Sechzigern, drei junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren und ein vierjähriges Kind.

Sie sagt: „Seit Tagen schon schaue ich in den Himmel, auf die Straßen, auf Häuser und Menschen, und ich verstehe es nicht. Rettungskräfte und Feuerwehrleute haben elf Stunden lang unser Haus durchsucht. Von meiner Tante fanden sie nur eine Hand. Von meinem hübschen jungen Cousin fanden sie nur den Oberkörper. Von meinem Onkel fanden sie überhaupt nichts. Ich kann nicht verstehen, wie es möglich ist, dass von einem Körper nichts übrig bleibt. Man sagt, das sei schon oft passiert. Viele andere sind ebenfalls an den Stellen verschwunden, an denen Raketen ihre Häuser getroffen haben, die so zerschmettert wurden, dass ihre Körper nicht mehr von den Trümmern zu unterscheiden sind.“

Sie fährt verzweifelt fort: „Nur am Blut kann man erkennen, dass dort jemand gewesen ist. Abgesehen von den Leichen, die mit dem Boden verschmolzen sind, sind die anderen entweder zerquetscht, in Stücke gerissen oder nach außen geschleudert worden. Sie fanden die Leiche unseres vierjährigen Kindes in den Überresten des Gebäudes gegenüber unserem Haus. Verstehst du, was ich meine?“

Zahra befürchtet, dass andere sie vielleicht nicht wirklich verstehen. Das überrascht nicht. Bilder aus dem kriegsgeplagten Teheran zeigen überall die Brandblasen, doch die Stadt blutet leise und verborgen. Teheran beherbergt über acht Millionen Menschen und erstreckt sich über 700 Quadratkilometer. Obwohl einige Angriffe so heftig wie kleine Erdbeben waren, wirkt die Zerstörung von Zehntausenden Häusern im Vergleich zu den Millionen von Gebäuden in der Stadt nicht besonders groß.

Diesmal flüchten kaum noch Menschen ins Umland

Behrang, ein Mann in den Vierzigern aus Teheran, kämpfte während der Kriegstage darum, mit dem Internet verbunden zu bleiben. Er wollte den Menschen außerhalb der Stadt das Leben unter Bombardement vermitteln. In einem Telefoninterview sagte er: „Stellen Sie sich einen Dorn vor, der im Fuß steckt. Es tut weh; die Person kann nicht gehen, und mit jedem Schritt breitet sich der Schmerz durch das Bein aus. Trotzdem ist der Körper nicht handlungsunfähig. Er leidet und fühlt sich unwohl, aber er funktioniert weiter. Das Herz schlägt noch, Gedanken fließen weiter, auch wenn der Schmerz stark bleibt. So ist es auch mit unserer vom Krieg heimgesuchten Stadt. Sie ist verwundet und beschädigt. Aber das Leben fließt noch immer durch sie hindurch.“

Teherans Straßen sind leer. Schulen und Universitäten sind geschlossen, Verwaltungsbehörden arbeiten nur teilweise, und viele Beschäftigte sind im Homeoffice. Die sonst üblichen, stundenlangen Staus auf den Straßen sind einer Leere gewichen.

Im Gegensatz zum Krieg im letzten Sommer, als viele Einwohner in die kleineren Städte rings um die Hauptstadt flohen, blieb die Abwanderung diesmal gering. Einerseits, weil viele Iranerinnen und Iraner überzeugt sind, dass es durch die amerikanischen und israelischen Angriffe im ganzen Iran nirgendwo mehr sicher ist. Andererseits sind die wirtschaftlichen Verhältnisse seit der Wiedereinführung der UN-Sanktionen im letzten Herbst noch weiter abgesunken. Viele Menschen haben schlicht kein Geld mehr, um die Stadt zu verlassen, um woanders Zuflucht zu suchen.

Das Wetter ist jedoch himmlisch. Der Frühling beginnt in Teheran Anfang Februar und dauert bis in den Mai hinein, bevor die Hitze einsetzt. In diesen zwei bis drei Monaten wechselt der Himmel ständig seine Farben. Frühlingswinde bringen dunkle Wolken, die in Donner, Blitz und heftigen Regenschauern enden. Besonders in diesem Jahr sind die Regenfälle besonders ausdauernd. Während der vergangene Winter extrem trocken war, füllte der Frühlingsregen die Stauseen der Stadt wieder auf. Doch der Krieg nimmt den Menschen in Teheran die Möglichkeit, die frische Luft zu genießen.

Das Geräusch von Gewitter und Donner löst Angst bei den Kindern aus

Vor dem Waffenstillstand lenkten viele Eltern ihre Kinder vom Krieg ab, indem sie die Geräusche von Raketen und Kampfflugzeugen zu heftigen Wetterphänomenen erklärten. Mohammad ist Vater einer fünfjährigen Tochter und erzählt am Telefon: „Es ist schwer, dem eigenen Kind den Krieg zu erklären. Deshalb sagten wir, die Geräusche seien Gewitter und Donner. Viele Eltern, die wir kennen, machten es genauso. Doch dann stießen wir auf ein unerwartetes Problem: Die Kinder setzten sich aus unseren Worten, dem Fernsehen, Gesprächen mit Nachbarn und Telefonaten ein Bild zusammen. Sie merkten, dass die Geräusche vom Himmel nicht von Regen begleitet werden. Sie spürten, dass etwas nicht stimmt. Jetzt, da es einen Waffenstillstand gibt, löst das Geräusch von Gewittern und Donner, das eigentlich Regenbögen und spielende Kinder im Regen ankündigen sollte, Angst aus.“ Selbst die Erwachsenen zuckten bei jedem lauten Geräusch zusammen und fürchteten, der Waffenstillstand könne gebrochen sein, erzählt er weiter.

So verständlich diese Angst vor dem Krieg ist: Diejenigen, die Krieg fernab von Computerspielen und Filmen erlebt haben, wissen, dass es kein Entkommen gibt. Was sich über das Leben gelegt hat, ist, jenseits der Angst vor dem Krieg selbst, die Angst vor der Zukunft.

Während des Krieges griffen Israel und die Vereinigten Staaten gezielt die wichtigsten Industriezweige des Iran an. Zuerst traf es den Luftverkehr, dann den Schienenverkehr. Danach folgten die Arzneimittelproduktion, die Zementherstellung, die Stahlproduktion und schließlich der petrochemische Sektor. Viele dieser Bereiche wurden nahezu vollständig zerstört. Das Ausmaß der Zerstörung ist so groß, dass einige Experten glauben, der Wiederaufbau könnte mehr als ein Jahrzehnt dauern. In bestimmten Sektoren, wie der Stahlindustrie, könnte selbst ein Jahrzehnt nicht ausreichen, um die Verluste auszugleichen.

Der Aufbau des Landes könnte über ein Jahrzehnt dauern

Die Zerstörung grundlegender Industriezweige hat nicht nur das Leben der Arbeiter gefordert, die zum Zeitpunkt der Anschläge im Dienst waren. Sie gefährdet auch Zehntausende oder sogar Hunderttausende von Arbeitsplätzen in diesen Branchen und den nachgelagerten Sektoren. Ahmadreza, ein Teilehersteller, erzählt am Telefon: „Der Mangel an Stahl bedeutet den Stillstand der Teilefertigung und der Automobilproduktion. Es bedeutet die Unterbrechung einer Arbeitskette, an der Hunderttausende von Menschen dranhängen – vom Arbeiter an der Montagelinie über den Automechaniker bis hin zum Taxifahrer.

Die Menschen verstehen immer noch nicht, was wirklich mit dem Land geschehen ist. Dasselbe wird in den mit der Petrochemie verbundenen Branchen geschehen. Von den Herstellern leichter Kunststoffe über die Textilindustrie bis hin zum Schneider um die Ecke – alle werden betroffen sein.“ Es werden noch härtere Zeiten, glaubt er: „Wir können uns noch nicht ausmalen, was in den kommenden Monaten auf uns zukommen wird. Doch es wird so schlimm sein, dass sich die Menschen wünschen werden, es wäre nur die Angst vor Bomben und Raketen, die auf ihre Köpfe fallen.“

Die Stilllegung von Industriebetrieben wird die Wirtschaft des Landes und die Lebensgrundlagen der Menschen erst in ein oder zwei Monaten voll treffen. Doch die Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor leiden bereits seit dem ersten Tag des Krieges. Dies liegt nicht nur an den Sparmaßnahmen, die die Regierung nach der Wiedereinführung der UN-Sanktionen gegen den Iran umsetzte. Auch die weitreichenden Internetabschaltungen unter Kriegsbedingungen haben viele internetbasierte Berufe – von Online-Planung und -Design bis hin zu Vertrieb und Bildung – vollständig zum Erliegen gebracht.

Yasaman Heydari, unterrichtet als Lehrerin klassisches Cello und erzählt am Telefon: „Ich unterrichte Schüler aus dem In- und Ausland in Musiktheorie und Cello. Was mache ich, wenn das Internet ausfällt? Wie soll ich dann meinen Unterricht durchführen? Ohne Unterricht verdiene ich kein Geld. Wie soll ich leben? Viele von uns haben die vollen Auswirkungen dieses Krieges auf unser Leben noch nicht vollständig verstanden. Wir sind nicht gestorben und denken, das sei alles. Wenn unsere Ersparnisse aufgebraucht sind, werden wir das wahre Ausmaß des Problems erst erkennen.“

Entlassungswellen drohen in allen Sektoren

Zunehmend wird in den Medien thematisiert, dass vor etwa einem Monat eine Entlassungswelle aufgrund der Kriegsbedingungen das Land erfasste. Die Entlassungen betreffen viele Bereiche – auch den Mediensektor, der zusätzlich unter den Internetbeschränkungen leidet. Anfang April äußerte der Journalistenverband von Teheran seine Besorgnis über diese Entwicklungen. Zuvor teilten viele Journalistinnen und Journalisten auf ihren Social-Media-Kanälen mit, dass sie ihre Jobs verloren hätten.

Und dabei handelt es sich hierbei noch um Gruppen, die Zugang zu sozialen Netzwerken und ein gewisses Maß an beruflicher Unterstützung untereinander haben. Arbeiter, Dienstleistungsangestellte und diejenigen, die in der informellen Wirtschaft tätig sind und denen diese Unterstützung fehlt, verlieren ihr tägliches Brot in völliger Stille. Eine Schätzung der Arbeitslosenzahlen ist praktisch unmöglich. Genauso wie die Einschätzung der Zahl der Familienmitglieder, die von ihnen abhängig sind, und die nun durch den Krieg tiefer in die Armut getrieben werden.

Trotz der negativen Erfahrungen aus den letzten Verhandlungsrunden mit den USA hat der Iran positiv auf die Gespräche reagiert. Unter der Trump-Regierung brachten diese Verhandlungen dem Iran jedoch nur Krieg. Angesichts der jüngsten Erfahrungen sind die aktuellen Gespräche wenig hoffnungsvoll. Nach 24 Stunden in Islamabad wird klar, dass auch diesmal keine Einigung erzielt wird. Unmittelbar danach droht Trump erneut damit, den Seetransport an der Straße von Hormus zu blockieren. Sollte diese Drohung umgesetzt werden, könnte der Iran in ein weiteres Öl-für-Lebensmittel-Programm gezwungen werden.

Viele Gräber auf dem Friedhof bleiben leer

Viele fürchten, dass Trump seine Drohungen vor dem Waffenstillstand wahrmachen könnte und dabei eine ganze Zivilisation auslöschen würde. Während am Wochenende deutlich wird, dass die Verhandlungen keine Einigung gebracht haben, erzählt Soheila, eine Frau in den Dreißigern, aus Teheran: „Ich kann kaum noch schlafen. Alles ist so teuer. Uns fällt es extrem schwer, über die Runden zu kommen. Was sollen wir tun, wenn es noch schlimmer wird? Mein acht Monate altes Baby braucht eine spezielle Babynahrung wegen seinen Nahrungsmittelallergien. Wenn die Importe noch weiter eingeschränkt werden, wie soll ich dann die Babynahrung besorgen? Es klingt unglaublich, aber ich fürchte, wir nähern uns den Zuständen in Gaza. “

Der große Friedhof von Teheran im Süden der Hauptstadt besteht seit fast sechzig Jahren. In dieser Zeit hat er die Toten vieler historischer Ereignisse aufgenommen. Hier liegen politische Aktivisten, die unter dem Pahlavi-Regime vor der Islamischen Revolution von 1979 hingerichtet wurden. Auch die Opfer der Revolution selbst und die Toten des achtjährigen Iran-Irak-Kriegs fanden hier ihre letzte Ruhe. Nach dem Krieg wurden politische Gegner hingerichtet und ebenfalls hier beigesetzt.

Der Friedhof beherbergt zudem die Opfer der vielen Protestwellen nach der Revolution. Zuletzt wurden die „Märtyrer des vierzigtägigen Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran“ hier bestattet, in derselben Abteilung wie die Opfer des zwölftägigen Krieges, den dieselbe Koalition dem Iran im vergangenen Sommer aufgezwungen hatte.

Viele Gräber bleiben diesmal leer. Die Leichen sind nicht auffindbar und können deshalb nicht beigesetzt werden. Doch die Hinterbliebenen wollen ihre Toten nicht ohne Grabstein zurücklassen. Selbst diese Steine spenden den Überlebenden Trost. Ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung an jene vierzig Tage über Teheran und dem Iran nicht verblasst, auch wenn sie längst nicht mehr hier sind.