Wie eingestürzte, abgebrannte und gesprengte Ingenieurbauten gerettet werden sollen
Selbst der Denkmalschutz schützt nicht vor Abriss. So geschah es dem Berliner Ahornblatt. Viele Ikonen der Ingenieurbaukunst fielen der Zeit, Katastrophen oder Ideologien zum Opfer. Ein Verein baut sie jetzt wieder auf.
Am Anfang der Architektur steht heute oft das Rendering. Es ist das Ergebnis der digitalen Umwandlung von Daten – Messwerten, Bauzeichnungen, 3D-Modellen – in fotorealistische Bilder oder Videos, für die der Effekt von Licht und Schatten, von Materialien und Bauvolumina berechnet wurde. Mit technisch detaillierten bis optisch verführerischen Renderings, so die Hoffnung vieler Architekten, lässt sich jeder Bauherr überzeugen.
Das Ende der Architektur ist meist die Bauschuttdeponie. So fiel etwa der Glaspalast von München, ein Juwel des Industrieausstellungsbaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, 1931 einem Großbrand zum Opfer. Die gusseisernen Profile und Glasscheiben waren nicht zu retten. Recycling von Bauteilen war damals noch nicht so ein Thema wie heute.
Die 1973 eröffnete Berliner Großgaststätte Ahornblatt, ein kühnes Betonschalengebäude von dem ostdeutschen Bauingenieur Ulrich Müther, wurde im Jahr 2000 unter großen Protesten der Öffentlichkeit abgerissen, nachdem Berlin das Grundstück verkauft und die Senatsbaudirektion den Denkmalschutz ignoriert hatte. An der Stelle der sternförmigen Architekturikone wurde stattdessen ein 08/15-Hotel hinter der für Berlin typischen gesichtslosen Lochfassade errichtet.
In der virtuellen Realität aufwendiger Video-Renderings sind beide Gebäude nun wieder zu besichtigen – in der Ausstellung „Verloren & Geborgen“ des Vereins Ingenieurbaukunst (begleitet von mehreren Vortragsabenden). Und noch einige in der echten Realität verschwundene Gebäude mehr: der kriegszerstörte Anhalter Bahnhof und der ehemalige Kaisersteg in Berlin, der abgerissene Kühlturm eines stillgelegten Atomkraftwerks in Hamm-Uentrop – eine an einem Betonkern aufgehängte Seilnetzkonstruktion –, die Hetzerhallen von Weimar, deren Dach der Schneelast des Winters 2021 nicht standhielt, und die Berliner Bauakademie.
Die Ausstellung findet im Roten Saal der Bauakademie statt, dem letzten Überbleibsel von Friedrich Schinkels Ziegelbau aus den 1830er-Jahren. Nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg brannte sie aus und wurde 1962 – nach fortgeschrittenen Restaurierungs- und Wiederaufbauplänen und ebenfalls unter Protesten der Ost-Berliner Bevölkerung – von der SED abgebrochen.
Laut Senatsbeschluss vom Januar 2026 sollen die Fassaden nach langer Debatte um die Gestaltung – historisierend, zeitgenössisch, zeitgemäß – originalgetreu wiederaufgebaut werden. Im rekonstruktionsvernarrten Berlin-Mitte darf die Bauakademie vis-à-vis der wiederaufgebauten Schlossfassade dann bald auch realiter so aussehen, wie Schinkel sie gerendert hätte.
„Verloren & Geborgen“, bis 8. März 2026, Bauakademie, Berlin
Source: welt.de