Weltraumkanone: Wer braucht schon eine Rakete?
Zweihundert Kilometer würden Mike Grace erst mal reichen. Der kalifornische Unternehmer sucht ein Areal dieser Länge, auf dem weit und breit keine Menschen unterwegs sind, die er gefährden könnte, wenn er seine Ladung ins Weltall schießt. Kleine Satelliten zum Beispiel oder Bedarfsgüter für Raumstationen. Er will sie nicht wie fast alle anderen mit einer Rakete befördern, nein, Grace will nur die verhüllte Fracht selbst auf den Weg bringen. In einem waagerecht aufgebauten Rohr von zehn Kilometern Länge soll sie auf vielfache Schallgeschwindigkeit beschleunigt werden, sich dann nach und nach von der Erdoberfläche entfernen und zum Himmel jagen.
Longshot Space Technologies heißt das Start-up, dessen prominentester Investor, der Open-Ai-Chef Sam Altman, in San Francisco die KI-Revolution vorantreibt. Von seinem Büro schaut Mike Grace direkt über die Bucht auf die Skyline der wenige Kilometer entfernten Stadt. Und doch wirkt es auf dem Weg dorthin, als komme man in einer völlig andere Galaxie.
Es ist März 2026, und die Sonne strahlt. Am Ende der Fahrt wechseln sich nagelneue Wohnviertel mit Brachland ab, bis rechts und links die renovierten Hallen des ehemaligen Stützpunkts der Navy-Flieger auftauchen: Alameda Point. Aus dem Militärgebiet wird gerade ein Industriepark, in einer der großen Hallen bauen sie jetzt etwa selbststeuernde Segelboote zur Umweltforschung.
Wer noch weiterfährt, verlässt die Welt der frisch geteerten Straßen. Ganz am Ende folgt ein Gelände mit verwitterten Hallen zwischen brüchigem Asphalt, das Immobilienprospekte vornehm als »unentwickelt« umschreiben. Genau dort entwickelt Longshot sein Beschleunigungsrohr – und ist damit Teil eines Booms.
Das Konzept stammt von den Nazis
Die Weltraumwirtschaft hebt ab. Mehr als eine halbe Billion Euro setzt sie jährlich um, 15.000 Satelliten kreisen laut der Europäischen Weltraumagentur Esa schon um den Planeten. Möglich wird das Wachstum durch schnell fallende Transportkosten. Um die Jahrtausendwende kostete es noch gut 50.000 Dollar, ein Kilo Fracht ins All zu befördern, heute sind es weniger als 3.000 Dollar, in ein paar Jahren soll die Marke von hundert Dollar unterboten werden, und falls Mike Grace Erfolg hat, könnte der Weg in den Orbit noch mal deutlich günstiger werden.
Der deutsche Ingenieur Marius Mayer, der zum Studium nach Kalifornien kam und als Produktionschef bei Longshot anheuerte, führt den Besucher zu einem flachen, länglichen Gebäude mit einem Turm am Anfang und einem am Ende. Hier, wo die Navy früher Geschosse ausprobierte, haben Mayers Leute aus alten Öl- und Gasleitungen ein knapp 40 Meter langes Rohr zusammengeschweißt. Alle paar Meter sitzen Einlässe für die metallenen Patronen mit stark komprimiertem Stickstoff. Das Prinzip: Das Projektil wird im Rohr durch nacheinander geschaltete Stickstoff-Schübe immer weiter beschleunigt, bis es am Ende hinausrast.
In Alameda bekennen sie freimütig, dass ihr Konzept im Prinzip von den Nazis stammt. Die haben gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur die sogenannte Vergeltungswaffe V2 entwickelt, eine Rakete, sondern auch die V3, ein mit aufeinanderfolgenden Zündungen versehenes Rohr, um damit von Frankreich aus England zu beschießen. Das rund 150 Meter lange Rohr der ersten »Englandkanone« wurde in einem Winkel von 45 Grad einen Hügel hinauf errichtet, aber dann zerstört. Überlebt hat nur die Idee, mit der Longshot 2021 gegründet wurde.
Der Firmenname bedeutet wörtlich »langer Schuss«, im übertragenen Sinn steht er für einen gewagten Versuch, der leicht schiefgehen kann, aber im Erfolgsfall eine hohe Belohnung verspricht.
Derzeit sind Longshot-Projektile zwar schon viermal so schnell wie der Schall, wenn sie in die verstärkten Wände einer der Türme einschlagen. Für den Weg ins All ist das Rohr aber nicht im Entferntesten lang genug, die Geschwindigkeit viel zu gering und die Technik unfertig. Viele Fragen müssten beantwortet, Lösungen getestet werden, sagt Mayer. Strömt der Stickstoff immer im senkrechten 90-Grad-Winkel auf das Vehikel im Inneren ein – oder mehr von hinten? Wie muss die Membran beschaffen sein, die in Millisekunden reagiert, um das immer schneller rasende Vehikel genau abzupassen? Oder das: Wie sollen die Schienen im Inneren beschaffen sein, damit das Projektil im ersten Teil der Bewegung optimal lagert, bevor sein Tempo so hoch und die Hitze so groß wird, dass es durch eine Art Plasma rauscht? Der deutsche Produktionschef hat eine ganze Liste solcher Fragen – und bei der Suche nach Antworten immer die Kosten im Blick. Schließlich geht es darum, am Ende billiger zu sein als die wiederverwendbaren und damit günstigen Raketen der Zukunft.