Vereinte Nationen: „Es ist eine Zeit, die von Kriegslust geprägt ist“

Herr Fletcher, Sie sehen es als Ihren Job an, Aufmerksamkeit auf humanitäre Krisen zu lenken – wie viel schwieriger ist Ihre Arbeit geworden, seit Donald Trump wieder im Weißen Haus regiert?

Wir kämpfen ganz klar um Aufmerksamkeit. Wir befinden uns also in einer Welt mit einem Aufmerksamkeitsdefizit, in der eine Art tägliche Reality-TV-Show abläuft: In der einen Woche herrscht Frieden, in der nächsten Krieg, in der darauffolgenden wieder etwas anderes. Diejenigen, die dabei am meisten leiden, sind die Menschen, denen wir dienen, nämlich mehr als 300 Millionen Menschen, denen es derzeit wirklich schlecht geht. Die sind jetzt alle mit steigenden Kosten für Treibstoff, Lebensmittel und Düngemittel konfrontiert sind – alles als Folge des letzten Monats.

Hat es Sie überrascht, dass die US-Regierung überhaupt zwei Milliarden Dollar für die UN zugesagt hat?

Es war eine Entscheidung zwischen zwei Milliarden und null, und zwei Milliarden werden Millionen von Menschenleben retten. Es war also eine positive Überraschung. Ich hoffe, wir werden in Zukunft weitere solche positiven Überraschungen von den Amerikanern und anderen Gebern erleben.

Warum stehen das humanitäre System und der Multilateralismus aktuell so stark unter Druck?

Eine egoistischere, eher auf Transaktionen ausgerichtete Welt macht unsere Arbeit viel, viel schwieriger. In vielerlei Hinsicht bedeutet dies, dass weniger Geld für humanitäre Hilfe zur Verfügung steht, da mehr Mittel in die Verteidigung fließen. Man sieht das bei den Europäern. Die Europäer sagen uns, dass sie die Mittel nicht aus ideologischen Gründen kürzen, sondern weil sie sich auf dem eigenen Kontinent unsicher fühlen, weil sie sich Sorgen um die Zukunft der NATO machen, weil sie sich Sorgen um das transatlantische Verteidigungsbündnis machen. All das bedeutet also, dass uns weniger Mittel zur Verfügung stehen, aber es bedeutet auch, dass das internationale System und der Prozess zur Beendigung von Konflikten und Kriegen in Frage gestellt werden. Da ist auch diese unterschwellige Atmosphäre der Straflosigkeit, das Gefühl, dass niemand zur Rechenschaft gezogen wird. Man hört jetzt, wie führende Politiker davon sprechen, Zivilisationen auszulöschen.

Damit meinen Sie wohl Trumps Drohung im Irankrieg.

Es ist eine Zeit, die von einer Art Kriegslust geprägt ist, und es ist eine Zeit, in der es viel mehr um Transaktionen geht. Wenn im Grunde jeder zu einer Art Immobilienmakler wird, dann wird das die Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit untergraben. In einer von Transaktionen geprägten Welt besteht eine unserer Herausforderungen darin, dass, wenn man sich mit einem führenden Staatschef an einen Tisch setzt und drei Bitten hat, wir nicht zu den drei wichtigsten Anliegen gehören werden. Sie werden über ihr Handelsabkommen nachdenken.

Sie haben Qatar und China als vorbildliche Partner der internationalen Zusammenarbeit genannt. Richten sich die UN gerade neu aus?

Wir versuchen, Anerkennung zu zollen, wo sie gebührt. Die Qataris haben insbesondere im Bereich der humanitären Diplomatie Außerordentliches geleistet. Sie haben wirklich gezeigt, was ein eher nicht so große Macht im Bereich der Vermittlung leisten kann. Und die Qataris sind auch sehr großzügige Geldgeber für die humanitäre Bewegung. Sie gehören zu den zuverlässigsten Unterstützern unserer Arbeit.

China ist kein großer Geldgeber für humanitäre Arbeit. Es nutzt seine Stimme im Sicherheitsrat, um Rechenschaftspflicht und Unterstützung für das humanitäre System einzufordern. Als ich dort war, lobte ich aber besonders ihre Arbeit im Bereich der Katastrophenhilfe, wo sie vieles in den letzten zehn Jahren geleistet haben.

Spielen diese Partner nun eine größere Rolle?

Ich denke, die letzten Jahre haben gezeigt, dass wir uns im humanitären Bereich zu sehr auf die USA verlassen haben, fast die Hälfte der Mittel kam von den Amerikanern. Wir müssen diese Last also breiter verteilen.

Sie sprechen auch von Künstlicher Intelligenz, die helfen kann, Budgetkürzungen abzufedern.

Wir führen derzeit einen humanitären Neustart durch, der vier Aspekte umfasst: Zum einen geht es darum, viel klarer zu definieren, wie wir unsere Arbeit priorisieren, also uns wirklich zuerst auf die lebensrettenden Maßnahmen zu konzentrieren. Dann geht es darum, mehr lokale Organisationen einzubeziehen, ihnen eine Stimme am Verhandlungstisch zu geben, ihnen viel mehr Einfluss darauf zu gewähren, wie die Mittel ausgegeben werden. Ein weiterer Aspekt ist die Verteidigung des humanitären Völkerrechts, insbesondere in der aktuellen Situation. Und dann gibt es noch einen Aspekt, nämlich die Arbeit wesentlich effizienter und kreativer zu gestalten und den Sektor neu zu konzipieren.

Wie also könnte KI das humanitäre System unterstützen?

Ein Teil davon ist, die Ursachen humanitärer Krisen zu betrachten – eine davon ist natürlich das Klima, aber eine andere sind Konflikte. Ich glaube, dass KI uns dabei helfen kann, besser vorherzusagen und einzuschätzen, was auf uns zukommt, und uns besser darauf vorzubereiten.

Eines der Symptome für den Rückzug vieler Spender ist aber auch, dass sie jedes Mal von uns mehr Nachverfolgung und Rechenschaftspflicht für unsere Arbeit verlangen. Sie kürzen also die Mittel, erhöhen aber gleichzeitig die Anforderungen an uns. Die Menschen wollen genauer sehen, wohin ihr Geld fließt. Unsere Arbeit wurde bisher eher daran gemessen, wie viel Geld wir einsammeln, als daran, wie viele Menschen wir erreichen. Eine große Veränderung, die wir im Rahmen der aktuellen Neuausrichtung vorantreiben, ist daher die Nachverfolgung und Rechenschaftspflicht in Bezug auf Ergebnisse. Wir haben zum Beispiel jetzt einen Tracker, der uns detailliert zeigt, wie wir im Januar sieben Millionen Menschenleben gerettet haben.

Ist das der Versuch, Legitimität zurückzugewinnen?

Das ist ein entscheidender Punkt. Ich denke, wir leben in einer Zeit des Misstrauens. Ich möchte zeigen, dass das, was wir tun, tatsächlich funktioniert, wirksam ist und dass es echte Ergebnisse bringt.

Erhoffen Sie sich das auch von der heutigen Sudankonferenz in Berlin?

Ich bin froh, dass wir etwas Aufmerksamkeit bekommen, denn der Sudan ist eines der Länder, die immer weiter nach unten rutschen. Wir haben in den drei Jahren dieses Konflikts wirklich nicht genug Engagement von der internationalen Gemeinschaft gesehen. Dabei brauchen zwei Drittel der Menschen im Sudan gerade jetzt Hilfe.

Was für eine Rolle kann Deutschland dabei spielen?

Allein schon alle hier zusammenzubringen, die richtigen Leute an einen Tisch zu holen, ist ein wichtiger Teil davon. Deutschland ist einer der großzügigen Geldgeber, die seine Finanzierungsmittel weitgehend beibehalten haben. Ich glaube, wir haben uns in eine Welt manövriert, in der alle erwarten, dass Friedensabkommen sofort zustande kommen und dann können alle sagen: Auftrag erledigt. Aber wir räumen das Chaos auf, wenn diese Abkommen dann doch nicht greifen. Wir brauchen also deutsche Geduld und Ernsthaftigkeit.

Source: faz.net