Verband verwundert: Das soll die Reservistenstrategie sein?

Als Russland die Ukraine überfiel, brachte es die Armee der Verteidiger auf eine Personalstärke von etwa 250.000 Soldaten. Viele davon wurden seither verwundet oder getötet oder schieden aus. Um das auszugleichen, setzt die Ukraine auf Reservisten und einberufene Wehrpflichtige. Heute verfügt das Land über etwa 900.000 aktive Soldaten und 1,2 Millionen Reservisten.

Die Bundeswehr hat derzeit eine geringere Ausgangsstärke als seinerzeit die Ukraine, soll aber wachsen, wenngleich langsam und ohne Wehrpflicht. Aktuell stehen ihr 185.000 aktive Soldaten zur Verfügung. Das Ziel für die kommenden zehn Jahre sind 260.000. Doch mindestens ebenso wichtig ist die Möglichkeit einer kämpfenden Armee, sich zu regenerieren, Verluste an Menschen und Material zu ersetzen. Die Reserve von heute ist dann die kämpfende Truppe.

In Deutschland schrumpfte diese Reserve in den vergangenen Jahrzehnten noch schneller als die Bundeswehr selbst. Von den etwa 900.000 Reservisten des Kalten Krieges waren zuletzt nur noch ein paar Zehntausend übrig. Sie wurden einst in den Streitkräften ausgebildet und üben nun, neben ihrem eigentlichen Beruf, ein-, zweimal pro Jahr für ein paar Tage oder Wochen. Dafür müssen Angestellte vom Arbeitgeber freigestellt werden.

200.000 Reservisten bis 2033

Über viele Jahre wurde eine Neuordnung des Reservistenwesens verschleppt. Erst im Herbst 2025 beauftragte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sein Haus und insbesondere die Stellvertreterin des Generalinspekteurs Nicole Schilling damit, ein neues Konzept für eine Reserve zu erstellen. Das Ergebnis wurde nun dem Minister übermittelt. Zumindest in der Version, die dem Reservistenverband und anderen vorliegt, hat das Papier einen Umfang von etwa einem Dutzend Seiten. Es wirkt eilig zusammengetragen, neue Ideen sind kaum darin, viele Fragen bleiben offen.

Reservisten stehen am Nationalen Veteranentag im Juni 2025 für einen Reservistenappell mit Schwurbekräftigung in der Zitadelle Vechta vor dem Zeughaus und singen die deutsche Nationalhymne.
Reservisten stehen am Nationalen Veteranentag im Juni 2025 für einen Reservistenappell mit Schwurbekräftigung in der Zitadelle Vechta vor dem Zeughaus und singen die deutsche Nationalhymne.dpa

Festgestellt wird in dem Dokument mit der Kennung SLL-011, dass Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte erhöht werden müssten und die personelle Reserve bis 2033 „mindestens“ 200.000 Reservisten umfassen solle. Die Anforderungen an diese Reserve unterschieden sich „grundlegend“ von der bisherigen Aufstellung, daher bedürfe die Reserve „einer grundsätzlichen Neuausrichtung“. Wie das geschehen soll, bleibt allerdings nebulös.

Der Begriff „Neue Reserve“ bedeute eine „skalierbare Ausrichtung über das gesamte Kontinuum Frieden-Krise-Krieg“. Ohne konkrete Vorschläge verlangt das Papier, die Reserve müsse beispielsweise „umfassend befähigt“ und „vollständig konzeptionell hinterlegt“ sein, außerdem eingebunden in Übungsvorhaben mit der aktiven Truppe – was offenbar bislang nicht der Fall ist.

Der Dienst in der Neuen Reserve sei, so die Forderung des Ministeriums, „gesellschaftlich wertgeschätzt und in der aktiven Truppe vollständig anerkannt“. Er müsse, heißt es weiter, „gleichzeitig ein Beitrag zur Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft“ sein. Als „strategisch relevante Handlungsfelder“ identifizieren die Verfasser der Strategie altbekannte Punkte wie „Kommunikation und Ansprechbarkeit“.

Mehr als vier Jahre nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine soll bis 2027 eine Kommunikationsstrategie entwickelt und bis Ende 2026 eine zentrale Ansprechstelle für die Reservisten-Angelegenheiten eingerichtet werden. Die sogenannten „Assessmentkapazitäten“ sollten demnach vor allem die Einsatzbereitschaft fördern, „nicht prioritär auf die Förderung von Individualinteresse ausgerichtet“ sein.

Vernichtendes Urteil: Patrick Sensburg, der langjährige Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr, beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue.
Vernichtendes Urteil: Patrick Sensburg, der langjährige Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr, beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue.Picture Alliance

Die Verfasser haben es offenbar völlig versäumt, mit dem Reservistenverband zu sprechen. Dessen langjähriger Vorsitzender, Patrick Sensburg, sagt der F.A.Z., die sogenannte Strategie sei voller Redundanzen „und erscheint zumindest in Teilen so, als wäre sie mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz erstellt worden. So wird die Bundeswehr auf lange Sicht keine ausreichende Reserve aufbauen“.

Ein vernichtendes Urteil, wobei Sensburg selbst zweifelte, ob es das denn wirklich gewesen sein kann: „Ich kann kaum glauben, dass dies die vollständige Strategie der Reserve sein soll. Der Heimatschutz fehlt völlig.“ Sein Verband, immerhin das organisatorische Rückgrat der Freiwilligenarbeit, kommt nicht vor. Dabei heißt es unter den Schlussbestimmungen des Papiers, Ministerium und Bundeswehr arbeiteten „eng mit den in der Reservistenarbeit tätigen Verbänden und Vereinigungen zusammen“. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, wie so oft im Planungswesen des Ministeriums.

„Mit Unverständnis zur Kenntnis genommen“

Sensburg weiter: „Dass der Reservistenverband als besonders beauftragter Träger der Reservistenarbeit außerhalb der Bundeswehr gar nicht erwähnt wird, kann nur mit Unverständnis zur Kenntnis genommen werden.“ Ein Konzept für den Feldersatz, also das Wiederauffüllen von Verlusten, werde gar nicht erwähnt, ebenso wenig die „Heimatschutzdivision“, von Minister Pistorius erst kürzlich mit Brimborium aufgestellt und wesentlich von Reservisten zu tragen. Sensburg, selbst Oberst der Reserve, hat sich nach zehn Jahren an der Verbandssitze soeben verabschiedet.

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Anfang April ein neuer Vorsitzender gewählt. Dabei vertritt die Organisation mit etwa 110.000 Mitgliedern die Interessen von etwa 900.000 Männern und Frauen, die im Fall des Falles zu den Streitkräften einberufen werden könnten, weil sie offiziell als Reservisten gelten. Wobei eben nur wenige wüssten, was sie wo tun sollten und ihre Ausbildung Jahre und Jahrzehnte zurückliegt.

Der Nachfolger: Der neue Präsident des Reservistenverbands Bastian Ernst (CDU) im Bundestag
Der Nachfolger: Der neue Präsident des Reservistenverbands Bastian Ernst (CDU) im Bundestagdpa

Nur ein geringer Teil dieser Männer und Frauen könnte irgendwo in den Streitkräften einen konkreten Posten einnehmen, weniger als 60.000 sind, so nennt man das, „beordert“. Diese Zahl soll nach den Plänen der Bundeswehr in den kommenden Jahren wieder auf 200.000 anwachsen. Im Reservistenverband hält man das Fünffache davon für nötig, um in einer großen Auseinandersetzung mit einem Gegner wie Russland durchhaltefähig zu sein. Derzeit verliert Russland in der Ukraine 35.000 Soldaten pro Monat.

Neue Führung beim Reservistenverband als Chance

Beim Reservistenverband übergibt Sensburg sein Amt an den 39 Jahre alten CDU-Politiker Bastian Ernst. Der Hauptgefreite der Reserve aus Niedersachsen hat zwar weniger militärische Ausbildungen und Erfahrung als sein Vorgänger. Aber er gehört dem Deutschen Bundestag an und ist zudem ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss.

Ebenfalls ein Mandat hat der neue stellvertretende Vorsitzende, Oberleutnant der Reserve Esra Limbacher. Der Saarländer hat seine Offiziersausbildung neben Studium und Beruf absolviert. Der SPD-Politiker schrieb dazu, ihn habe der Grundsatz des Staatsbürgers in Uniform in der Bundeswehr überzeugt, „es passt zu unserem Land, unserer Gesellschaft und Demokratie. Die Soldatinnen und Soldaten schützen die Werte und Normen Deutschlands, denen sie auch selbst verpflichtet sind“.

In der SPD-Fraktion hat Limbacher als stellvertretender Vorsitzender eine herausgehobene Position, zudem ist er einer der Sprecher der Parlamentariergruppe „Seeheimer Kreis“. Mit den beiden neuen, jungen Politikern an der Spitze vergrößert sich das Gewicht der Reservisten im Bundestag. Sensburg hatte seine abermalige Kandidatur für ein Direktmandat 2021 an den Politik-Rückkehrer Friedrich Merz verloren und war aus dem Bundestag ausgeschieden. Sein Engagement für die Reservisten lief ehrenamtlich weiter, nun hat er genug.

So stehen die Konzeption der Reserve und die praktische Zusammenarbeit mit dem Verband vor einem neuen Anfang. Das Ministerium hätte die Chance, mit den jüngeren, im Bundestag gut vernetzten Repräsentanten der Reservisten seine unvollkommene Konzeptskizze gründlich zu überarbeiten. Am Mittwoch will Pistorius seine „Strategie der Reserve“ gemeinsam mit weiteren Großvorhaben der Öffentlichkeit vorstellen. Auch die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung, der Plan für den Aufwuchs der aktiven Truppe, die Modernisierungs- und Entbürokratisierungsagenda sollen dabei in einem Aufwasch vorgestellt werden.

Source: faz.net