Übrig Alexandre Kojève: Eurokrat im Auftrag des Weltgeistes
Francis Fukuyama muss, wo er zitiert wird, meist die Rolle des gut gelaunten Optimisten spielen. Dabei lautete der volle Titel seines Buches von 1992 „Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“. Den zweiten Teil überliest man gern, enthält er doch ein Problem, das dem Geschichtsende hier innewohnt: Ohne Kalten Krieg kein nennenswerter Kampf, also keine Größe – womöglich keine Kunst, keine Philosophie.
Ein Theoretiker, auf den Fukuyama dabei zurückgriff, war Alexandre Kojève, jener Russe, der als Dozent im Paris der Dreißigerjahre zum Guru später prominent gewordener Autoren – Lacan, Bataille, Queneau, Merleau-Ponty… – avancierte. Kojève hob in seiner Lektüre Hegels hervor, wie ambivalent so ein Triumph doch sei. In sonntäglicher Ernüchterung steht er vor der Frage: „Nun gut, aber wie weiter?“ Mit diesem Problem beschäftigt sich jetzt auch Boris Groys in der neuesten Kojève-Biographie.
Stalin verkörperte für ihn den Weltgeist
Groys’ Protagonist wurde 1902 in Moskau als Alexander Kozhevnikov in eine Familie geboren, die so wohlhabend war, dass der Spross vor der Revolution zum Studium nach Heidelberg floh. Dort verfasste er bei Karl Jaspers eine Doktorarbeit über den mystischen Religionsphilosophen Vladimir Solovyov, in der Groys das Fundament von allem Weiteren erkennt. Der Ansatz seiner Biographie besteht, vereinfacht gesagt, darin, Kojèves Denken aus Solovyovs All-Einheitslehre abzuleiten. Diese handelt von einer tragischen Liebesbeziehung zwischen Gott und einer weiblich gedachten Idealmenschheit. Geschichte wird da zur Soap Opera ihrer romantischen Wiedervereinigung in der Zeit.

Tatsächlich fehlt solch bildlich-narrative Methode bei Kojève nie, der die Heilskampagne politisch interpretiert: Josef Stalin durfte bei ihm den Weltgeist personifizieren. Für Hegel war es Napoleon gewesen. Sieht man die Verbundenheit der Mittelsmänner (Jesus, Napoleon, Stalin), lässt sich Geschichtsphilosophie als Reenactment der Bibel erkennen.
Zunächst marxistisch orientiert, nimmt Kojève während des Weltkriegs in eben dem Maße vom Sozialismus Abschied, in dem er sich politisch praktisch betätigt. Nach dem Krieg im französischen Amt für Außenwirtschaftsbeziehungen: Kojève wird zum Staatsdiener, der für Frankreich EWG-Verträge aushandelt und so an der Realisierung jener europäischen Idee mitwirkt, die er in seinen Texten propagiert. Schließlich lässt sich auch die Brüsseler Bürokratie als Menschheitsaufgabe begreifen, fern den Niederungen der Natur, überflüssig und fein wie die Aristokratie. Im Verwaltungswesen aufgehend, erliegt Kojève bei einem Treffen der Arbeitsgruppe für Handelspolitik 1968 einem Herzinfarkt.
Ein filmreiches Leben
Groys nennt ihn einen „philosophischen Schriftsteller, der zum Märtyrer des posthistorischen Bürokratieordens wurde“. Die Wortwahl mag man für übertrieben halten, doch dann übersähe man, dass Kojève die Philosophie – und in ihrer Verlängerung die Verwaltung – so ernst nahm, wie es der Begriff des Wahrheitszeugen nahelegt.
Das Leben Kojèves ist in jeder Hinsicht erzählenswert, ja filmreif. Der Neffe Wassily Kandinskys lebte eine Zeit lang vom Verkauf der Familienjuwelen auf dem Berliner Schwarzmarkt und entkam der Hinrichtung durch die Nationalsozialisten nur dadurch, dass er einen Wehrmachtsoffizier im Verhör mit Kenntnissen über deutsche Museen beeindruckte. Leser, die von solchen Geschichten hören wollen, seien allerdings auf andere Biographien verwiesen (etwa die von Marco Filoni). Groys’ Methode, die man genetisch nennen müsste, verfolgt einen anderen Weg.
Der Theoretiker der Künste Groys’ – international durch eine Studie bekannt geworden, die an der Schnittstelle von Ästhetik und Politik liegt („Gesamtkunstwerk Stalin“, 1988) – ist Anhänger der Regel, das Leben eines Philosophen in seinem Denken stattfinden zu lassen. Hier wird also das Intellektuelle an der intellektuellen Biographie betont, in einem straffen Text, der dem Leser in schneller Folge Denkfiguren vorführt. Das geht nicht immer wackelfrei, zumal Groys ohne das Sicherheitsseil der Sekundärliteratur arbeitet. Sein Prinzip ist das der aneignenden Lektüre: Wie Hegel von Kojève, so wird dieser durch Groys freischwebend rekonstruiert.
Boris Groys: „Alexandre Kojève“. An Intellectual Biography. Verso Books, New York 2025. 176 S., br., 16,99 €.
Source: faz.net