Übergriffe im Westjordanland: Bericht: Israelis setzen sexuelle Gewalt zur Vertreibung ein
Übergriffe im WestjordanlandBericht: Israelis setzen sexuelle Gewalt zur Vertreibung ein
21.04.2026, 22:13 Uhr
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Die Vertreibungen von Palästinensern im Westjordanland haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Offenbar setzen israelische Soldaten und Siedler dabei auch gezielt sexualisierte Gewalt ein. Ein Bericht dokumentiert entsprechende Fälle und ihre Konsequenzen.
Einem Bericht zufolge setzen israelische Soldaten und Siedler vermehrt geschlechtsspezifische Gewalt sowie sexuelle Übergriffe und Belästigungen ein, um Palästinenser im besetzten Westjordanland aus ihren Häusern zu vertreiben. Die Zeitung „The Guardian“ berichtet über Nachforschungen des „West Bank Protection Consortium“, wonach palästinensische Frauen, Männer und Kinder sich bei Angriffen entblößen mussten, schmerzhaften Untersuchungen in Intimbereichen unterzogen wurden oder ihnen sexuelle Gewalt angedroht wurde. Israelis sollen auch vor Minderjährigen ihre Genitalien entblößt haben.
Dem Bericht zufolge dokumentierten die Forscher in den vergangenen drei Jahren 16 solcher Fälle im besetzten Westjordanland, wobei aufgrund der Scham und Stigmatisierung der Opfer von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei. Weitere ähnliche Gewaltformen umfassen demnach das Urinieren auf Palästinenser, das Anfertigen und Verbreiten erniedrigender Fotos von gefesselten und entkleideten Personen, das Stalken von Frauen an Latrinen und Drohungen mit sexueller Gewalt gegen Frauen.
Sexualisierte Angriffe beschleunigten dem Bericht zufolge die Vertreibung von Palästinensern im Westjordanland. Mehr als zwei Drittel der befragten Haushalte nannten die zunehmende Gewalt gegen Frauen und Kinder, einschließlich sexueller Belästigung von Mädchen, als ausschlaggebenden Faktor für ihre Entscheidung, die Heimatorte zu verlassen, so das Konsortium.
Der Bericht des Forscherteams geht auch auf einzelne Fälle ein. Eine Frau sei von zwei Soldatinnen, die mit israelischen Siedlern ihr Haus betraten, einer schmerzhaften Ganzkörpersuche unterzogen worden, bei der sie sich ausziehen musste. „Sie beschrieb, dass sie angewiesen wurde, ihre Beine schmerzhaft zu spreizen, und berichtete von abfälligen Kommentaren und Berührungen intimer Stellen“, zitiert der Guardian aus dem Bericht.
Um das Risiko solcher Angriffe und Belästigungen zu verringern, würden Mädchen vermehrt die Schule abbrechen und Frauen ihre Arbeit aufgeben, hieß es. Dies habe auch zu einem Anstieg der Frühehen geführt: Eltern, die ihre Töchter um jeden Preis schützen wollen, suchten nach Wegen, sie vor dieser Bedrohung in Sicherheit zu bringen. Mindestens sechs der für den Bericht befragten Familien hätten Hochzeiten für Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren arrangiert.
Auch Männer und Jungen sind Ziel solcher Angriffe. Im März war ein besonders krasser Fall publik geworden: Ein palästinensischer Mann war in einem Dorf im Westjordanland von israelischen Siedlern entkleidet, mit einem Kabelbinder an den Genitalien gefesselt und vor seiner Gemeinde verprügelt worden, wie Augenzeugen berichteten.
Der Bericht über sexualisierte Gewalt als Mittel zur erzwungenen Vertreibung stützt sich auf 83 Interviews mit palästinensischen Gemeinschaften im gesamten Westjordanland. Die Forscher erheben keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität. Das „West Bank Protection Consortium“ ist ein Zusammenschluss internationaler humanitärer Organisationen, um gefährdete palästinensische Gemeinschaften im Westjordanland vor Zwangsvertreibung zu schützen.
Source: n-tv.de