TV-Kritik: Maybrit Illner: Von welcher Ukraine ringen lernen

Es ist ein schier endlos wirkender Krieg in Europa, der jedoch nicht mehr wie früher fast jeden Tag die Schlagzeilen und auch kaum mehr die Themensetzung deutscher Polittalkshows bestimmt. Und das, obwohl gerade in dieser Woche wieder massive russische Drohnen- und Raketenangriffe Tod und Zerstörung in ukrainische Städte brachten.

Im Windschatten des vor mehr als sechs Wochen begonnenen, aber trotz amerikanischer Siegesfanfaren nicht siegreich beendeten Krieges der USA und Israels gegen Iran verteidigt sich die Ukraine seit mehr als vier Jahren erfolgreich, aber unter großen Verlusten an Menschenleben und Infrastruktur, gegen die russischen Aggressoren.

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Ein Angriffskrieg, den der amerikanische Präsident Donald Trump vor seinem Amtsantritt im Januar 2025 großmäulig versprach, innerhalb von 24 Stunden zu beenden – durch einen „Deal“ mit dem von ihm wegen seiner Machtfülle und seines Reichtums bewunderten russischen Diktator Wladimir Putin. Ein Deal zulasten der Ukraine, deren standhafter Präsident Wolodymyr Selenskyj von Trump unter Drohungen immer wieder dazu gedrängt wurde, auf von Russland nur zum Teil eroberte Gebiete im Donbass zu verzichten, damit es zu einem Diktatfrieden nach Moskaus Geschmack kommt.

Inzwischen scheint Trump jegliches Interesse an einem Waffenstillstand in der Ukraine oder an einer ohnehin nur noch minimalen militärischen und finanziellen Hilfe für Kiew verloren zu haben. Kein Wunder, hat der sich mit Jesus vergleichende Trump doch gerade andere Wunder zu vollbringen angesichts des von ihm angerichteten und die Weltwirtschaft bedrohenden Schlamassels am Golf mitsamt der dadurch blockierten Straße von Hormus. Anfang der Woche reiste Selenskyj deshalb sicher nicht zufällig – gleich nach der Abwahl des Putin- und Trump-Freundes Viktor Orbán in Ungarn – zu einem überraschenden Besuch nach Berlin, um mit Bundeskanzler Friedrich Merz eine enge strategische Partnerschaft beider Nationen zu schließen. Eine Partnerschaft, die militärische Unterstützung der von Putin überfallenen Ukraine etwa bei der gemeinsamen Entwicklung und Produktion von Drohnen vorsieht.

Lob für „Friedrich“

Ein willkommener Anlass für Maybrit Illner, gleich im Anschluss an dieses deutsch-ukrainische Treffen ein Exklusivinterview mit Selenskyj schon zwei Tage vor der Ausstrahlung in ihrer gleichnamigen Sendung am Donnerstagabend zu führen – und ihm dabei ein Lob für Deutschland und seinen Kanzler, den er freundschaftlich „Friedrich“ nannte, zu entlocken, das Trump nicht gefallen dürfte.

Ob Deutschland nach dem Ausfall der USA nun der wichtigste strategische Partner der Ukraine sei, fragte Illner den ukrainischen Präsidenten. Und der nannte Berlin als „ganz sicher“ den wichtigsten Partner in Europa, um auf die nachhakende Frage „Wichtiger als die USA?“ entwaffnend undiplomatisch hinzuzufügen: „Um ehrlich zu sein, macht Deutschland tatsächlich mehr als alle anderen. Die Amerikaner finanzieren unseren Kampf nicht. Ich möchte die USA und Deutschland nicht vergleichen, aber Deutschland hilft heute mehr.“

Doch ob Merz – anders als Trump mit seinem 24-Stunden-Kriegsende – der Ukraine zu viel verspricht, wollte Illner nicht nur von Selenskyj wissen. Um Antworten gebeten zu dieser heiklen Frage wurden auch der frühere Top-Diplomat Wolfgang Ischinger, der als Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz dort den ukrainischen Präsidenten schon mehrfach erlebt hat, sowie Marina Weisband, die in Kiew geborene Grünen-Politikerin und Autorin mit deutschem und ukrainischem Pass, und Frank Sauer, der an der Bundeswehruniversität in München zur Sicherheitspolitik lehrt und gerade beim Thema Ukraine-Krieg ein gern gehörter Experte in Illners Runde ist.

Ergänzung statt Streit

Diese Expertenrunde, die sich nicht stritt, sondern analytisch klug einander ergänzte in ihrem Sachverstand, wurde vor dem Einspielen des Interviews zu der Bedeutung dieser neuen strategischen Partnerschaft befragt. Und die Antworten fielen deutlich aus im Blick auf das Potenzial, das die Ukraine für die Sicherheit Deutschlands und Europas inzwischen bedeutet. Sauer wies auf den „gewaltigen Landkrieg“ hin, in dem sich mit Russland und der Ukraine die zwei größten Streitkräfte des Kontinents gegenüberstehen. Von den militärischen Fähigkeiten der Ukraine, etwa ihrem „Drohnen-Know-how“, könne die NATO viel lernen. Niemand sammle mehr mit Blut bezahlte Daten auf dem Gefechtsfeld als die Ukraine. Das Land habe „aus dem Nichts“ neue Waffensysteme erschaffen.

Wolfgang Ischinger, Maybrit Illner, Frank Sauer und Marina Weisband in der Diskussion.
Wolfgang Ischinger, Maybrit Illner, Frank Sauer und Marina Weisband in der Diskussion.ZDF/Jule Roehr

Marina Weisband wies ebenfalls auf die „riesige Innovationskraft“ der Ukraine hin, von der Deutschland nur profitieren könne. Und Ischinger blickte sarkastisch auf die Haltung der politischen Klasse in Deutschland zurück, die militärische Hilfe für die Ukraine zu Beginn des Krieges als „Benefizprojekt“ betrachtet habe, das in der Lieferung von 5000 Helmen und ausgemustertem Bundeswehrgerät gipfelte. In der nun besiegelten Partnerschaft hänge die Ukraine mit der leistungsstärksten Armee Europas mitnichten „am Tropf Deutschlands“.

Wichtige Flugabwehrraketen am Gold verfeuert

Dass die Ukraine trotz ihrer militärischen Fähigkeiten wegen des Irankriegs große Probleme beim Nachschub von Waffen hat, machte Selenskyj auf Nachfrage Illners klar. Allein in den ersten acht Tagen des Kriegs am Golf seien rund 800 Patriot-Flugabwehrraketen verschossen worden, die sein Land dringend zur Verteidigung gegen russische Luftschläge benötigt hätte. Wie sehr ihn Trumps verständnisvolle Haltung gegenüber Putin missfällt, wurde an einigen Antworten deutlich. Wenn die USA keinen Druck auf Putin ausübten, werde Russland keine Angst haben. Aber die USA hätten derzeit keine Zeit für die Ukraine, ihr ganzer Fokus liege auf dem Irankrieg.

Dass er einen Schlüssel für die Sicherheit der Ukraine nach Kriegsende im Beitritt zur Europäischen Union sieht, klingt angesichts des amerikanischen Desinteresses da nur folgerichtig. Die EU sei sicherheitspolitisch wichtiger als die ohnehin von Trump infrage gestellte NATO. Ein Fazit der Rolle Europas, dem Illners Runde unbedingt zustimmte. Wenn die EU klug sei, werde sie den Beitritt der Ukraine beschleunigen, mahnte Weisband zur Eile bei den Verhandlungen mit Kiew.

EU mangelt es an Selbstbewusstsein

Und für Ischinger führt kein Weg daran vorbei, bei der Umsetzung eines möglichen Friedensplans die Europäer einzubinden. Es sei „dämlich“, Europa dabei vor die Tür zu setzen. Der frühere deutsche Botschafter in Washington ärgerte sich auch über das mangelnde Selbstbewusstsein der EU mit ihrer starken Wirtschaftskraft gegenüber den USA unter Trump. „Wir haben 450 Millionen Europäer gegenüber 320 Millionen Amerikanern.“ Und Sicherheitsexperte Sauer konstatierte in den wechselnden US-Positionen zur Ukraine eine „himmelschreiende“ Inkompetenz der Trump-Truppe.

Am Ende der Sendung spricht Illner noch die jüngste Eskalationsdrohung Moskaus angesichts der rasant wachsenden Produktion von Drohnen in der EU an. Für die Deutsch-Ukrainerin Weisband sind es leere Drohungen, die Russland seit Kriegsbeginn immer wieder ausstoße: „Warum ist Europa immer gleich eingeschüchtert? Russland bellt und hat Angst.“ Ein Satz, den Selenskyj sofort unterschreiben würde.

Source: faz.net