TV-Kritik Maischberger: „Der Bruch ist schon da“

Für politische Talkshows gilt das alte Horaz-Motto des „delectare et prodesse“ in gesteigerter Weise, denn sowohl erfreuen als auch nutzen sollen sie durch eben dasselbe: die zwar gesittete, aber doch gepfefferte Auseinandersetzung. Im Wettstreit der Meinungen, auch wenn es dann oft nur klar profilierte Parteilinien sind, sollen Alternativen sichtbar werden, denn nichts ist so schädlich für die Demokratie wie der Eindruck von Alternativlosigkeit. Genau da haben Talkshows seit einer Weile ein Problem, denn im Zangengriff von Wladimir Putin hier und Donald Trump dort wuchs die Einigkeit über die politischen Lager hinweg, und zwar so sehr, dass sich die Positionen der Gäste von links bis rechts mitunter kaum noch auseinanderhalten ließen.
Zu welch kuriosen Situationen es führen kann, wenn für das Publikum die immergleichen Talkshow-Prominenten zu einer grauen Masse verwachsen, hat vor wenigen Tagen Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, im Podcast „Hotel Matze“ erzählt: Er sei in einem Restaurant sogar schon mit Sandra Maischberger verwechselt worden.
Abzocke durch Mineralölkonzerne
In der aktuellen „maischberger“-Sendung gab es nun aber erfreulich wenig einschläfernde Übereinstimmung. Sogar in den sogenannten Kommentierungsrunden widersprachen sich die Diskutanten mitunter deutlich, etwa in der Frage, wie die Bundesregierung auf die schwächelnde Wirtschaft und ganz konkret auf die kriegsbedingt steigenden Energiepreise reagieren sollte. Giovanni di Lorenzo – hier nun sehr deutlich von der Moderatorin zu unterscheiden – nahm sowohl Bundeskanzler Friedrich Merz als auch Vizekanzler Lars Klingbeil ab, „dass sie den Schuss gehört haben“, bemängelte aber mit Blick auf die geplanten Entlastungsmaßnahmen beim Energiepreis, „dass die Leute, die darunter leiden, nicht richtig abgeholt werden“.
Man müsse über „die Macht der Mineralölkonzerne in Deutschland“ diskutieren, sagte di Lorenzo, wenn die Energiepreise hierzulande inzwischen höher seien als in Frankreich. Selbst der Interessensverband der Tankstellen spreche von „Abzocke“. Es gelte also, Maßnahmen zu ergreifen, wo das Kartellamt versage, und zugleich den Bedürftigen zu helfen. Er schien sich dabei größere Entlastungen vorstellen zu können als eine 17-Cent-Spritpreissenkung und eine an Arbeitgeber weitergereichte Einmalzahlungsempfehlung.
Für Melanie Amann, Chefredakteurin Digital der Funke Mediengruppe, gehört es hingegen zu den primären Aufgaben der Regierung, „so ehrlich zu sein, zu sagen, wir können Euch in bestimmten Bereichen nicht helfen“. Dazu zähle der Spritpreis. „Alle erkennen ja, dass dieses Zuschütten mit Geld nichts bringt.“ Sie rechnete noch einmal die massiven Ausgaben durch den „Doppel-Wumms“ unter Olaf Scholz vor. Auch Direktzahlungen und Steuersenkungen seien damit finanziert worden: „Gaspreisbremse, Strompreisbremse, Heizkostenzuschuss, Energiebonus, Tankrabatt“. Aber das alles habe nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung sich ausreichend unterstützt fühlte.
Pläne der AfD zur Abschaffung der Schulpflicht
In einer anderen Frage lag Amann zunächst mit der Unternehmerin und Autorin Franca Lehfeldt über Kreuz, nämlich im Hinblick auf das nun beschlossene Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt. Lehfeldt glaubte, dass sich die Partei mit ihrem Programm – und etwa dem Vorschlag, die Schulpflicht abzuschaffen – selbst diskreditiere. Damit sollte man nun die Wähler in Sachsen-Anhalt konfrontieren, statt über Brandmauern zu reden. Amann hingegen ging davon aus, dass die AfD zumindest im Osten gerade wegen eines solchen Programms gewählt werde. Selbst ein Schulaustausch mit Russland sei dort wieder erwünscht. Sarkastisch führte sie in der Schulpflichtfrage aus: „Wenn man sich ansieht, was die AfD mit den Schulen vorhat“ – „eine schleichende Gleichschaltung im Sinne der AfD-Ideologie“ –, dann könne man als Eltern doch nur sagen: „Ich lasse das Kind lieber zuhause und unterrichte es selber.“
Einig wurde man sich auch nicht in der Frage, woher denn die Attraktivität einer Partei komme, die ganz offen darauf aus sei, die Grundlagen unserer Gesellschaft zu demolieren. Di Lorenzo verwies etwas hilflos auf Versäumnisse der „Parteien der Mitte“, die die Menschen erstens nicht überzeugt hätten mit ihrer Politik und die zweitens da nicht hingeschaut hätten, wo es vielleicht tatsächlich Probleme gegeben habe, „beispielsweise im Zusammenhang mit Migration oder mit Kriminalität“. Wenn es in den letzten Jahren ein Thema gegeben habe, das erschöpfend diskutiert worden sei, hielt Amann dem energisch entgegen, dann doch dieses: die Probleme in der Migration. Nur seien die Lösungen den Menschen nicht radikal genug gewesen.
In vielen anderen Punkten war man sich in der Journalistenrunde freilich auch wieder einig, von der Hochschätzung des Selbstbewusstseins von Papst Leo XIV., mit dem dieser Donald Trumps Politik inzwischen entgegentrete, bis hin zu der Ansicht, dass es auch der Europäischen Union gut angestanden hätte, die Drohung mit der Vernichtung einer „ganzen Zivilisation“ durch Trump unmissverständlich zurückzuweisen.
Ein Doppelgespräch im Dissens
Wo der Dissens dann mit Händen zu greifen war, damit aber im besten Sinne der Meinungsbildung diente, war in dem Doppelgespräch, das im Zentrum der Sendung stand. Hier hatte Sandra Maischberger zum einen den häufig eingeladenen ehemaligen Außenminister und Parteivorsitzenden der SPD, Sigmar Gabriel, zu Gast, der heute klartextsprechender Elder Statesman ist sowie Vorsitzender des Vereins Atlantik-Brücke. Diese Rolle scheint ihm zu genügen. Er habe jedenfalls kein Bedürfnis, antwortete er auf eine entsprechende Frage von Sandra Maischberger, als Retter in der Not an die Spitze der SPD zurückzukehren (wie es Wolfgang Kubicki bei der FDP vorhat). Gabriel weiß allerdings auch, dass die Genossen sich nicht gerade nach ihm sehnen.
Den Krieg der USA gegen Iran (Israel und Libanon erwähnte er zunächst nicht) nannte Gabriel „ein Desaster“, und zwar „in jeder Hinsicht“. Nichts sei dabei herausgekommen. Man habe lediglich die nächste Generation von vermutlich noch radikaleren Hardlinern in die Ämter gehievt. Es fehle offenbar auch jede Vorstellung, wie man aus diesem Krieg wieder herauskomme. Die Drohungen Trumps, eine Zivilisation auszulöschen, parallelisierte er mit der Aussage des amerikanischen Luftwaffengenerals Curtis E. LeMay von 1964, Vietnam in die Steinzeit zurück zu bomben, auch wenn sich ein Präsident gemeinhin diplomatischer auszudrücken hat als ein General. Für Gabriel drückt sich in solchen Sätzen vor allem Strategielosigkeit aus. Trump und seine Administration hätten wohl naiv geglaubt, sie könnten in Iran das erfolgreiche Vorgehen in Venezuela wiederholen. Die Iraner aber, vorbereitet auf einen solchen Tag, „können offenbar eine ganze Menge“.
Ein angekündigter Genozid als Gesprächsangebot
Nichts an dem Gesagten war überraschend, es ist die in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft und Politik verbreitete Position. Klug war es deshalb, den konservativen, den Republikanern nahestehenden US-Politikanalysten Peter Rough zuzuschalten, der dem eine ganz andere Sicht auf die Dinge entgegenstellte. Zunächst wollte er den Satz mit der Zivilisationsauslöschung nicht als ernsthafte Drohung mit einem Genozid verstanden wissen, sondern als Indiz für Gesprächsbereitschaft: „So etwas kündigt man ja nicht an, sondern man macht es einfach.“ Wer also mit Auslöschung drohe, habe eigentlich anderes im Sinn. Das wirkte rhetorisch zurechtgebogen.
Die folgende Aussage Roughs jedoch, dass durchaus eine Strategie der USA zu erkennen sei, nämlich die, „die iranische Wirtschaft quasi zu erwürgen“, hat einiges für sich: „Die Stahlindustrie existiert nicht mehr, die petrochemische Industrie existiert nicht mehr.“ Ohne wirtschaftliche Grundlage aber könne sich wohl auch Iran nicht auf Dauer „über die Physik erheben“, womit gemeint war: Ein großer Aufstand im Land ist nun sehr viel wahrscheinlicher geworden. Dass es Probleme in der Kriegsführung durch die Amerikaner gebe, wollte aber auch Rough nicht verhehlen. Gabriel wiederum dimmte die allgemeine Krisenhysterie etwas ab: Dass nun die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten drohe, glaube er nicht. Öl könne ja auch anders als mit Schiffen transportiert werden.
Verhandlungen, so Gabriel, seien jetzt für beide Seiten der bestmögliche Ausweg. „Das geht nicht in zwei Wochen“, aber letztlich werde man sich in diese Richtung bewegen. Er erwähnte aber auch, dass es Trump war, der der Diplomatie zuvor den Boden entzogen hatte, indem er ein nicht perfektes, aber funktionierendes Regelwerk aus dem Jahr 2015 – das Atomabkommen Barack Obamas – beendet hatte. Rough widersprach umgehend, denn dieses Abkommen habe eben weiter Geld in die Kassen von Terroristen gespült und auch den Großangriff auf Israel 2023 finanziert. Was denn Deutschlands Vorschlag sei, fragte er, zumal man ja das Existenzrecht Israels zur Staatsräson erklärt habe.
Nicht unser Krieg – oder doch?
Davon fühlte sich wiederum Gabriel herausgefordert. Zu sagen, die Iraner hätten Verhandlungen bislang stur abgelehnt, wie es Rough getan hatte, sei „ein bisschen verkürzt“. Man habe ja durchaus ein Abkommen gehabt, auch wenn es zunächst darauf beschränkt gewesen sei, die Iraner vom Nuklearpfad wegzubewegen. Die Hoffnung sei gewesen, dass sich dann über die Zeit Vertrauen bilde und man in geordnete Verhältnisse komme (wohlgemerkt mit einem diktatorischen Regime).
Gabriel gestand zu, dass man – es waren vor allem verschiedene SPD-Politiker – nicht so apodiktisch hätte sagen sollen, dieser Krieg sei nicht der unsere, denn damit habe man Partner in der Region vor den Kopf gestoßen, denen man Hilfe beim Selbstschutz hätte anbieten müssen. Interessant wurde es dann bei der Frage, wie sehr die NATO durch diese Entwicklungen in Nahost beschädigt worden sei oder gar vor dem Bruch stehe. Rough machte deutlich, dass sich die Amerikaner nachhaltig von den europäischen Reaktionen irritiert fühlten. Er glaube aber nicht, dass Trump so weit gehen würde, „einen generellen Krieg“ in Europa zu riskieren, auch wenn er „die Bündnispartner russischer Macht aussetzen möchte, um einen Ansporn zu geben, was Verteidigungsausgaben angeht“. Gabriel hingegen erklärte die NATO schon für weitgehend zerbrochen („Der Bruch ist schon da“), das sei bereits mit der Sicherheitsstrategie der USA Ende 2025 klargeworden, in der Europa im Grunde sich selbst überlassen werde. Deshalb sei es richtig und wichtig, den kanadisch-europäischen Pfeiler in der NATO zu stärken.
So düster diese Aussichten, so ungewohnt die republikanische Perspektive: Mit diesem Streitgespräch, das noch vertieft hätte werden dürfen, ist es Maischberger gelungen, zu zeigen, dass auch in den grundsätzlich verschiedenen Perspektiven der ehemals so eng befreundeten Nationen (oder besser: ihrer gegenwärtigen Regierungen) noch genug Ansatzpunkte für den kooperativen Diskurs vorhanden sind, zumal auf Arbeitsebene unterhalb der hohl tönenden Worte und KI-generierten Jesus-Analogien aus dem Weißen Haus.
Politik mit Glaubwürdigkeitsproblem
Das abschließende Gespräch mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), konnte da spannungstechnisch nicht mithalten. Dass der geplante Krisenbonus von 1000 Euro für Arbeitnehmer wenig sinnvoll sei, machte Haseloff unmissverständlich klar: „Das bringt nix.“ Zumal im Osten könnten wohl nur die wenigsten Firmen dies bezahlen. Dass auch das Land Sachsen-Anhalt laut Aussage des Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU) seinen Bediensteten den Bonus nicht zahlen könne, veranlasste Maischberger zu der Frage, wie glaubwürdig eine Politik sei, die von Arbeitgebern verlange, was sie selbst als Arbeitgeber zurückweise.
Man konnte bald sogar Mitleid mit Haseloff bekommen, weil die Moderatorin nicht locker ließ bei der Frage, ob er seiner Partei nicht ein weiteres Glaubwürdigkeitsproblem beschert habe mit seinem vorzeitigen Rücktritt als Ministerpräsident – um den Nachfolger besser zu positionieren für die im Herbst anstehenden Wahlen. Genau das hatte er zuvor jedoch ausgeschlossen. Das werde im Land anders gesehen, behauptete Haseloff, auch habe er ja fast die ganze Amtszeit ausgefüllt. Dann begann er zu schwimmen, redete über „Kräfteverhältnisse“, die sich verschoben hätten, über notwendige „Reaktionsschemata“. Auch dass wir in einer Demokratie lebten, hätten „viele bei solchen externen Bewertungen von Prozessen innerhalb von Bundesländern vielleicht noch nicht begriffen“. „Doch, doch“, replizierte Maischberger kurz und kühl.
Wie sich der Erfolg der AfD denn eigentlich erkläre, wollte sie noch wissen, wo doch die Wirtschaftsdaten von Sachsen-Anhalt so gut seien. Da wusste sich Haseloff nach einigem Gestammel nur noch mit einer müden Brüssel-Schelte zu helfen: „Wir haben auch so viele Zuständigkeiten an die Europäische Union abgegeben, dass wir bestimmte Dinge gar nicht alleine entscheiden können.“ Mühsam kämpfte er sich aus dieser Sackgasse wieder hervor, wollte die Wahl noch nicht verloren geben. Der große Zustrom zur AfD sei schließlich nicht von der CDU gekommen, die anderen Parteien existierten einfach kaum mehr. Es könne aber nicht immer nur Aufgabe der CDU sein, „eine Demokratie zu retten“. „Ansonsten kann ich nur sagen: Es wird gekämpft.“ Hoffentlich etwas erfolgreicher als in diesem Interview.
Source: faz.net