TV-Film „Die Nichte des Polizisten“: Im Fadenkreuz welcher Rechtsextremen
Ein Polizeiwagen rollt langsam ins graubraune Bild. Die Beamten machen Mittagspause auf einem Parkplatz, sie blicken nach vorn und sehen nicht, dass sich ihnen zwei Gestalten mit gezückten Pistolen von hinten nähern. Dann Schüsse durchs Fenster. „Die Nichte des Polizisten“, geschrieben von Rolf Basedow, Nicole Armbruster und Gabriela Sperl (Regie: Dustin Loose), erzählt von einer kaltblütigen Hinrichtung.
Ein gängiger Krimi ist das nicht. Es gibt keine Ermittler und keine konkrete Lösung, die komplette Handlung spielt in der Zeit vor dem Verbrechen. Sie folgt dem späteren Opfer, sucht nach möglichen Gründen für den Mord, deutet an, zieht sich wieder zurück und lässt den Zuschauer mit einer vagen Vermutung allein: Ein ehemaliger V-Mann des Verfassungsschutzes könnte das Attentat auf die Polizisten in Auftrag gegeben haben. Wenn nicht gar Polizisten involviert waren.
Das Mordmotiv ist bis heute unklar
Erhebliches Gewicht bekommt die Sache durch den Fall, auf den das Drehbuch anspielt: den „Polizistenmord von Heilbronn“. Der tödliche Schuss auf die 22-jährige Michèle Kiesewetter im April 2007 (ihr Kollege überlebte schwer verletzt) gilt zwar als letzter Mord des rechtsextremen NSU-Trios, das in den Jahren davor neun Migranten umbrachte und im November 2011 durch ein verkohltes Wohnmobil aufflog. Kiesewetters Dienstwaffe wurde bei den Terroristen gefunden, und auch in einem Bekennervideo taucht der Mord auf. Das Tatmotiv ist jedoch bis heute so unklar, wie die Liste dubioser Zufälle lang ist. An einen Zufallsmord zur Waffenbeschaffung mag man nicht unbedingt glauben.
Hier setzt der Fernsehfilm an und besteht trotzdem darauf, eine erfundene Geschichte zu inszenieren: „Diese Geschichte ist fiktional. Aber nicht nur: Auch das Mögliche, Verlorene und Vergessene wird erzählt.“ Aus der echten Polizistin Michèle Kiesewetter wird die erfundene Beamtin Rebecca Henselmann (Magdalena Laubisch), und auch die hat in ihrer thüringischen Heimat einen Patenonkel mit Staatsschutz-Vergangenheit und in Heilbronn einen Polizeikollegen mit Verbindung zum Ku-Klux-Klan. Um die offensichtlichsten Paralleln zu nennen.
„Die Nichte des Polizisten“ erinnert in seinen Milieustudien an die NSU-Trilogie „Mitten in Deutschland“ aus dem Jahr 2016 (Gabriela Sperl war schon damals Produzentin, Rolf Basedow schrieb den dritten Teil „Nur für den Dienstgebrauch“) und auch an die Netflix-Serie „Außer Kontrolle“ um verschworene Bereitschaftspolizisten im explosiven Italien. Eine Gruppe junger Uniformträger aus Böblingen muss sich im Hooligan-Einsatz bewähren, sie trainiert hart, soll unter der Knute ihres Ausbilders Lars Menke (Nils Strunk) noch härter geraten, und auch gefeiert wird kräftig.
„Der hatte viel mit der rechten Szene zu tun“
Die forsche Rebecca Henselmann hält hier wie dort mit. Nachts macht sie Leibesübungen mit ihrem Kollegen Christoph (Max von der Groeben), der sich vom Sex- zum veritablen Gesprächspartner mausert. Tagsüber müht sie sich um einen nachhaltigen Eindruck bei Vorgesetzten, denen sie beim Personalgespräch von ihrer Herkunft aus dem ländlichen Thüringen und ihrem Polizisten-Onkel erzählt: „Der hatte viel mit der rechten Szene in Thüringen zu tun. Thüringer Heimatschutz und so. Jetzt arbeitet er überwiegend im Drogenbereich.“
Ein guter Typ, dieser Onkel (Thorsten Merten), echter Vaterersatz. Als Rebecca ihn zum ersten Mal besucht, erzählt sie ihm stolz von den Undercover-Einsätzen im Rauschgift-Milieu, die sie neuerdings absolvieren darf. Ansonsten ist die Heimat ein schwieriger Fleck. Ein Barkeeper (Jonathan Berlin) trägt einen Scheitel, der viel zu zackig sitzt, um nicht politisches Statement zu sein, der schlechte Umgang ihrer Cousine Anni (Sina Genschel) jagt Rebecca mit „Bullenschwein“-Rufen davon, in einem Auto läuft stumpfer Rechtsrock.
Ostdeutschland eben, will man fast seufzen. Wenn der Alkoholpegel steigt, scheinen indes auch einige Polizisten im westdeutschen „Ländle“ zu ähnlichen Klängen greifen zu wollen (ein Kollege schaltet es vorzeitig aus), und wenn es stimmt, was einer der thüringischen Rechten behauptet: Dann ist nicht nur dort „was richtig Großes“ im Gang: „Wir haben unsere Männer überall, auch bei euch.“ Man wartet gemeinsam auf gesellschaftliche Klimakipppunkte, skandiert hier wie dort ein ausländerfeindliches „Wir sind die letzte Bastion“.
Verbunden werden beide Welten über zwei Männer, die hier wie dort auftauchen: der arrogante Schmierlappen Böhme (Daniel Sträßer), der einst wohl V-Mann mit Kontakten zum Onkel gewesen ist, und sein albanischer Geschäftsfreund Bekin Dalvina (Anton Noori), Unterweltgröße mit Heilbronner Disco.
Für Rebecca muss das aus privaten und beruflichen Gründen schlecht enden. Wir wissen es und fühlen es, denn durch die nervöse Bildgestaltung von Clemens Baumeister und den hämmernden Soundtrack von Dürbeck & Dohmen entsteht ein dauerhaftes Gefühl der Bedrohung. „Ich habe Angst, dass wir schon verloren haben“, sagt der Onkel in einem Schlüsselmoment. In diesem Satz steckt die Atmosphäre des Films. Man wüsste gern, was Fachleute, die tief in der Materie sind, von diesem beklemmenden, bedeutungsvoll raunenden und stark ästhetisierten Beitrag zur Wahrheitsfindung halten. Vielleicht hilft die Doku im Anschluss weiter.
Die Nichte des Polizisten läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten. Die Doku Warum starb Michèle Kiesewetter? folgt um 21.45 Uhr.
Source: faz.net