Tantiemen durch Fake-Tracks und Content ID: So funktioniert dieser KI-Betrug hinaus Youtube
Tantiemenklau durch KI auf Youtube: Wenn Streaming-Plattformen zur Goldgrube für Scammer werden, stellt das Künstler:innen wie Murphy Campbell vor große Probleme. Ihre Rechte an den Einnahmen stehen auf dem Prüfstand
Die Musikerin Murphy Campbell wurde innerhalb weniger Wochen Opfer von gleich zwei Betrugsmaschen
Foto: Wolf’s Antique Photography
Für die Musikwelt war der Siegeszug des Internets eine zwiespältige Sache: Einerseits erlaubte es als neuer Vertriebskanal, das Publikum direkter denn je mit Musik zu versorgen. Andererseits galt das auch für Fans, die dank Napster und Co. kostenfrei miteinander Files tauschen konnten. Die Einnahmen brachen schnell und rapide ein.
Als ab Mitte der 2000er-Jahre die ersten Streaming-Services aufkamen, kehrte wieder Ordnung ein und es floss wieder (mehr) Geld. Knapp 30 Milliarden Euro Umsatz wurden 2025 weltweit mit der Verwertung von Musikaufzeichnungen, 85 Prozent der Gelder wurden durch Streaming generiert. Ende gut, alles gut?
Nicht wirklich. Je weiter die Streaming-Branche und die damit verbundenen Industrien wachsen, desto größer werden Schlupflöcher, die Betrüger:innen erlauben, kleinere und mittelgroße Künstler:innen um Tantiemen zu prellen. Laut Zahlen des Dienstes Deezer werden die Plattformen aktuell mit durchschnittlich 75.000 vollständig KI-generierten Tracks pro Tag geflutet.
Weil die als Mittelinstanzen fungierenden Digitalvertriebe nie genau nach rechtlichen Befugnissen fragen, können unbefugte Dritte problemlos solche KI-Tracks in den offiziellen Profilen echter Musiker:innen platzieren. Diese konkurrieren mit ihren eigenen Klonen um die ebenso hart umkämpften wie mageren Ausschüttungen.
Erst Identitätsklau, dann das …
Das ist auch Murphy Campbell passiert, bevor es noch dicker kam. Im Januar musste sie entdecken, dass auf ihrem Spotify-Account neue Songs veröffentlicht worden waren. Diese hatte sie zwar performt, aber nicht in dieser Form aufgenommen.
Schnell dämmerte ihr, dass jemand mithilfe von KI auf Basis von über Youtube veröffentlichten Videos Tracks erstellt, sie über einen Digitalvertrieb in ihre offiziellen Streaming-Künstlerprofile geschmuggelt und sogar unter weiteren Accounts veröffentlicht hatte. Sie schrieb die Plattformen an, und nach etwas Hin und Her wurden zumindest die in ihrem Profil platzierten KI-Kuckuckseier entfernt. Ende gut, alles gut?
Nicht wirklich. Wie Campbell es dem Magazin The Verge erzählte, erschienen kurz darauf Videos mit KI-Versionen ihrer Songs auf Youtube. Campbell wurde direkt von der Plattform darüber in Kenntnis gesetzt: Sie hatte einen Copyright-Strike auf ihre eigenen Uploads erhalten und musste ab sofort alle Einnahmen aus Werbeeinblendungen mit der unbekannten Person hinter den neuerlichen Fake-Uploads teilen. Besonders perfide: Es handelte sich um Interpretationen von Stücken aus dem 19. Jahrhundert, deren Kompositionen längst gemeinfrei sind.
So wurde Murphy Campbell innerhalb weniger Wochen zum Opfer von gleich zwei seit langem angewandten Betrugsmaschen, die durch das Aufkommen von KI-Technologie noch effizienter und breitenwirksamer umgesetzt werden können. Mit ihnen werden Künstler:innen wie ihre Tantiemen geklaut.
Betrug per YouTubes Content ID
Obwohl Youtube vorrangig als Videoplattform angesehen wird, bietet der Dienst das größte und wohl auch meistgenutzte Musikarchiv der Welt. Seit fast 20 Jahren wird dort mit dem vollautomatisierten System Content ID die Zugehörigkeit und Verwertung von urheberrechtlich geschütztem Material geregelt. Content ID war der Wachstumsgarant für die junge Plattform, die sonst jeden Verstoß hätte ahnden und Videos entfernen müssen. Das Prinzip ist simpel und basiert auf Fingerprinting-Technologie – so gesehen Shazam im großen Stil: Jeder Youtube-Upload wird mit einer Datenbank abgeglichen.
Erkennt Content ID einen Track, bekommen die Rechteinhaber:innen automatisch eine Benachrichtigung und können über das weitere Vorgehen entscheiden: Sie können die Musik entfernen oder im betreffenden Video stummschalten lassen, die Demonetarisierung des Uploads erzwingen und Einsicht in dessen Statistiken erhalten oder jedoch eine finanzielle Beteiligung an den Einnahmen aus Werbeeinblendungen einfordern. Das ist ein smartes System, das vor allem das Google-Unternehmen vor rechtlichen Scherereien bewahrt und viel Aufwand spart. Es kann aber auch schnell missbraucht werden kann.
Zum Beispiel mittels lizenzfreier Samples. Der Musiker und Youtuber Venus Theory demonstrierte in einem Video mit dem Titel „It’s Not Just You: Music Streaming Is Broken Now“, wie einfach das geht: Er schmiss ein paar Samples zusammen, lud sie über einen Vertrieb hoch und gab als Veröffentlichungsdatum des Tracks das Jahr 2016 an. Im nächsten Schritt hätte der Vertrieb die Daten an Content ID übermittelt, und der Musiker hätte kurz darauf die finanzielle Beteiligung an einer Vielzahl von auf Youtube erhältlichen Stücken, die dieselben Samples einsetzten, einfordern können.
Unschöne Perspektiven
Während des Prozesses musste der Musikproduzent zwar ein paar Haken setzen und bestätigen, dass ihm wirklich alle Rechte an den frei erhältlichen Samples gehören. Der Vertrieb überprüfte dies aber an keiner Stelle auf seine Richtigkeit. Auch Content ID ist vollautomatisiert und entscheidet – wohl zur Sicherheit Youtubes – in der Regel für diejenigen, die einen Copyright-Claim aufgeben. Dieses Schlupfloch nutzte wohl der Scam, dem Murphy Campbell zum Opfer fiel.
Nachdem öffentlich wurde, dass die dahinterstehende Person den Vertrieb Vydia verwendet hatte, meldete sich dessen Geschäftsführer Roy LaManna auf LinkedIn zu Wort: Er wies darauf hin, dass die betreffenden Songs von Campbell nie ordentlich registriert worden sein. Nur deshalb sei es möglich gewesen, ihr die Copyright-Claims zu schicken. Natürlich aber hatte sie das nicht: Es handelte sich um Live-Performances von Traditionals, die explizit zur Veröffentlichung auf Youtube gedacht waren und von denen reguläre Studioaufnahmen nicht existierten, weil sie nie als reines Musik-Release gedacht waren.
Das mag ein Extremfall sein, andere Musiker:innen werden aber kaum aufatmen können. Die neue Eskalationsstufe des Identitäts- und Tantiemendiebstahls schafft für sie alle unschöne Perspektiven. Plattformen wie Youtube bieten ihnen die Chance, direkt vor ihrer internationalen Fanbase neues Material zu entwickeln und zu verfeinern – und Betrüger:innen die Gelegenheit, diese Arbeit mit ein paar Klicks als die eigene auszugeben und daran mitzuverdienen. Ermöglicht wird das durch die Untätigkeit von Vertrieben und Plattformen, denen allein das eigene Wachstum wichtig ist. Ende gut, alles gut? Mitnichten.