Sprudelwasser ist „rechts“, Fahrradfahren „sinister“ – dieser Trend, die Gesamtheit politisch zu werten
Hobby bis Kleidung: Auf TikTok wird gerade alles als „links“ oder „rechts“ gelesen. Selbst banalste Alltagsentscheidungen gelten plötzlich als politische Haltung. Alles nur ein Witz – oder steckt doch Wahrheit darin?
Ein Glas Sprudelwasser bestellen – und plötzlich ist man politisch verortet. Zumindest, wenn man lange genug durch TikTok scrollt. Dort wird derzeit alles einsortiert: Kabelkopfhörer gelten als links, AirPods als rechts. Stilles Wasser: links. Sprudel: verdächtig rechts.
In den sozialen Medien kursieren unzählige Videos, in denen Nutzer Alltagsgegenstände, Gewohnheiten und Kleidung in „links“ und „rechts“ einordnen. Was als ironisches Spiel beginnt, entwickelt schnell eine eigene Dynamik: Es bleibt nicht bei einzelnen Dingen, sondern greift auf ganze Lebensstile über. Plötzlich scheint nichts mehr neutral – alles wird zum Signal dafür, wie jemand wohl denkt und sich zur Welt positioniert.
Die Antworten entstehen weniger in politischen Debatten als im Alltag selbst. Das, was als „links“ gelesen wird, zeigt sich in konkreten Dingen: Jutebeutel, Flohmarktbesuche, das Leben in WGs, Techno-Musik, „Zu verschenken“-Kisten vor Altbautüren, Lastenrad fahren.
Dazu kommen visuelle Marker: ein grüner Secondhand-Pullover, Dr. Martens, Nasenring, rote Haare oder ein kurzer Pony, Sticker auf dem Laptop. Selbst scheinbar beiläufige Details wie das Bestreuen des Essens mit Kürbiskernen oder die Art, einen Schal zu binden, fügen sich in dieses Bild.
Als „rechtes“ gilt dagegen: Seitenscheitel, „Rock am Ring“-Fan, Fitnessstudio, Filterkaffee, ein Samsung-Handy mit Klapphülle, Mitglied im Karnevalsverein. Eine Jacke von North Face, dazu ein gebügeltes Hemd oder eine Bluse, Feierabendbier trinken – all das wird zu einem Set äußerer Merkmale, die – wie die „linken“ Beispiele zuvor – eigentlich unpolitisch sind, und doch politisch gelesen werden.
Auffällig ist, wie mühelos diese Einordnungen ins Absurde kippen. Unter den Videos reihen sich tausende Kommentare und Ideen anderer User: Gestreifte Shirts gelten als links – allerdings nur, wenn die Streifen horizontal verlaufen. Vertikal seien sie „so was von rechts“. Fahrradfahren wird als links verstanden, Autofahren als rechts. Wer an einer Kunstschule studiert, ist links; wer abgelehnt wird, gilt als rechts. Ein Aquarium besitzen kann links sein, es sei denn, man hält darin illegale Tiere, dann klar rechts. Die Regeln sind beliebig – und wohl gerade deshalb so anschlussfähig.
Auf die Frage, warum all das so sei, fällt die Antwort bei den meisten Influencer auf TikTok oft bemerkenswert schlicht aus: Es gebe keinen rationalen Grund, es sei „einfach der Vibe“. Genau darin liegt die Ironie: Man sucht nach Orientierung und interpretiert am Ende willkürlich in alles etwas hinein. Haltung wird nicht mehr argumentiert, sondern oft einfach „gefühlt“. Dieses „links“ und „rechts“ hat mit Parteien oder Programmen oft nichts mehr zu tun. Es beschreibt vor allem einen Stil – Zeichen, die gelesen werden, ohne dass jemand sie begründet.
Und doch entsteht dieser Trend in einer Generation, die politisch spürbar auseinanderdriftet – und in der es zunehmend schwerer wird, sich nicht zu verorten. Mit realer Politik haben die Videos zunächst wenig zu tun. Ein Blick auf Studien zeigt jedoch, dass die Einteilung in „links“ und „rechts“ für viele junge Menschen längst mehr ist als ein ironisches Spiel.
Daten der European Election Studies 2024 verweisen auf einen deutlichen politischen Graben: Während Frauen der Gen Z häufiger progressive Positionen vertreten, tendieren junge Männer eher zu konservativen oder rechten Parteien. Der TikTok-Trend erklärt diese Entwicklung nicht – er zeigt aber, wie stark politische Zuschreibungen inzwischen in den Alltag – sogar ins Dating – hineinreichen. Für viele ist Haltung nicht mehr nur private Meinung, sondern etwas, das sichtbar sein soll.
„Unpolitisch“ im Profil bei Tinder oder Hinge reicht oft schon aus, um kein Match zu bekommen – selbst wenn es sonst passen könnte. Viele suchen gezielt nach Partnern mit ähnlichen Überzeugungen. Wer „links“ angibt, schließt jemanden mit dem Label „konservativ“ häufig aus – auch wenn damit nicht zwingend „rechts“ gemeint ist. Anziehung entsteht oft im Ungefähren, im Offenen. Dort, wo noch nicht alles festgelegt ist. Wenn aber schon vor dem ersten Treffen klar scheint, wofür jemand steht – und wofür nicht –, bleibt dafür immer weniger Raum.
In einem Video mit mehr als einer Million Aufrufen wird ein Mann, der sich als konservativ beschreibt, sofort mit der Annahme konfrontiert, er sei gegen Abtreibung – ohne dass er dazu etwas gesagt hat. Die Haltung wird nicht erfragt, sondern unterstellt oder „gefühlt“. Ein Date mit dem jungen Mann kommt für die Frau ihm gegenüber nicht infrage:
Es zieht sich durch den Alltag vieler junger Menschen: Partner werden aussortiert, Menschen nach Kleidung und Hobbys taxiert, Lebensstile in richtig und falsch zerlegt. Ein Blick, ein Profil, ein falsch gewähltes Getränk – und aus einem ersten Eindruck wird ein Urteil, das sich erstaunlich endgültig anfühlt. Einige formulieren ihre Haltung heute so klar wie nie zuvor. Bei anderen reicht schon die Art, wie sie ihr Wasser trinken.
Vielleicht liegt die größere Freiheit inzwischen darin, es nicht so wichtig zu nehmen. Den Kaffee mit Kuh- statt Hafermilch zu bestellen und die Einordnung einfach auszuhalten, ohne jeden Schluck zur Weltanschauung zu erklären. Manchmal ist Kuhmilch eben nur Kuhmilch. Und der Rest: Projektion mit Milchschaum.
Source: welt.de