Personalprobleme nehmen zu: Russland entnerven Kriegsfreiwillige weg – kommt die Ukraine ihrem großen Ziel näher?

Personalprobleme nehmen zuRussland brechen Kriegsfreiwillige weg – kommt die Ukraine ihrem großen Ziel näher?

14.04.2026, 10:07 Uhr

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Trotz der schleppender verlaufenden Mobilisierung melden sich nach wie vor täglich Hunderte russische Männer freiwillig bei der Armee, um die Ukraine anzugreifen. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Die russischen Bemühungen bei der Rekrutierung von Kämpfern für den Krieg gegen die Ukraine sind mittlerweile weniger erfolgreich. Freiwillige können die hohen Verluste nicht mehr vollständig ausgleichen. Moskau greift anscheinend auf andere Maßnahmen zurück.

Laut Berechnungen des Wirtschaftswissenschaftlers Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat Russland im 1. Quartal 2026 rund 20 Prozent weniger Soldaten rekrutiert als im 1. Quartal 2025. Der Experte kommt auf täglich zwischen 800 und 1000 Soldaten statt 1000 bis 1200. Auch Erhöhungen von Prämien in vielen Regionen konnten den Rückgang demnach nicht verhindern.

Kürzlich hatte bereits die ukrainische Armee mitgeteilt, dass Russland seit vier Monaten weniger freiwillige Kämpfer rekrutiere als es im Krieg verliere. Im Januar waren es laut Angaben des Kommandeurs der ukrainischen Drohneneinheiten, Robert „Magyar“ Brovdi, beispielsweise nur rund 22.000 Soldaten – bei Verlusten von 30.600.

Das Institut für Kriegsstudien (ISW) schreibt zu Kluges Zahlen: „Die Schlussfolgerungen stimmen mit mehreren anderen Indikatoren überein, die ISW beobachtet hat und die darauf hindeuten, dass Russland zunehmend unter Rekrutierungs- und Personalproblemen leidet. Dazu gehören beispielsweise gemeldete Rekrutierungsdefizite im Verhältnis zu den Verlusten, der Einsatz strategischer Reserven, erhöhte Antrittsprämien und verstärkte verdeckte Mobilisierungsbemühungen.“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe berichtet, dass russische Streitkräfte ab dem 10. April wahrscheinlich damit begonnen hätten, strategische Reserven auf das Schlachtfeld zu verlegen, um die steigenden Verluste und erfolgreichen ukrainischen Gegenangriffe in Richtung Oleksandrivka und Hüljaipole auszugleichen, so das ISW. 

ISW: Mehr verdeckte Mobilisierungen

Russland hat den Krieg gegen die Ukraine in den vergangenen Jahren zum größten Teil mit Soldaten bestritten, die sich freiwillig meldeten und hohe Prämien kassierten. Dass deren Zahl abnimmt, zwingt den Kreml anscheinend dazu, auf andere Mittel zurückzugreifen. Das ISW schreibt, dass die russischen Streitkräfte in jüngster Zeit auch ihre Bemühungen um verdeckte Mobilisierungen in Unternehmen und Hochschulen intensiviert hätten. Um eine weitere großangelegte Mobilisierung wie 2022 drückt sich Moskau seit Jahren aus Sorge um negative Reaktionen aus der Bevölkerung.

In der aktiven Reserve Russlands sollen sich laut ISW-Zahlen aus dem letzten Jahr rund zwei Millionen Soldaten befinden. Es handelt sich demnach um Soldaten, die ihren Grunddienst abgeleistet haben, und Bürger, die freiwillig einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium geschlossen haben. Sie bleiben bis zu ihrer Einberufung Zivilisten und erhalten eine finanzielle Entschädigung für ihre Tätigkeit in der Reserve.

Dass der Kreml weniger freiwillige Soldaten für den Krieg mobilisiert, muss also letztlich nicht heißen, dass er die Verluste nicht mehr ausgleichen kann. Das verstärkte Zurückgreifen auf Reserven und Zwangsrekrutierte könnte die Ukraine ihrem großen Ziel jedoch näher bringen, Russlands Kosten für den Krieg zu erhöhen, sodass im Kreml eines Tages die Einsicht einkehrt, den Krieg zu beenden. Moskau betont bislang stets, alle Ziele erreichen zu wollen.

Kiew hat das Ziel ausgerufen, in Zukunft 50.000 russische Soldaten pro Monat zu töten oder schwer zu verwunden. Aktuell liegt diese Zahl bei rund 30.000 bis 35.000. Sollte die Ukraine den 50.000 näher kommen und gleichzeitig die Rekrutierung von Freiwilligen in Russland weiter an Schwung verlieren, wäre der Kreml wohl gezwungen, immer schmerzhaftere Entscheidungen zu treffen.

Quelle: ntv.de, rog

Source: n-tv.de