Parteitag dieser Grünen: Sie bebt noch

Hannover im November, Nieselregen, entferntes Autobahnrauschen und der morbide Charme einer Messehalle, die schon bessere Tage gesehen hat: Man kann sich schönere Orte vorstellen, um als mittelgroße Oppositionspartei einen aufkommenden Winterblues niederzuringen. Aber vielleicht ist diese tief graue Atmosphäre auch genau das Richtige, wenn man zum strahlenden Comeback ansetzen will. Letzteres ist nämlich das selbsterklärte Ziel dieses Parteitags der Grünen: vom Feindbild Nummer eins zurück dahin, wo man dem Selbstverständnis nach hingehört, nämlich als Nummer eins im linken Lager.

Also: Endlich mal nicht weiter in den Abgrund starren; die Umfragen, die Ungewissheit ohne die Leitfiguren Annalena Baerbock und Robert Habeck, den Hang zum Zergrübeln, das alles mal beiseite wischen. Drei Tage lang kommen die Grünen zu ihrem ersten Parteitag nach der enttäuschenden Bundestagswahl ohne die zwei letzten Kanzlerkandidaten zusammen.

Auch strategisch tut sich etwas

Die Stimmung setzen gleich am Freitagabend Co-Parteichefin Franziska Brantner und Co-Fraktionschefin Katharina Dröge. „Merkel hat recht, Merz kann es nicht“, höhnt Brantner. Was sei denn los, wenn viele Menschen nicht mehr an die Zukunft glaubten? „Martin Luther King sagte doch nicht: I have a nightmare. Dazu hätte er verdammten Grund gehabt.“ Sie ruft: „Auch unser Land hat es wieder verdient, Geschichten der Hoffnung zu hören.“ Im Land stecke eine Kraft, die sei „stärker als die Angst, stärker als die Autokraten, stärker als die Faschos aus der AfD“.


Parteitag der Grünen: Co-Parteichefin Franziska Brantner will "Geschichten der Hoffnung" verbreiten.

Co-Parteichefin Franziska Brantner will „Geschichten der Hoffnung“ verbreiten.

Die neuen Grünen sind jetzt wieder unapologetisch grün, in der Opposition angekommen – und deshalb auch selbstbegeisterungsfähig. Und sie träumen wieder. So wie man ja 1945 nicht von offenen Grenzen in Europa habe träumen können, vom Mauerfall, oder dass Strom heute mehrheitlich grün ist, sagt Brantner.

In neuem Selbstbewusstsein ruft Dröge: „Es ist diese Partei, die euch das Leben zur Hölle machen wird, wenn ihr Klimaschutz schreddert.“ Jubel bricht in der Halle aus, als Claudia Roth, zuletzt Kulturstaatsministerin, „selbstverständlich“ ein AfD-Verbot fordert. Sie erinnert an einen ihrer ersten Parteitage, kurz nachdem in der Ukraine ein Atomreaktor explodiert war, und der Liedermacher Walter Mossmann sich fragte, ob es nach Tschernobyl überhaupt noch möglich sei, Musik zu machen, dann aber doch in die Saiten griff. Hoffnung in hoffnungsarmen Zeiten. „Und genau das brauchen wir in unserer Zeit“, ruft Roth. Die Partei lebt, bebt und klatscht wieder, trotz Wahlschlappen, Rechtsruck und Umfrageloch.

Verbrenner, Fliegen, Freiheit!

Dieser Parteitag ist nicht nur Gefühlstheater, auch strategisch bewegt sich was – und das gerade nicht entlang der ausgelatschten Trampelpfade zwischen Realos und Fundis. Auch wenn Bundestagsvize Omid Nouripour kurz warnt, man dürfe nicht übertrieben links sein und es sich in der politischen Nische bequem machen.

Zwei Redebeiträge ragen heraus. Zum einen der von Ex-Parteichefin Ricarda Lang. Sie müsse sich erst wieder an die drei Minuten Zeitbegrenzung für einfache Delegierte gewöhnen und rede deshalb einfach umso schneller, sagt Lang, und proklamiert dabei eine Mut-Agenda: „Ängstliche Parteien können Meinungen abbilden. Aber mutige Parteien können Meinungen bilden.“ In der Zeit der Ampel-Koalition habe sie an sich selbst gemerkt, wie verdruckst sie in ihren eigenen Positionen wurde, gegenüber politischen Gegnern gleichzeitig kulturell verhärtete. Deshalb fordert Lang nun das Gegenteil: maximal der Welt zugewandt, dafür klar in der Sache.


Parteitag der Grünen: Auch neu: Co-Parteichef Felix Banaszak bekam auf dem Parteitag großen Jubel für die Erinnerung an sein erstes Auto.

Auch neu: Co-Parteichef Felix Banaszak bekam auf dem Parteitag großen Jubel für die Erinnerung an sein erstes Auto.

Ebenso bemerkenswert war die Rede ihres Nachfolgers Felix Banaszak. Er spricht am Samstagvormittag, Parteitagsprimetime, und adressiert die Wand aus Ablehnung, gegen die die Grünen seit Jahren ein ums andere Mal knallen, noch bevor sie überhaupt ihr Programm vorstellen konnten. Es gebe da eine „große emotionale Kluft zwischen vielen Menschen und allem, was grün ist“, sagt er. Die Diagnose, so unbequem sie klingen mag, wird inzwischen doch von einigen in der Partei geteilt. „Bäh, Grüne“ – so ähnlich lasen sich zuletzt die Depeschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die die Demoskopen seit Jahren einer immer ratloseren Parteiführung reinreichen.

Jubel für „Taxi Banaszak“

Banaszak geht aber den entscheidenden Zweischritt. Erstens hätten die Grünen womöglich selbst einen Anteil an dieser Kluft. Doch schlägt er zweitens, jetzt betritt er wirklich diskursives Neuland, einen Weg vor, wie man da wieder rauskäme.

Das Wort „Flugscham“ etwa sei irgendwann von der Selbst- zur Fremdbezichtigung geworden. Wer, so sagt Banaszak, mit der Familie auf 65 Quadratmetern wohne, sich die Ostergeschenke und Essengehen spare, um einmal im Jahr nach Malle fliegen zu können, reagiert auf solche Predigten womöglich nachvollziehbarerweise mit Abwehr: „Scham verschließt, Scham öffnet nicht.“


Parteitag der Grünen: Die beiden Fraktionsvorsitzenden Katharina Dröge (links) und Britta Haßelmann (rechts) auf dem Parteitag der Grünen in Hannover.

Die beiden Fraktionsvorsitzenden Katharina Dröge (links) und Britta Haßelmann (rechts) auf dem Parteitag der Grünen in Hannover.

Die Grünen seien doch sonst so sensibel mit Sprache, müssten deshalb also auch eine Sprache des Respekts in der Klimapolitik finden. Für viele Menschen sei die „dreckige Kohle und der dreckige Verbrenner“ eben auch Stolz und Identität. Immer wieder unterbricht die Parteibasis Banaszaks Rede mit Applaus, selbst da, wo er ungewohnt persönlich wird: Natürlich habe er mit Siebzehneinhalb den Führerschein gemacht und sich vom Sparbuch bei der Sparkasse Duisburg dann einen „roten Flitzer“ gekauft, der schnell auf den Namen „Taxi Banaszak“ getauft wurde. „Das war Freiheit, das war Leben“, ruft Banaszak in den jubelnden Saal.

Verbrenner, Fliegen, Freiheit, was für ein revolutionärer Dreiklang auf einem Parteitag der Grünen – der soll herausführen aus der politischen Isolation, aber bitte schön nicht rein in die klimapolitische Beliebigkeit: „Lassen wir uns nicht einreden, dass wir uns zu entscheiden hätten zwischen Geradlinigkeit (…) und Mehrheitsfähigkeit“, warnt der Parteichef. Der Leitantrag des Parteivorstands zum Klima ist dann auch klassisch grün-pures Oppositionsprogramm, das vor allem auf sozialen Ausgleich setzt: So fordert die Partei etwa, Transformationshärten durch ein gestaffeltes Klimageld abzufedern. Auf Antrag der Grünen Jugend fordern die Grünen die Rückkehr zum 9-Euro-Ticket.

Zwei Tage, drei Erkenntnisse: Die Grünen mögen sich wieder selbst. Sie haben eine Idee, wie andere das vielleicht auch wieder tun. Und verfügen zumindest über eine ungefähre Vision, was sie mit dieser Zustimmung anfangen wollen. Ach so und: Am Mittag scheint dann sogar die Sonne über Hannover.