Leitfaden zum Besten von Museen: Nistet welcher Rassismus in den Vitrinen?
Deutschland ist ein Zuwanderungsland, ein gutes Viertel seiner Bevölkerung hat das, was man neudeutsch als Migrationshintergrund bezeichnet. Das weiß auch der Deutsche Museumsbund, der auf die Sachlage mit einem neuen Leitfaden für seine Mitglieder reagiert: „Museen in der Migrationsgesellschaft“.
Die Broschüre, an der zwei Dutzend Fachkräfte aus Bundes-, Landes- und städtischen Museen und etwa doppelt so viele Berater mitgearbeitet haben, will den Museumshäusern in Deutschland zeigen, wie sie sich aufstellen müssen, wenn sie ein möglichst breites Publikum erreichen wollen – nämlich „offen und zugänglich“, „antirassistisch“, „partizipativ und multiperspektivisch“ sowie „beweglich und prozesshaft“. Dagegen ist wenig zu sagen, so wenig wie gegen den Vorschlag der Präsidentin des Museumsbundes, der Ethnologin Wiebke Ahrndt, „bislang marginalisierte Lebensrealitäten, Standorte und Perspektiven“ stärker in die Museumsarbeit einzubeziehen und so „vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen“. Befremdlich und streckenweise fragwürdig ist allerdings die Argumentation, mit der diese an sich vernünftige Strategie im weiteren Fortgang der gut hundertseitigen Handreichung begründet wird.
Mit Kampfbegriffen gegen jene, die der Rassismuspolizei nicht passen
Der neue Leitfaden begnügt sich nämlich nicht damit, Anregungen zur musealen Praxis in der künftigen, von vielfältigen Gruppen- und Einzelinteressen geprägten bundesdeutschen Gesellschaft zu geben; er stellt diese Vorschläge in einen Rahmen von scheinbar unwiderlegbaren, jedenfalls nicht zur Debatte stehenden Grundannahmen. „Die Wissenschaft im deutschsprachigen Raum ist gemeinhin von weißen Perspektiven geprägt.“ – „Rassismus ist ein strukturell verankertes, historisch gewachsenes und in der Gesellschaft wirksames Machtverhältnis.“ – „Rassismus findet sich in der Geschichte von Sammlungen und Institutionen ebenso wie in ihrer alltäglichen Praxis.“
An anderer Stelle heißt es, es gehe darum, „rassistische Strukturen und Ausschlüsse aktiv abzubauen“, „Wissensproduktion zu dezentrieren“ sowie „Repräsentation, Beteiligung und Entscheidungsmacht von BiPoC“ zu garantieren, also von „Black, Indigenous and People of Color“. Es ist die Sprache der postkolonialen Aktivisten und ihrer Vordenker, die hier gepflegt wird, und wo von „Ausschlüssen“ ist Rede ist, darf auch der Kampfbegriff nicht fehlen, mit dem die Postkolonialen selbst alle diejenigen ausschließen, die zwar „people of color“ sind, aber ihre Maximen dennoch nicht nachbeten: das „token“. Als „token“, erläutert der Museumsbund in beflissener Naivität, würden „Einzelpersonen oder Gruppen“ bezeichnet, die an Museumsprojekten nur teilnähmen, um „nach außen den Anschein von Vielfalt und Offenheit zu erzeugen“. Auf den Gedanken, dass sie damit den Einzelnen wie den Vielen, die der Rassismuspolizei nicht nach dem Mund reden, Identität und Individualität absprechen, kommen die Autoren der Broschüre nicht.

Der erstaunlichste Mangel des neuen Museumsleitfadens ist seine Blindheit gegenüber der bevölkerungspolitischen Realität. Der postkoloniale Denkbetrieb kreist vor allem um Afrika, Südamerika, Indien und Südostasien, die Schauplätze des europäischen Früh- und Hochkolonialismus. Die überwiegende Mehrzahl der Zuwanderer in Deutschland stammt aber aus der Türkei, Polen, Russland, Kasachstan, der Ukraine und dem Balkan; bei den Flüchtlingen liegen die Ukrainer mit weitem Abstand vorn. Glaubt der Museumsbund wirklich, dass er diesen Menschen etwas von „weißer“ Wissenschaft und „strukturell verankertem“ Rassismus erzählen kann? Fast alle Zugewanderten bringen ihre eigenen historischen Erzählungen mit, die ihrerseits mit anderen Erzählungen kollidieren. Kann man die vielfältige Kultur des Osmanischen Reichs ausstellen, ohne den Völkermord an den Armeniern wenigstens zu erwähnen? Können Polen, Russen und Ukrainer im Museum zu einer gemeinsamen Lesart ihrer konfliktbeladenen Geschichte finden?
Mit solchen Fragen lässt der Museumsbund seine Mitglieder allein. Stattdessen werden die Museen aufgefordert, für ihre Entstehung im Deutschen Kaiserreich Buße zu tun, ihr Wissen zu dezentrieren und „etablierte Deutungsmuster“ zu hinterfragen. Auf diese Weise wird die deutsche Museumslandschaft freilich nicht in eine bessere Zukunft, sondern in ein mit woken Vorsätzen gepflastertes Abseits geführt. Die Museen müssen sich öffnen, das ist wahr. Aber nicht gegenüber jeder gerade angesagten Ideologie.
Source: faz.net