Hunger in Gaza: Das steckt hinterm umstrittenen Hilfskonzept zu Händen den Gazastreifen
Im Gazastreifen droht eine katastrophale Hungersnot. Nach wochenlanger Blockade lässt Israel nun wieder Hilfslieferungen über die Grenze. Doch das System dahinter ist umstritten. Schon nach den ersten Lieferungen gab es zudem Schwierigkeiten. Wie schlimm ist die Lage in der Region? Und können die Hilfspakete die Not lindern? Antworten auf die wichtigsten Fragen
Wie ist die aktuelle Lage in Gaza?
Für die mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen ist laut UN-Generalsekretär António Guterres die „vielleicht grausamste Phase dieses grausamen Konflikts“ angebrochen. Nach fast 20 Monaten Krieg stehen laut UN-Angaben etwa 81 Prozent des Gebiets entweder unter Kontrolle der israelischen Armee oder unterliegen Anordnungen zur Räumung. Mehrere Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Wochen ihre Arbeit in Gaza reduziert oder eingestellt – weil Israel seit Anfang März Nahrungsmittel, Hilfsgüter und Treibstoff in den Gazastreifen blockiert, Sicherheitsgarantien fehlen und internationalem Personal die Einreise verwehrt wird.
Laut einem gemeinsamen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sowie des UN-Satellitenzentrums (Unosat) vom Montag können außerdem nur noch weniger als fünf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Gaza bewirtschaftet werden. Rund 71 Prozent der Gewächshäuser und rund 83 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Brunnen wurden demnach bis April durch israelische Angriffe beschädigt. Seitdem hat Israel seine Angriffe in Gaza intensiviert.
All diese Faktoren führen dazu, dass zunehmend Menschen in Gaza unter Hunger leiden: Laut einem am 12. Mai veröffentlichten Bericht der Integrierten Klassifikation zur Ernährungssicherheit (IPC) ist die gesamte Bevölkerung Gazas von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. 470.000 Menschen, also knapp jeder vierte Bewohner des Küstenstreifens, sind demnach von einer Hungersnot bedroht. Laut UN-Angaben wurden seit Jahresbeginn 9.000 Kinder wegen Unterernährung behandelt. Der palästinensische Gesundheitsminister in Ramallah, Majed Abu Ramadan, sagte vergangene Woche, dass binnen weniger Tage 29 Kinder und ältere Menschen infolge von Hunger verstorben seien.
Neben Lebensmitteln, sanitären Produkten und Medizin fehlt in Gaza vor allem Treibstoff. Allein um Wasser aufzubereiten und sanitäre Anlagen zu betreiben, werden laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) pro Woche 200.000 Liter Treibstoff benötigt.
Warum hat Israel die Hilfslieferungen blockiert?
Die israelische Regierung hatte die elfwöchige Blockade seit Anfang März damit begründet, dass die Hamas in großem Umfang Hilfsgüter gewaltsam abgreifen würde, um sie dann überteuert zu verkaufen und so ihren Terror weiter zu finanzieren. Mehrere Hundert Millionen Dollar nehme sie so ein. Belege für ein solches Ausmaß gibt es bislang nicht. Im Gazastreifen selbst kam es allerdings mehrfach zu Protesten gegen Plünderungen durch Hamas-Kämpfer. Auch die Vereinten Nationen räumten ein, dass es Probleme bei der Verteilung gegeben habe – aber vor allem wegen laufender Angriffe und Kampfhandlungen. Bestimmte Gebiete seien durch zerstörte Infrastruktur nicht erreichbar.
Dass es zu Plünderungen der Lieferungen kam, ist auch belegt. Allerdings nicht durch die Hamas, sondern durch kriminelle Clans oder verzweifelte, ausgehungerte Menschen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich berichtete, soll die Hamas vier Personen hingerichtet haben, die zuvor Hilfskonvois überfallen hatten.
Die Lieferung von Hilfsgütern wurde außerdem immer wieder durch den Verdacht Israels erschwert, über die Transporte würden Rüstungsgüter für die Hamas geschmuggelt. Intensive Kontrollen kosteten viel Zeit, der Zugang blieb durchweg restriktiv. Das galt vor allem für sogenannte Dual-Use-Güter, die sowohl zu zivilen als auch militärischen Zwecken verwendet werden können: Mehrfach berichteten Hilfsorganisationen von skurrilen Fällen, etwa dass Lieferungen wegen metallener Zeltstangen, Nagelknipsern oder Reißverschlüssen gestoppt wurden. Und dass Lkw dann umdrehen und einen langwierigen Prozess durchlaufen mussten.
Welche Hilfen gelangen derzeit nach Gaza?
Israel hat seine Blockade vergangene Woche gelockert. Die wenigen Hundert Lkw, die den Küstenstreifen bislang erreicht haben, reichen aber bei Weitem nicht aus, um die humanitäre Lage zu verbessern. Nötig seien laut UN 500 bis 600 Ladungen täglich, um die Menschen in Gaza zu versorgen. Bislang soll zudem keine Truckladung in den Norden des Gazastreifens gelangt sein.
Am Dienstag haben nach israelischen Angaben im Süden des Gazastreifens zwei von vier geplanten Verteilstellen für Hilfsgüter die Arbeit aufgenommen. Sie werden nach einem neuen Logistikprinzip von der neu gegründeten Stiftung Gaza Humanitarian Foundation (GHF) betrieben. Laut GHF wurden bislang 8.000 Lebensmittelpakete verteilt, was 462.000 Mahlzeiten entsprechen würde. Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.
Noch am Tag der Eröffnung brach an einer dieser Verteilstellen Chaos aus. Auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie Tausende Palästinenser versuchen, Zäune zu durchbrechen. Israelische Truppen feuerten Warnschüsse ab, die US-Sicherheitskräfte mussten sich offenbar zeitweise zurückziehen. Über die Anzahl von Toten und Verletzten gibt es bislang unterschiedliche Angaben: Laut UN wurden mindestens 47 Menschen verletzt. Arabische Medien wie Al-Dschasira berichteten zunächst von drei Toten. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen teilte am Mittwoch mit, dass mindestens ein Mensch getötet und 48 Personen verletzt wurden.
Eine Meldung unter anderem der israelischen Zeitung Ha’aretz vom Mittwoch, dass die GHF wegen der Zwischenfälle die Lieferungen vorübergehend wieder aussetzen werde, dementierte die Stiftung gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als Falschinformation. Da die GHF über keinerlei Website oder Kontaktinformationen verfügt, lassen sich diese Informationen nicht unabhängig überprüfen.
Wie soll das neue System funktionieren?
Der entscheidende Unterschied ist, dass nun private Sicherheitsfirmen die Hilfskonvois beschützen und organisieren sollen. Was nach einer simplen Änderung klingt, hat komplexe Auswirkungen. Im Zentrum des Ganzen steht eine im Februar in den USA gegründete und in der Schweiz registrierte Stiftung, die Gaza Humanitarian Foundation (GHF). Die US-Regierung unterstützt das System, wobei nicht klar ist, wie genau. Über diese Stiftung wiederum wurden private Sicherheitsfirmen engagiert, die die Logistik organisieren und die Transporte sichern sollen – UG Solutions und SRS. Über beide Unternehmen ist wenig Belastbares zu finden.
Bislang brachten Hilfsorganisationen die Trucks in den Gazastreifen, koordiniert unter anderem von den UN-Organisationen Ocha und UNRWA und dem World Food Programme. Die UN arbeiten aus dem Westjordanland und aus Jordanien, weil die UNRWA in Israel nicht mehr tätig werden darf. Die israelische Armee IDF kontrollierte diese Trucks und ließ sie über verschiedene Kontrollpunkte nach Gaza. In Israel ist der einzige derzeit offene Zugangspunkt in Kerem Schalom im Süden, von Ägypten aus erreichten Hilfslieferungen die Menschen über Rafah. Im Mai 2024 startete die IDF jedoch eine Offensive auf Rafah, übernahm die Kontrolle über den Grenzübergang und schloss ihn für Hilfslieferungen.
Es gab in der Vergangenheit auch Versuche, Hilfsgüter über eine Art Luftbrücke abzuwerfen oder vom Meer aus an einer Art Steg abzuladen – beide Wege stellten sich jedoch als dysfunktional heraus. Und so hing wieder alles an den Trucks, deren Hilfsgüterverteilung nun anders koordiniert werden soll.
Die wohl gravierendste Änderung nach dem neuen System: Die Hilfslieferungen sollen gebündelt an vier Verteilzentren geliefert werden, statt dezentral direkt zu den Menschen in Gaza. Private Sicherheitsfirmen sollen diese Zentren sichern. Die IDF ist offiziell nur am Rande involviert, faktisch jedoch eng eingebunden.
Welche Kritik gibt es am neuen Mechanismus?
Die Expertise der im Auftrag der GHF arbeitenden Sicherheitsfirmen sei zweifelhaft und nicht nachvollziehbar, kritisieren NGOs und verschiedene Medien. Ausschreibungsprozesse, Verträge und Verbindungen seien völlig intransparent. Erst kürzlich hatten die New York Times sowie die israelische Ha’aretz in größeren Recherchen aufgezeigt, wie undurchsichtig die Verflechtungen sind.
Hilfsorganisationen sowie die UN beklagen, dass das neue System politisch abhängig sei und für Israel vor allem strategische Vorteile bringe. Mehrere NGOs bezeichneten den Mechanismus in einer gemeinsam veröffentlichten Erklärung als eine „gefährliche, politische Heuchelei“. Diverse Hilfsorganisationen sowie die UN kündigten an, am neuen Mechanismus nicht teilhaben zu wollen.
Kritiker werfen Israel vor, mit dem neuen System eine faktische Zwangsumsiedlung der Menschen in Gaza voranzutreiben. Dadurch, dass drei der vier Verteilzentren im Süden stehen oder entstehen sollen, seien die Menschen aus anderen Teilen des Gazastreifens gezwungen, dorthin zu fliehen. Auch müssten die geschwächten Hungerleidenden teils lange Wege durch Kampfgebiete riskieren, um die schweren Pakete zu tragen. Humanitäre Hilfe würde dadurch als Durchsetzungsmittel strategischer Ziele missbraucht. In der Schweiz erwirkte eine NGO deshalb eine Überprüfung der GHF durch die zuständige Aufsichtsbehörde, die Prüfung läuft derzeit.
Wie es scheint, wurden solche Bedenken auch bei Jake Wood stärker, der die GHF mit aufgebaut und geleitet hat. Im Gespräch mit der New York Times sagte er vor einigen Tagen, das System sei zwar nicht perfekt, aber „jede Nahrung, die heute in Gaza ankommt, ist mehr als das, was gestern in Gaza ankam“.
Am Sonntagabend dann teilte Wood überraschend mit, er trete mit sofortiger Wirkung von seinem Posten zurück – noch bevor die ersten Lieferungen für Gaza überhaupt auf den Weg gebracht worden waren. Der nun angelaufene Plan sei nicht vereinbar mit humanitären Grundsätzen wie Unabhängigkeit und Neutralität.
Auch die Hamas hat den neuen Mechanismus kritisiert. Sie rief die Palästinenser in Gaza dazu auf, die Lieferungen zu boykottieren. Die Terrororganisation fürchtet, hinter den Hilfslieferungen könnten sich Geheimdienstoperationen verstecken. Die GHF teilte mit, sie werde die Empfänger der Hilfsgüter auf Verbindungen zur Hamas überprüfen, womöglich auch mithilfe von Gesichtserkennung. Ha’aretz berichtete am Dienstag, die Hamas habe mehrere Blockaden errichtet, um die Konvois aufzuhalten. Dadurch sei es zu mehreren Stunden Verspätung bei den Lieferungen gekommen.