Grundausbildung im Kontext jener Bundeswehr: Wenn aus Zivilisten Soldaten werden

Bundeswehrrekruten marschieren auf dem Marktplatz in Altenburg (Thüringen).


Reportage

Stand: 23.04.2026 • 05:02 Uhr

Seit Januar bekommen alle 18-Jährigen Post von der Bundeswehr mit einem Fragebogen. Das Ziel: junge Menschen vom neuen Wehrdienst überzeugen. Was erwartet sie bei der Armee?

„Eins, zwo, Feuer.“ Es ist früh am Morgen, der Ton ist scharf. Für die Rekrutinnen und Rekruten beginnt der Tag mit Befehlen, Zeitdruck und klaren Regeln. Drei Monate Grundausbildung liegen vor ihnen – für viele eine völlig neue Realität.

Die Bundeswehr steht unter Druck: Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 fehlen Soldatinnen und Soldaten. Gleichzeitig wächst das Aufgabenspektrum – Cyberangriffe, Drohnenkriege und hybride Konflikte stellen neue Anforderungen. Am Marinestandort Parow bei Stralsund starten Anfang des Jahres 110 junge Menschen ihre Ausbildung.

Das Reportageformat Y-Kollektiv hat sie in ihrer dreimonatigen Grundausbildung begleitet. Für die Berichterstattung gibt es klare Regeln. Eine Pressebeauftragte ist immer dabei, einige Rekruten werden gezielt ausgewählt. Drei von ihnen geben Einblick: Helena, Lucius und Jan. Sie zeigen, wie aus Zivilisten Soldaten werden.

Zwischen Selbstfindung und striktem Regiment

„Ich bin jetzt organisatorisch oder von der Struktur für den Tag jetzt nicht so der Beste. Ehrlich gesagt war die primäre Intention eine persönliche Entwicklung. Also Disziplin“, sagt Lucius zu Beginn der Ausbildung.

Jan hat vorher eher in den Tag hinein gelebt. Nun gibt es klare Regeln: Um 5 Uhr beginnt der Tag. Körperhygiene, Antreten, keine Minute Spielraum. „Ein bisschen blöd. Aber auch ein bisschen entspannter, weil endlich muss man ein bisschen weniger denken und muss einfach nur machen, was einem gesagt wird“, so Jan. Der Ton ist rau. Ein Ausbilder macht klare Ansagen: „Sie müssen schneller werden morgens. Kann nicht sein, dass Sie so lange mit Ihrer Körperhygiene beschäftigt sind.“

Um 6:15 Uhr gibt es Frühstück. Helena ist zufrieden: „Also natürlich ist der Ton laut und streng. Aber wenn wir den Respekt zeigen, zeigen sie uns auch Respekt.“ Auch Gruppenführer Christoph, selbst erst 28, betont gegenüber den Rekrutinnen und Rekruten die Unterstützung: „Wenn Sie irgendwelche Ängste, Sorgen, Nöte, Fragen oder irgendwelche Probleme haben, dann können Sie gerne immer auf mich zukommen.“

Doch nicht alle halten durch. Seit Jahren bricht etwa jeder Vierte bis Fünfte die Grundausbildung ab. „Die meisten gehen am Anfang des Quartals, weil sie einfach sagen: ‚Ja, ich komme mit dem frühen Aufstehen nicht zurecht. Oder der ein bisschen schärfere Ton.‘ Ich muss auch bereit sein, auch mal über die Komfortzone hinauszugehen“, sagt Gruppenführer Christoph.

„Wir schießen als allererstes auf den Rumpf“

In den ersten Wochen erleben die Rekrutinnen und Rekruten die klaren Regeln bei der Bundeswehr: Disziplin, Pünktlichkeit, Respekt. Nach zwei Dritteln der Ausbildung, es ist bereits Anfang März, steht das Schießen auf dem Plan. Trainiert wird mit dem Sturmgewehr G36 und der Pistole P8. „Wir schießen als allererstes auf den Rumpf. Da, wo wir die größte Angriffsfläche haben. Und wenn das keine Wirkung zeigt, dann wechseln wir auf den Kopf“, erklärt Ausbilder Christoph in sachlichem Ton. „Es geht ja darum, sein eigenes Leben zu schützen und die Person zu stoppen und nicht darum, einfach willkürlich Menschen umzubringen.“

Lucius zeigt auf der Papptafel die Einschusslöcher. „Die hier sind mehr oder weniger alle, die ich getroffen habe. Ein paar waren jetzt auch daneben“, sagt er. „Aber es macht auch irgendwie Spaß ganz ehrlich.“

Drei extreme Tage im Biwak

Für viele Rekruten ist der Höhepunkt der Ausbildung das Biwak. Im letzten Monat ihrer Ausbildung verbringen sie drei Tage und zwei Nächte im Gelände, Schlaf unter Planen, Gefechtssimulationen, kaum Ruhe. „Helme bleiben auf. Waffen bleiben an der Person. Sobald hier was kommt, flitzen wir direkt nach vorne“, ruft einer der Ausbilder. Die Situation wirkt real – trotz Platzpatronen. Regen setzt ein, die Erschöpfung wächst.

Am nächsten Morgen müssen die Rekrutinnen und Rekruten ihr gesamtes Material zurücktragen. Lucius schätzt das Gewicht auf 40 bis 50 Kilo. „Keine Schwäche. Wenn ich Soldat werden will, dann muss ich das tragen“, ergänzt Jan, der neben ihm läuft. Der nächste Stopp ein großes Wasserloch. Das Kommando: „Rein da!“ Hintereinander robben alle durch das Wasser. Dazu läuft laute Musik.

Auszeichnung am Ende der Grundausbildung

Angekommen in der Kaserne gibt es eine letzte Überraschung. Die jungen Leute müssen noch einen Parcours überwinden. Die Ausbilder wollen, dass der Nachwuchs an die eigenen Grenzen geht, gemeinsam Hürden überwindet. Für Lucius, Jan und Helena zählt am Ende eins: Sie haben drei Tage Biwak geschafft – und damit auch ihre Grundausbildung. Dafür gibt es ein Abzeichen. „Simul fortes – gemeinsam stark!“, steht darauf.

„Das Gefühl von ‚gemeinsam machen‘ ist schon echt geil“, sagt Helena. Und Jan spürt den Zusammenhalt, wie er sagt, gerade wenn es mal schlecht gehe. Dann merke er, dass der, der ihn gerade vor fünf Minuten noch angeschrien habe, dann ihn doch noch weiterziehe.

Für die drei geht es jetzt nach den drei Monaten weiter in ihre Stammeinheit, sozusagen die weiterführende Ausbildung. Jan geht für zwei Jahre aufs Schiff. Lucius will nach sieben Monaten Bundeswehr an die Uni. Wie auch Helena. Die überlegt sogar, sich parallel für eine Offizierslaufbahn zu bewerben.

Die Y-Kollektiv-Dokumentation ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Source: tagesschau.de