Französische Lyrikhoffnung: Die Stimme singt irgendwas so gut wie Unanständiges

Literatur hat es schwer heutzutage, Lyrik hat es schwerer. Poetry Slams haben sie wieder populärer gemacht, aber sie darbt weiter im Schatten. In Frankreich gilt das mehr noch als hierzulande: Dort gibt es zwar Initiativen wie „Le Printemps des poètes“ (Der Frühling der Dichter), in dessen Rahmen vom Sonntagsreimer bis zur Großdichterin alle lesen; diesen März fand die 28. Ausgabe mit der Schauspielerin Isabelle Adjani als Schirmherrin statt. In der Öffentlichkeit ist Lyrik dennoch kaum präsent, Rezensionen sind die große Ausnahme. Umso mehr fällt es auf, wenn ein Dichter im Radio interviewt und in Tageszeitungen besprochen wird: Victor Malzac ist erst 28 Jahre alt und veröffentlicht seinen zweiten Roman, „Le Monstre mur“ (Das reife Monster), sowie beim Verlag Le Castor Astral bereits die vierte Gedichtsammlung, „Lessive“ (Wäsche).

„Lessive“ startet durch: „Es ist eine Stimme, die loslegt, eine, eine tiefe Stimme in der Dunkelheit, die singt / allein etwas fast Unanständiges, keine Luft, es ist / der erste Tag, ich sehe den ersten Tag eine Mauer“. Diese ersten drei Verse entwickeln sofort erzählerischen Sog, den die Versform sogar noch verstärkt. Auch das Spiel mit Gleichklängen und Mehrdeutigkeiten setzt direkt ein; „air“ meint nicht nur „Luft“, sondern auch „Melodie“ – beides fehlt dem Kind, das schon im Mutterbauch auf eine Mauer stößt. Es blitzt das Bild einer Stadt auf: „Ich stehe, ich spüre / den Geschmack der Speicheldrüse auf der Straße, der aufsteigt und mich nährt, / es riecht, es riecht nach dem Duft, dem Geschmack des Parkplatzes, des Paniermehls, des Fleisches, / heilig, stark, der Geschmack der Opfergaben, ihres wehleidigen, roten Körpers.“ Zwischen Ekel und lyrischem Elan: Malzac spinnt die Tradition urbaner Lyrik fort.

Das Kind hat fortan einen Aufgabe

Was sich früh andeutet, ist ein Opfer. Die Mutter zahlt für das Kind mit ihrem geschundenen Großstadtleib. Mysteriöser ist die Selbstaufgabe des Onkels, der sich am Tag der Geburt „im Bad ein letztes Mal aufbäumt“. Das Kind hat fortan eine Aufgabe: „meine Schuld bezahlen“. Es ist ein Kalb, seine Geschichte ist die blutiger Opfergaben. Die sechzehn Kapitel führen nicht zum Endergebnis Sauberkeit: Der Titel des Bandes verweist vielmehr auf die Suizid-Badewanne des Onkels. Das lyrische Ich wird sich selbst hineinlegen, um dem Toten nachzuspüren – wenn Reinigung, dann im Durchgang durch das Elend animalischer Körper.

Der Leib steht gleich mehrfach im Zentrum. Malzac, 1997 in einem Pariser Vorort geboren und bei Montpellier aufgewachsen, hat die Elitehochschule École normale supérieure durchlaufen und promoviert über den belgischen Dichter Eugène Savitzkaya, ein Lebenslauf, der Seriosität garantiert. Ebenso sehr wie durch Belesenheit und kluge Äußerungen beeindruckt Malzac jedoch durch seinen Körpereinsatz – bei Lesungen folgt er dem Rhythmus von Beats und stemmt auch mal Hanteln.

Bedauern der eigenen Geburt

In „Lessive“ gelingt es ihm, das Grundgefüge aus Geburt und Tod, aus Anfang und Schuld in eine komplexe, intuitive Bildwelt auszufalten. Der Sprecher sucht, in den Straßen der Stadt, im Garten, im Haus, fahndet nach „den Resten meines Onkels“, bedauert die eigene Geburt in Worten, die an Baudelaire und Sophokles erinnern. In anderen Versen gleitet Malzac in Reimen weiter, die eher Rap evozieren oder Kinderwortspiele: „une pelure, un poupou, genou, hibou / trop bête dans le crâne“ – eine Schale, ein Flohoh, Knie, Uhu / zu dumm im Schädel. Viel kreist um Essen und Verdauung, die Aufnahme anderer Organismen in den eigenen; das Motiv des Opfers wird sinnfällig weitergesponnen.

Der Magen erweist sich als Kampfplatz, Malzac dehnt eine spürbare persönliche Malaise aus zum universellen Fressen: „Ich wurde immer fetter, Frankreich / erdrückte mich unter Kilogrammen von Zucker, Konservierungsmitteln / und grub da Gänge in mir.“ Aus dem Sprecher wird „das französische Monster“, das in Supermärkten zuschlägt, zwischen Übelkeit und Bersten oszilliert. Was zunächst konsequent ist, verliert sich im letzten Drittel etwas in den Details eines entgrenzten Körper-Sprache-Deliriums. Trotzdem, was für ein grandioser Band: Es ist nicht riskant, darauf zu wetten, dass von Malzac weitere spannende, schmutzige Verse kommen werden.

Source: faz.net