Evangelische Gemeinden: Die Gefahr welcher Großgemeinden

In der evangelischen Kirche hat man es versäumt, sich auf die längerfristigen Folgen von Austritten und Alterung einzustellen. Nun drängen mehr und mehr Kirchenleitungen und Synoden jedoch auf einen grundlegenden Umbau, um in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch handlungsfähig zu sein. Diese Entschlossenheit verdient Anerkennung.
Die entscheidende Frage lautet allerdings, ob die eingeschlagene Richtung stimmt. Die geplanten Reformen unterscheiden sich zwar von Landeskirche zu Landeskirche, laufen aber meist in eine ähnliche Richtung: Das Ziel ist eine zunehmende Verschmelzung der Ortsgemeinden und der nächsthöheren Hierarchieebene zu einer „regio-lokalen“ Kirche. Die Kirchengemeinden drohen dadurch ihren Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zu verlieren sowie ihre ohnehin bereits beschränkte Hoheit über Gebäude, Vermögen und Personal.
Nicht nur Filialen
Die Tragweite dieser Entscheidung lässt sich kaum überschätzen und sollte daher so gründlich überlegt sein wie keine andere Reform zuvor. Denn die Ortsgemeinden bilden seit der Christianisierung Europas das Rückgrat der Kirchen. Sie sind nach reformatorischer Lehre auch nicht bloß Filialen oder Franchisenehmer der Kirchenverwaltung, sondern dieser im Gegenteil logisch vorgeordnet.
Die Verfechter der „regio-lokalen“ Kirche verweisen aber mit Recht darauf, dass sich die Zahl der Gottesdienstbesucher in vielen Gemeinden an zwei Händen abzählen lässt, ehrenamtliche Leitungsgremien häufig nicht mehr verlässlich besetzt werden können und es auch nicht genügend Pfarrerinnen und Pfarrer für eine flächendeckende Versorgung gibt. Mehr und mehr Ortsgemeinden drohen dadurch an ihrer Selbstverwaltung zu zerschellen.
Dieses Problem soll gelöst werden, indem man die personellen und finanziellen Ressourcen auf regionaler Ebene bündelt und von dort aus verteilt. Ziel ist nicht nur eine einfachere Verwaltung. Auch die kirchliche Arbeit soll profiliert und professionalisiert werden. Neue, projektförmige Angebote sollen dabei gleichberechtigt neben den Ortsgemeinden stehen.
Dieses Vorhaben ist im Kern allerdings ein großes Steuerungsprojekt und insofern eher die Fortsetzung als ein Bruch mit der bisherigen Mentalität. Entscheidungen, die bisher ganz unten getroffen wurden, werden künftig weiter oben getroffen. Wie wirkt sich das wohl auf die Motivation der Ehrenamtlichen aus? Wer sich in der Kirche engagiert, möchte in der Regel auch etwas bewirken. Wirkung entfaltet aber nur, wer auch Entscheidungen treffen darf. Wenn man vor Ort nur noch Kekse kaufen darf und demnächst womöglich auch noch vorgeschrieben bekommt, dass es Vollkornkekse sein müssen, raubt das Motivation.
Der Begriff „regio-lokal“ verdeckt zudem einen Konflikt: Menschen engagieren sich in der Regel in ihrem Nahbereich, weil ihnen beispielsweise die alte Kirche in ihrer Dorfmitte etwas bedeutet. Die Kirche im Nachbardorf ist schon deutlich weniger interessant. Kann sich die Kirche leisten, darüber hinwegzugehen?
Hin zu einer Funktionärskirche?
Eine regionale Steuerung wäre zudem ein weiterer Schritt hin zu einer Funktionärskirche, deren Schwächen bei der effizienten Ressourcensteuerung schon heute unübersehbar sind. Nach welchen Kriterien würde denn künftig in den machtvollen Regionalgremien entschieden? Binnenkirchliche Geschmeidigkeit, weltanschauliche Aspekte, persönliche Bequemlichkeiten und vielleicht auch der Neid könnten dadurch noch größeres Gewicht bekommen. Nicht ohne Grund sind es vor allem die intakten und lebendigen Kirchengemeinden, die sich vor der geplanten Kollektivierung fürchten. Und was veranlasst die Kirchenleitungen eigentlich dazu, das Heil in einer profilierten Kirche zu suchen? Die kirchliche Tradition geht eher von einer balancierten Kirche aus, die aus dem Dreiklang von Liturgie, Lehre und Diakonie lebt.
Am Horizont dräut noch eine weitere Gefahr: Denn was passiert, falls sich der Mitgliederschwund weiter beschleunigt oder der staatliche Kirchensteuereinzug wegfällt? Droht dann nicht die Zombifizierung der geplanten Großstrukturen? Wer die intakten und die morschen Teile der Kirche jetzt miteinander vermengt, bekommt sie vermutlich nie wieder auseinander.
Die Kirche sollte deshalb einen anderen Weg in Erwägung ziehen: Nicht weniger, sondern mehr Selbständigkeit der Gemeinden, verbunden mit der Anforderung, sich allmählich stärker selbst zu finanzieren. Das setzt vor Ort entweder Kräfte und Kreativität frei – oder es zeigt an, dass der Ofen bereits aus ist, dann muss man von oben auch keine weitere Kohle hineinschmeißen. Die oberen Ebenen inklusive der landeskirchlichen Vielfachstrukturen, die bisher verblüffend wenig angetastet bleiben, werden auf das Nötigste verschlankt. Ein bisschen theologische Aufsicht, einige grundlegende Dienstleistungen und ein gewisser regionaler Finanzausgleich auf nationaler Ebene, mehr ist nicht nötig.
Source: faz.net