Essay | Wie eine prätentiöse Joggingrunde: Der Essay „Liebe! Ein Aufruf“ von Daniel Schreiber
Auf der Suche nach Liebe durchläuft Daniel Schreiber die Geschichte der Philosophie. Sein neues Buch „Liebe! Ein Aufruf“ musste laut Danksagung „wahnsinnig schnell“ entstehen – und das merkt man ihm schon auf den ersten Seiten an
In Daniel Schreibers Essay geht es um die „Rückbesinnung auf die Liebe als politische Kraft“
Foto: Paulina Hildesheim
Es passiert ständig in der Liebe, unspektakulär: Man entliebt sich, es ist aus. Öfter setzt dann ein, was man bald kaum erträgt – die andere Person will das Ende nicht wahrhaben, klammert, will ständig reden, es wird nervig, man will den Menschen abschütteln.
Ähnlich erging es mir mit Daniel Schreibers Essay Liebe! Ein Aufruf. Ich fing vor lauter Genervtheit an, das Buch schlecht zu behandeln, mit Kuli Notizen hineinzukritzeln, an manchen Stellen stöhnte ich auf. Schreiber mag belesen sein und geschickt durch philosophische Traditionen mäandern, doch seine Gedanken wirken schrecklich prätentiös. Spätestens im Martin-Luther-King-haften „Aufrufteil“ liest man nur noch kursorisch und ist dankbar für das ausgedehnte Verzeichnis der Sekundärliteratur – von Arendt bis Zimgrod (sic!) –, das die Lektüre zusätzlich verkürzt.
Eine Bestandsaufnahme der Weltlage
Dabei mag ich den Essayisten Daniel Schreiber. Nüchtern (2014), sein autobiografischer Text über Alkoholabhängigkeit, überzeugte durch nie gelesene Betrachtungen über das Trinken. Auch Allein (2021), sein Buch über Einsamkeit im 21. Jahrhundert, war atmosphärisch dicht gebaut, bot viel Identifikationspotenzial, obwohl Schreiber homosexuell ist und man selbst eine Single-Mutter.
Den vorliegenden Essay hatte ich indes mit einer gewissen Voreingenommenheit begonnen – wegen dieses Titels: Liebe! Vorsicht, Kitschgefahr. Außerdem herrscht für meinen Geschmack ein Überangebot an Sachbüchern, die mit „radikaler Zärtlichkeit“ (Şeyda Kurt) oder dem „Schwert der Liebe“ (Gilda Sahebi) die Welt verändern wollen.
In Schreibers Essay geht es um die „Rückbesinnung auf die Liebe als politische Kraft“. Der Autor breitet dafür zunächst – in einem merkwürdig apokalyptischen Imperfekt – eine Bestandsaufnahme der Weltlage aus. „Politische Diskurse hatten dem Ethos von freiem Meinungsaustausch und demokratischer Kompromissbereitschaft den Rücken gekehrt und inszenierten unterschiedliche Ansichten und Weltsichten als Ausdruck von Feindschaft“, schreibt er.
Schreibers Nachdenken wirkt aufgesetzt
Als roter Faden dienen ihm ein Schreibworkshop in einem Seminarhaus, den er leitet, sowie die Wanderungen und Joggingrunden, die er in diesen Tagen unternimmt. Das Setting erinnert an Rachel Cusks Outline, den ersten Band ihrer gefeierten Romantrilogie, nur gelingt es Cusk meisterhaft, existenzielle Verlorenheit zu evozieren; Schreibers zufälliges Nachdenken wirkt dagegen aufgesetzt: „Während ich zu einem Laufrhythmus fand, musste ich angesichts des satten Grüns, des Lebens des Waldes, wieder an Albert Schweitzers Konzept der Ehrfurcht vor dem Leben denken.“
Immer wieder fällt ihm ein bedeutender Autor ein, der zu seinem Konzept passt und den er dann zitieren muss; nebenher erzählt er von seiner monatlichen Lesegruppe, die sich mit dem Mystiker Meister Eckhart beschäftigt. Von dort, oder von woanders – es ist eigentlich egal –, landet er bei den französischen Dekonstruktivisten. An einer Stelle fragt er sich, was wohl Erich Fromm zum „heutigen Geschehen“ sagen würde.
Der Autor wird als Cash Cow behandelt
Man ertappt sich, ganz und gar nicht ohne Bosheit, bei Überlegungen darüber, was ein Schreibseminar in dieser Naturkulisse wohl kostet. Ebenso boshaft reagiert man auf das überkorrekte Gendern – die Rede von Teilnehmenden, migrantisierten Menschen, Bürgergeld-Empfangenden –, obwohl man sich selbst keineswegs als ablehnend versteht.
Das Seminar endet, sein Schreibworkshop muss auch resümiert werden: „Alle hatten genaue Worte für das gefunden, was in ihnen und in der Welt vorging … Einige von ihnen hatten Seiten ihres Inneren ausgeleuchtet, die sie zuvor nicht wirklich anschauen wollten.“ Sein Essay sei unter „wahnwitzigem“ Zeitdruck entstanden, heißt es in der Danksagung. Man kann es kaum von der Verlagslogik trennen: Bestsellerautoren wie Schreiber werden wie Cash Cows behandelt, um den kommerziellen Erfolg maximal auszuschöpfen, alles mit Liebe läuft gerade, und schließlich naht das Fest der Liebe.
Liebe! Ein Aufruf Daniel Schreiber Hanser Berlin 2025, 160 S., 22 €