Endlich Freitag: Cem Özdemir, Babyglück, Armutszeugnis

Hallo,

die wenigsten haben es Cem Özdemir zugetraut: dass er einen Vorsprung von rund 15 Prozent in den Umfragen gegenüber seinem Konkurrenten von der CDU, Manuel Hagel, noch aufholt. Dass er das schafft, obwohl seiner Partei der Wind gerade gehörig von vorne ins Gesicht bläst. Und dass er sich als Schwabe mit türkischem Nachnamen gegen einen CDU-Kandidaten durchsetzt, dessen Partei vor einem Jahr die Bundestagswahl gewonnen hat.

Özdemir hat es trotzdem geschafft. Das hat vor allem mit ihm selber zu tun. Aber in dem Wahlausgang stecken gleich noch dutzende weitere bemerkenswerte Entwicklungen, die uns zu denken geben. Die CDU dachte ja, sie müsste mit ihrem Kurs gerade in einem Bundesland triumphieren, das – wenn die Autoindustrie das Herz der deutschen Wirtschaft ausmacht– so was wie deren Ventrikel ist. Trotzdem will eine Mehrheit hier eher den grünen Kapitalismus (was auch immer das sein soll), den ihr Özdemir verspricht, als die Rückkehr zum fossilen Gestern.

Und was auch noch dazu gehört: Von den Menschen, die wenig Geld haben, die um ihre wirtschaftliche Zukunft bangen, und überhaupt von allen Arbeitern wählen hier fast die Hälfte die AfD. Die SPD droht nicht bedeutungslos zu werden, sie ist es schon geworden. Die Linkspartei dringt auch nicht durch. Besorgniserregend ist da ein Hilfsausdruck.

1. Heute wichtig

Samira El Ouassil: Von Gisèle Pelicot über Teen-Porn bis Gen Z. So läuft heute Patriarchat Das Patriarchat ist wie ein altes, knarrendes Haus, das auf dem Fundament systematischer Misogynie steht. Die Gefahr lauert nicht außerhalb des Vertrauten, sie ist Teil davon. Dabei agieren Täter wie Epstein und Pelicot strukturgleich

Wisst ihr noch, wie 1994 die Frauen streikten? Werfen wir den Krempel hin!Wie kann es sein, dass wir immer noch gegen Paragraph 218 protestieren müssen und für gleichen Lohn? Unsere Autorin erinnert sich an den Frauenstreik von 1994, bei dem Ost- und Westfrauen gemeinsam streikten. Und was dann nicht folgte

Verpasste Chance in Baden-Württemberg: Das Dilemma der Linken verstehen Bis kurz vor der Wahl sah es nach einem historischen Erfolg aus: Die Linke wollte erstmals in den Landtag von Baden-Württemberg einziehen. Doch auf den letzten Metern gerät die Partei ins Straucheln – und stößt auf ein grundlegendes Problem

2. Made My Day

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„Aahh“: Ich habe neulich einen Menschen getroffen, der mein Leben verändern wird. Sie ist drei Monate alt, ihr Wortschatz umfasst vor allem den Vokal „Aahh“, und sie kann schon bis zu einem Meter weit sehen. Weil sie unglaublich niedlich ist, aber ihre Mutter sich nicht um sie kümmern kann, darf sie bald bei uns einziehen. It literally made my day, als ich sie vergangene Woche zum ersten Mal getroffen habe, nun wird sie unsere week und dann den month maken, weshalb dieser Newsletter auf absehbare Zeit nicht mehr von mir kommen wird. Aber: Ersatz ist schon gefunden, und zwar ein ganz besonderer. Deshalb: Stay tuned, it might make your day soon!

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu hören: Vergangene Woche wurde die „neue“ Grundsicherung im Bundestag beschlossen, die das Bürgergeld beerdigt, im wesentlichen eine Rückkehr zu Hartz-IV bedeutet, nur noch eine Spur schlimmer, und wohl in Teilen verfassungswidrig ist.

Dieser Rückschritt ist Teil des Angriffs dieser Bundesregierung auf die Netze, die uns eigentlich vor Schicksalsschlägen absichern sollen. Deshalb empfiehlt es sich, noch mal ganz grundsätzlich darüber nachzudenken, was hier eigentlich passiert, was auf dem Spiel steht, und worum es wirklich geht.

Sabine Nuss, die auch für den Freitag schreibt, ist quasi Expertin dafür, worum es wirklich geht. Weil sie wie wenige andere versucht, den Dingen (=unserem Leben in dieser Gesellschaft, die wesentlich eine kapitalistische ist) auf den Grund zu gehen. Das macht sie seit einiger Zeit auch in einem sehr hörenswerten Podcast: Er heißt Armutszeugnis, und beleuchtete zum Beispiel vor einigen Monaten die „Attacke auf den Sozialstaat“, von der oben die Rede war. Aber es geht auch um andere Themen: Den Ausverkaufs des Weltraums zum Beispiel. Oder die Enteignung der Ostdeutschen.

Hier geht’s zum Podcast

4. Lese-Empfehlung

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Weltherrschaft, nicht weniger? Der Iran-Krieg und der Machtkampf um die US-Außenpolitik

Amerikanische Familien statt militärischer Abenteuer! Das war die MAGA-Wahlkampfparole. Aber wie passt das zu Trumps neuem Krieg? Der Analyst Marc Saxer zeigt die drei Pole in der US-Außenpolitik und diskutiert die Konflikte zwischen ihnen

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Schluss mit „forever wars“, „Demokratieexport“ und „Nation Building“, wir kümmern uns jetzt mal ums eigene Land! So ungefähr wurde die außenpolitische Dimension von Donald Trumps „America First“ während seines Wahlkampfs verstanden. Es schien, als anerkenne Trump die finanzielle wie militärische Überdehnung der USA. Diskutiert wurde, wie sich eine solche weltpolitische Zurückhaltung der Vereinigten Staaten auf die „Wolfswelt“ einer neuen, multipolaren Ordnung auswirken würde, die allein von den Interessen konkurrierender Großmächte bestimmt sei.

Als Trump sich 2025 bemühte, den heißen Krieg in der Ukraine durch einen „Deal“ auf Basis des militärischen Status quo beizulegen, schien sich diese Wahrnehmung zu bestätigen. Doch nach nur wenigen Wochen seines zweiten Amtsjahres bietet sich nach dem Handstreich gegen Venezuela, der verbalen Grönland-Offensive und dem neuerlichen Angriff auf Iran ein anderes Bild. Was ist der Hintergrund dieses Zick-Zack-Kurses?

Offensichtlich tobt in Washington ein Machtkampf um die künftige Rolle der Supermacht im internationalen System. Dabei scheint es drei Pole zu geben, die hier kurz vorgestellt und hinsichtlich ihres Einflusses auf die Trump-Administration sowie der Konflikte zwischen ihnen diskutiert werden sollen: „Primatisten“, „Priorisierer“ und „Restrainer“.

Damit sind wir auch schon am Ende unseres Newsletters. Endlich Freitag! – „Captain, it’s monday!“ Sie kennen das. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche – und eine gute Zeit, in diesen Zeiten, bis wir uns bald einmal wiederlesen.

Viele Grüße,

Ihr Pepe Egger

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