Dieser Olympiasieg begann denn „Schande und Beleidigung zu Händen den Zone-Sport“
Vor 50 Jahren feierte die DDR ihren größten Erfolg im Fußball, den Olympiasieg 1976 in Montreal. Zuvor war die junge Mannschaft von einem Sportführer übel beleidigt worden. Nun treffen sich die Helden von damals erstmals in größerer Runde wieder.
Mit diesem Wiedersehen hatte von den Eingeladenen keiner mehr gerechnet. Umso größer ist nun natürlich die Vorfreude. Denn ihr bislang letztes Zusammensein liegt mittlerweile fünf Jahrzehnte zurück. Es war im Sommer 1976, als sie in Montreal nach einem spektakulären Finalspiel ihren Olympiasieg so ausgelassen feierten, als gäbe es kein Morgen. Aus den Augen verloren haben sich die Fußballspieler der DDR nach ihrem Triumph in Kanadas Metropole zwar nicht, etliche Male noch kickten sie in der Nationalmannschaft oder im Verein mit- oder gegeneinander, einige trafen sich gelegentlich auch privat, dabei aber blieb es.
In der nächsten Woche kommt es nun zum überraschenden Wiedersehen. Für vier Tage treffen sich die Helden von einst im Ostseebad Dierhagen, um ihr 50-jähriges Goldjubiläum gebührend zu zelebrieren.
Ihr großer Dank gilt Gerd Kische. Der ehemals pfeilschnelle Verteidiger und spätere Klubpräsident von Hansa Rostock ist der Initiator und Organisator des unerwarteten Revivals. Als er die früheren Mitspieler über sein Ansinnen informierte, wollten einige nicht glauben, was er vorhatte. Nicht nur einmal bekam der 74-Jährige zu hören: „Gerd, willst Du uns veräppeln?“ Nein, das wollte Kische nicht, er meinte es ernst. „Ich bin ein Traditionsliebhaber“, sagt er WELT AM SONNTAG, „seit langem hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, die Jungs mit der Unterstützung meines Vereins noch einmal zusammenzubringen.“ Schließlich könne es keinen würdigeren Anlass geben als den Olympiasieg, den bedeutendsten Erfolg in der Geschichte des DDR-Fußballs.
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Es war ein denkwürdiger Moment, als der Ire Lord Killanin, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den Kickern wenige Minuten nach Mitternacht an jenem 1. August 1976 ihre Goldplaketten um den Hals hängte. Alle 17 Spieler strahlten auf dem Siegerpodest im Olympiastadion, manch einer der sonst so hartgesottenen Burschen bekam gar feuchte Augen.
Zwei Jahre nach dem prestigeträchtigen 1:0 gegen die gastgebende Bundesrepublik bei der einzigen Teilnahme an einer Weltmeisterschaft durften sich die Fußballspieler aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat als olympische Champions feiern lassen. Sie blieben hierzulande bis heute die einzigen Männer in ihrer Sportart, die sich mit diesem Titel schmücken können.
„Wir besitzen eine reale Chance“, hatte Trainer Georg Buschner seinen Männern vor dem Finale gegen Polen eingebläut. Und das nicht ohne Grund, obwohl das Nachbarland nach dem Olympiasieg 1972 und Rang drei bei der WM 1974 neben der UdSSR als Favorit galt. Die zu Stars aufgestiegenen Spieler jener Erfolgsära waren alle dabei – ob Torhüter Jan Tomaszewski, Abwehrrecke Władysław Żmuda, Mittelfeldstratege Kazimierz Deyna oder Torjäger Grzegorz Lato. Sie besaßen wie alle aus dem Ostblock einen Amateurstatus und durften somit im Gegensatz zu den Mannschaften aus der westlichen Welt mit ihren besten Spielern antreten. Die Bundesrepublik war schon in der Qualifikation mit ihrer verkappten Amateurauswahl an Spanien gescheitert.
Die Buschner-Schützlinge hatten sich während des zweiwöchigen Turniers in einen kleinen Rausch gespielt, dem jetzt nur noch die Krönung fehlte, woran im Team angesichts des gewonnenen Selbstvertrauens durch den Finaleinzug kaum einer zweifelte. Zumal kein besserer Schiedsrichter für den Schlussakt angesetzt werden konnte als Ramón Barreto. Der Referee aus Uruguay hatte zwei Jahre zuvor das gewonnene deutsche WM-Duell im Hamburger Volksparkstadion gepfiffen. „Nicht nur für mich war Barreto der Glücksbringer“, erzählt Kische in Erinnerung an den 22. Juni 1974. Auch damals gehörte das Hansa-Idol zur DDR-Stammelf.
Das Donnerwetter des DDR-Sportführers
Begonnen allerdings hatte das olympische Abenteuer für die jüngste Mannschaft des Turniers – Durchschnittsalter 24,3 Jahre – wenig verheißungsvoll. Das Auftaktspiel in Toronto gegen Brasilien endete torlos, was beim erfolgsbesessenen DDR-Sportführer Manfred Ewald die Halsschlagader anschwellen ließ. „Als wir am Abend nach Montreal zurückkehrten, mussten wir sofort alle zu Ewald, der uns dann richtig rund machte“, weiß Kische noch genau. „Er tobte, sprach davon, dass unser Auftritt eine Schande und Beleidigung für den DDR-Sport gewesen wäre und er uns am liebsten mit der nächsten Maschine nach Hause schicken würde. Das war harter Tobak.“
Dem mächtigsten Mann im DDR-Sport war der Fußball seit jeher ein Dorn im Auge. Mit der Rekordausbeute von 90 Medaillen – davon 40 goldene – belegte die DDR bei den Sommerspielen in Montreal hinter der UdSSR erstmals Rang zwei in der Länderwertung. Selbst im günstigsten Fall – so wie geschehen – konnten die Fußballspieler nur einen marginalen Beitrag leisten. 17 Sportler für eine mögliche Medaille waren dem Effizienzfanatiker einfach zu wenig. Insofern bot das 0:0 gegen das „Fußball-Entwicklungsland“, wie Ewald Brasilien diskreditierte, einen willkommenen Anlass zur Triebabfuhr.
„Von dem Donnerwetter ließen wir uns aber nicht verrückt machen“, erzählt Gerd Weber WELT AM SONNTAG, seinerzeit mit 20 Jahren jüngster im Team. Buschner legte wie gewohnt seine schützenden Hände über die Mannschaft, so wie er es stets tat, wenn gewisse Obrigkeiten ihren Frust abließen. Bevor die Spieler nach der Tadelung in ihre Zimmer gingen, holte er sie zusammen, um sie mental wieder aufzubauen. Weber, dessen Karriere sechs Jahre später wegen einer geplanten Republikflucht abrupt endete, klingen die aufmunternden Trainerworte noch immer in den Ohren: „Männer, das Remis ist für uns ein gutes Ergebnis. Glaubt an euch, ihr seid eine richtig starke Truppe.“ Was sie dann auch bewiesen.
Gegen Spanien wurde die letzte Vorrundenpartie 1:0 gewonnen, im Viertelfinale gegen die Franzosen, bei denen Michel Platini mitwirkte, folgte ein souveränes 4:0, ehe im Semifinale gegen den „großen Bruder“, die Sowjetunion, mit einem verdienten 2:1 der Finaleinzug perfekt gemacht wurde.
Bevor nun der Südamerikaner Barreto die Partie wegen starker Regenfälle mit 15-minütiger Verspätung erst um 21.45 Uhr anpfiff – daheim war es 3.45 Uhr am Sonntagmorgen – wollte Ewald der Mannschaft noch einmal ins Gewissen reden. Buschner, der 2007 starb, aber ließ das nicht zu. „,Schorsch‘ war nicht nur der beste Trainer, den wir in der DDR jemals hatten, sondern auch ein wunderbarer Mensch mit sehr viel Empathie“, urteilt Kische und spricht seinen Teamkollegen aus dem Herzen.
Die ganz in Weiß spielenden Akteure dankten ihrem sorgsamen Chef mit einer begeisternden Vorstellung. Bereits nach 14 Minuten führten sie 2:0 durch brillant herausgespielte Treffer von Hartmut Schade (7. Minute) und Martin Hoffmann (14.). „Das war die beste Werbung für modernen Fußball“, titelte hernach die „Montreal Gazette“, Kanadas älteste Zeitung.
Auch nach dem Anschlusstreffer durch Lato (59.) setzte die DDR-Elf vor 72.000 Zuschauern weiter auf ihre dynamische, präzise Spielweise und wurde in der 84. Minute belohnt, als Häfner ein Solo über den halben Platz eiskalt abschloss. „Als ich allein durchlief, wusste ich, jetzt gehört die Goldmedaille uns“, schilderte der 2016 verstorbene Dresdner die spielentscheidende Situation.
Jürgen Croy, der sich einmal mehr als Weltklassetorhüter erwiesen hatte, schwärmt noch heute: „Was für ein traumhaftes Dribbling, Reinhard war ein sensationeller Stilist.“ Bei den deprimierten Polen herrschte nach der Niederlage „Totenstille in der Kabine“, erzählte Lato WELT AM SONNTAG. „Wir hatten das Spiel schon vor dem Anpfiff verloren, weil wir die DDR unterschätzt haben. Sie bot eine Weltklasseleistung.“
Müde waren die überglücklichen Olympioniken nach ihrem Coup aber längst noch nicht. Sie machten die Nacht zum feuchtfröhlichen Tag. Kische bandelte mit Leichtathletinnen an, Häfner und Schade mit zwei Kanadierinnen, in deren Auto Häfner mit der ungewohnten Automatikschaltung nicht klarkam. Als er intuitiv kuppeln wollte, um einen Gang einzulegen, doch stattdessen aufs Bremspedal trat, flogen die auf der Rückbank sitzenden Damen in die Frontscheibe.
Eine besondere Begegnung hatte derweil Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, der „Beckenbauer des Ostens“. Als er am Morgen gegen sechs Uhr im Olympiaquartier in den Fahrstuhl stieg, kam ihm Manfred Ewald entgegen. Wortlos ging der DDR-Sportboss am verdutzten Dresdner vorbei. Dörner starb vor vier Jahren. Auch Verteidiger Bernd Bransch, und die Mittelfeldspieler Reinhard Häfner und Reinhard Lauck leben nicht mehr.
Ob die verbliebenen 13 Spieler allesamt zum Mannschaftstreffen an der Waterkant kommen werden, kann Kische noch nicht mit Gewissheit sagen. Eines aber steht für den umtriebigen Macher fest: „Ein Wiedersehen wird es so ganz sicher nicht noch einmal geben.“
Source: welt.de