Das Lustigste und Beste gen den österreichischen Theaterbühnen

Liv Strömquist ist mit ihren Büchern über das neurotische Unglück unserer Zeit weltberühmt geworden. Gleich zwei Theater zeigen jetzt Stücke, die auf Strömquist-Vorlagen beruhen. Comic als Theater – funktioniert das? Unser Kritiker sieht es eindeutig.

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Sei glücklich! So lautet das oberste Gebot westlicher Gegenwartskultur. Das klingt so verführerisch einfach. Denn wer will schon unglücklich sein? Doch das Glück scheint gut versteckt zu sein. So gut, dass man Tausende Ratgeber und Influencer braucht, um das Glück zu finden. Und das bedeutet Arbeit. Viel Arbeit. Am Körper, beim Sex, an der Ernährung, am Mindset, an der Kommunikation, kurz: am Selbst. Man muss sich permanent selbst thematisieren und optimieren.

Statt zum Glück zu führen, ist die unaufhörliche Arbeit am Selbst eine der größten Quellen neurotischen Unglücks unserer Zeit geworden. Jetzt zeigen zwei fantastische Theaterabende nach der weltberühmten Comic-Künstlerin Liv Strömquist in Wien und Graz das volle Ausmaß der Selfcare-Hölle.

In „Das Orakel spricht“ am Schauspielhaus Graz liegt das siebenköpfige Ensemble vor dem Eisernen Vorhang und wischt sich die Finger wund, die Gesichter vom Licht der Bildschirme fahl angestrahlt wie kleine Social-Media-Lurche in ihrer dunklen Höhle, immer auf der Suche nach dem nächsten Life-Hack.

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Doch ist das eigentlich noch Leben oder schon Verzweiflung? Bei Dating-Apps hat man in letzter Zeit festgestellt, dass auch die Gen-Z inzwischen schwer an „Swipe Fatigue“ leidet, an einem tiefen Überdruss von Tinder & Co. Die Ahnung, dass die unendlichen Optionen, die man mit einem Wisch über den Bildschirm navigiert, die Lebenslust lähmen statt steigern, wird immer stärker. Endet die hedonistisch-algorithmische Befreiung in der Glasglocke der Depression?

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Regisseurin Katrin Plötner, die bereits zum dritten Mal einen Stoff von Strömquist auf die Bühne bringt, und ihr großartiges Ensemble wirbeln durch das Hamsterrad der Selbstoptimierung, das beim Orakel von Delphi beginnt und über mittelalterliche Heilige und die Astrologin von Ronald Reagan bis zu Meghan Markles Sinnsprüchen für hilfsbedürftige Prostituierte („Work hard!“) und dem Manfluencer Rollo Tomassi führt. Eine „poptheatrale Sinnsuche“ hat Plötner den knapp zweistündigen Abend genannt, der Typenkomödie und Theorieboulevard auf höchstem Unterhaltungsniveau verbindet. Und der trotz Einsprengseln von A wie Adorno bis Z wie Žižek niemals in den belehrenden Gestus jener gut gemeinten, aber abschreckend wirkenden Theateraufführungen verfällt, die sich mit Soziologieseminaren oder „Demokratie leben!“-Workshops verwechseln.

Wie einst René Pollesch, aber weit verspielter und weniger selbstreferenziell, entdeckt Plötner die Komik des spätkapitalistischen Unbehagens in der Spaßkultur, die von den Menschen pausenlos fordert, das Leben und sich selbst zu genießen. Je tyrannischer sich die Entgrenzung gebärdet, desto unspaßiger werden die Folgen, die sie zeitigt. Auch das sieht man bei Plötner und ihrem Ensemble. Dem „Keep Smiling“ der großen, gelben Happy-Smiley-Luftkissen, die wie unzählige Emoticons in einem Instagram-Feed durchs Bühnenbild purzeln, sieht man nach einer Beobachtung von Theodor W. Adorno noch den Schrecken an, der die Gesichtsmuskulatur als Abwehrreflex einfrieren ließ. Und aus dem, wie in Todd Phillips’ „Joker“, schnell das Lächeln der Horrorclowns werden kann.

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„Das Orakel spricht“ ist ein Ereignis an Spielfreude und Einfallsreichtum. Der vom Grazer Premierenpublikum umjubelte Abend dürfte kaum Zweifel lassen, dass Comics oder Graphic Novels abseits des klassischen Dramas etwas fürs Theater zu bieten haben. Aus Strömquists Vorlage, auf Deutsch vor eineinhalb Jahren im Avant-Verlag erschienen und nun erstmals auf einer Theaterbühne, wird eine kluge Nummernrevue, in der die Schauspieler nicht einfach nur als Thesenträger oder Ideenverkörperer agieren, sondern auf amüsante Weise mit dem Text-Bild-Gemisch so kollidieren wie mit der wahnwitzigen Optimierungsmaschinerie, um die es geht: „Ups, was passiert mir hier eigentlich?!“ Die Komik wird so zu einem Mittel der Selbsterkenntnis, an der auch die Zuschauer – ob nun selbst Instagram-abhängig oder nicht – mit Freude teilhaben können.

Bei allem Witz, und davon gibt es wirklich viel!, hat „Das Orakel spricht“ aber auch einen ernsten Kern. Dass die Grenzen der Machbarkeit auf dem Schlachtfeld des Ichs mit „The Sky is the Limit“-Kampfgeschrei ideologisch völlig pulverisiert werden, geht mit dem weitreichenden Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten in Wirtschaft und Politik einher. In der Sprache der Memes: Mama, können wir Weltveränderung haben? Nein, wir haben Selbstveränderung zu Hause. Blöd nur, dass die Baupläne der Selbstentwürfe nach den unveränderten Regeln der Welt geschrieben wurden. Und dabei auch die unsterbliche Seele des Kapitals auf den Menschen übertragen haben. Für Strömquist ist die endlose Arbeit am Selbst der hilflose Versuch, die eigene Endlichkeit – den Tod – zu verdrängen.

In „Liv, Love, Laugh Strömquist“ am Wiener Volkstheater, das bereits Ende Februar Premiere feierte, bringt Regisseurin Anna Marboe noch mehr die absurden, surrealen und melancholischen Momente auf die Bühne, die wie eine riesige Cartoon-Carrera-Bahn als Sinnbild der Karrierebahn des Lebens gestaltet ist. Wie in Graz läuft auch hier das sechsköpfige Ensemble zu Hochtouren auf und liefert mit Slapstick und Musik eine heitere Tour de Force durch das Dickicht der Selbstoptimierung. Und auch im Text gibt es viele Ähnlichkeiten. Kein Wunder, denn „Liv, Love, Laugh Strömquist“ ist das Theaterstück, aus dem später der Comic „Das Orakel spricht“ wurde. Dass die Graphic Novel nun ihren Weg zurück auf die Theaterbühne findet, ist also gar nicht abwegig.

Comic und Theater? Das passt besser zusammen als gedacht. 1978 im schwedischen Lund geboren, kennt man Strömquist spätestens seit ihrer Kulturgeschichte der Vulva „Der Ursprung der Welt“ auch im deutschsprachigen Raum. Dass sich ihre Bücher, wie auch „Im Spiegelsaal“ über Schönheit und Social Media, immer öfter auf den Spielplänen der Theater finden, ist nicht nur ein Zugeständnis an eine jüngere Generation von Lesern, sondern durch den Witz der Verknappung und die Prägnanz der Bildszene auch eine Bereicherung für die Bühnenkunst. „Das Orakel spricht“ und „Liv, Love, Laugh Strömquist“ sind das Lustigste und Beste, was man zurzeit auf den österreichischen Theaterbühnen sehen kann. Mit einem guten Rat für alle Glückssucher: „Geh raus!“

„Das Orakel spricht“ läuft am Schauspielhaus Graz und „Liv, Love, Laugh Strömquist“ am Volkstheater Wien.

Source: welt.de