„Dann muss man dieser Wirtschaft Vorzug vor Urlaubsfliegern schenken“ – Streit um drohenden Kerosinmangel

Wenn Kerosin knapp wird, stellt sich eine heikle Frage: Wer darf noch fliegen? Ein Experte fordert klare Prioritäten – und bringt Urlauber plötzlich in die zweite Reihe.

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Der Luftfracht-Experte Christopher Stoller warnt vor vorschnellen Eingriffen in den Flugverkehr. Bei WELT TV machte der Präsident des Air Cargo Club Deutschland deutlich, worauf es im Ernstfall ankomme: „Dann müsste man der Wirtschaft den Vorzug vor Urlaubsfliegern geben.“

Entscheidend sei, die Versorgung der Wirtschaft aufrechtzuerhalten. „Die Lieferketten, die kann ich nicht an- und abschalten, wie ich gerade lustig bin“, sagte Stoller. Gerade für ein exportorientiertes Land wie Deutschland sei Luftfracht unverzichtbar.

Im Fall möglicher Engpässe müsse daher differenziert werden. Innerdeutsche Flüge oder touristische Verbindungen könnten eher ersetzt werden, etwa durch andere Verkehrsträger. „Auch innerdeutsche Flieger müssen nicht unbedingt jetzt mit Kerosin versorgt werden“, so Stoller. Für die interkontinentale Versorgung hingegen gelte: „Da muss einfach das Kerosin dann da sein, um die Luftfracht bewegen zu können.“

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Auch der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner hält angesichts eines möglichen Treibstoffmangels innerdeutsche Flüge für verzichtbar. Das gelte auch für Kurzstreckenflüge ins europäische Ausland oder Privatjets, sagte Kellner der Deutschen Presse-Agentur. „Deutschland sollte sparen.“

Frachtverkehr und internationale Verbindungen sollten Vorrang haben, Rettungsflüge sowieso, sagte Kellner. Für die Zukunft sollte die Bundesregierung endlich eine Entscheidung über eine „grüne Kerosin-Fabrik“ in der Lausitz treffen. E-Fuels im Luftverkehr seien dringend notwendig.

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Staatssekretäre des Bundeswirtschaftsministeriums sowie des Bundesverkehrsministeriums wollten an diesem Montag mit Branchenverbänden über die Versorgungslage bei Flugtreibstoffen beraten. Eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte mit Blick auf die Folgen des Iran-Kriegs, es gebe derzeit wöchentliche Krisentreffen zur Lage mit Branchenvertretern und den zuständigen Ressorts der Bundesregierung, nun sei es ein Treffen mit Schwerpunkt Kerosin.

Reiche hatte für den Fall eines Kerosinmangels Gegenmaßnahmen angekündigt – gleichzeitig aber vor Alarmismus gewarnt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte am Sonntagabend bei der Eröffnung der Hannover-Messe, die deutsche Wirtschaft und die Bürger müssten sich darauf verlassen können, dass die Versorgung mit zentralen Produkten wie Diesel, Benzin, und Flugbenzin gesichert bleibe. Derzeit sei die Lage zwar angespannt, aber die Versorgung gesichert.

dpa/kaha

Source: welt.de