Corona-Doku „Blame“: Irgendwo bereitet die Natur ihre nächste tödliche Pandemie vor
Hunderttausende Fledermäuse flattern aus ihrer Höhle, ein nicht enden wollender Schwarm, lauter und lauter ihr Zirpen. Zwischen den Tieren hindurch fällt der Blick auf einen Hang. Ein Forscher sitzt dort im Schutzanzug, seine Arme auf die Knie gestützt. Er blickt, so meint man, nachdenklich in eine Welt, in der die Natur ihren Lauf nimmt, unaufhaltsam wie der Schwarm der Fledermäuse. Es ist diese Schlussszene, die nachwirkt. Ihr Bild fasst die Botschaft des Schweizer Regisseurs Christian Frei gut zusammen: Irgendwo bereitet die Natur ihre nächste tödliche Pandemie vor – während Wissenschaftler zum Zuschauen verdammt sind, weil die Menschheit sich mit dem Virus der Desinformation infiziert hat und mit diesem schon genug zu kämpfen hat.
„Blame – Ein bildgewaltiges Plädoyer für die Wissenschaft“ ist ein Film über die Corona-Pandemie, doch er beginnt in den Jahren 2002/2003, als die chinesische Virologin Zheng-Li Shi, der britische Zoologen Peter Daszak und der in Singapur lehrende Fledermaus-Experte Lin-Fa Wang nach den Ursprüngen der SARS-Epidemie suchen, die sich damals, weitaus weniger verheerend, ausbreitete. Es dauerte bis 2013, bis die drei einen Durchbruch vermelden: In einer Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan hatten sie Fledermäuse entdeckt, die enge Verwandte des ursprünglichen SARS-CoV-1-Virus in sich trugen – ein starker Hinweis auf eine natürliche Entwicklung der Epidemie-Viren.
Er sei sich „fast sicher“, sagte Wang damals, dass bald ein neuer „Killer-Virus“ entstehe. Freis Film ist auch eine Anklage, dass derartige Warnungen verhallten. Vor allem wirbt der Schweizer dafür, dass Wissenschaft Zeit braucht.
Hysterische Schlagzeilen in den Medien
Nach der Ende 2019 beginnenden Corona-Pandemie verlor die Menschheit viel schneller die Geduld und sich selbst in allerlei kruden Theorien. Menschen wollen Schuldige haben, sagt Peter Daszak. Der Zoologe geriet früh selbst unter Verdacht. Mit seiner EcoHealth Alliance in New York hatte er sich für Naturschutz und Pandemieprävention eingesetzt, dazu auch staatliche US-Gelder an die Virenforschung von Zheng-Li Shi im Labor von Wuhan weitergeleitet. Frei hatte die drei Wissenschaftler schon früh eng begleitet. Bildstark inszeniert er die erforderliche Langsamkeit ihrer Forschung – und montiert die hysterischen Medien-Schlagzeilen dagegen.
China greife Hongkong mit Biowaffen an, hieß eine schnelle Deutung des Corona-Geschehens. Die CIA habe die tödlichen Viren erschaffen, um China zu schwächen. Saudi-Arabien beschuldigte Israel, Iran die USA. Donald Trump war erst voll des Lobes für die chinesischen Maßnahmen, bis ihn die Infektionszahlen in den USA unter Druck setzten und er mit dem Kampfbegriff „China-Virus“ ins Blame-Game einstieg. Und schließlich meldete sich eine bis dato unbekannte chinesische Virologin zu Wort, die – von Trumps faschistoidem Berater Steve Bannon promotet – die These verbreitete, Peking habe das Virus absichtlich als Biowaffe entwickelt.
Dann änderte sich Drostens Tonalität
„Fledermäuse gehören zu den am wenigsten verstandenen Säugetieren der Welt. Das gilt auch für Wissenschaftler“, sagt Frei in einem seiner nachdenklichen Kommentare. Seinen 123 Minuten langen Film erzählt er radikal aus der Perspektive seiner drei Protagonisten – was Stärke und Schwäche zugleich ist.
Die Dreharbeiten waren schon beendet, als sich das Meinungsbild der deutschen Öffentlichkeit zum Ursprung der Pandemie im März 2025 noch einmal deutlich verändert hat. Christian Drosten weihte der Geheimdienst neben wenigen anderen Experten in seine Erkenntnisse ein. Zu sehen bekam der Virologe jedoch offenbar nur eine Ergebnispräsentation, die sich einer fundierten Prüfung entzog. Man bewege sich „im Bereich von Behauptungen“, kritisierte dieser anschließend und forderte eine Veröffentlichung von Rohdaten – vergeblich.
Dennoch änderte sich Drostens Tonalität. Man könne die Laborthese im Lichte der Enthüllungen „nicht wegschweigen“. Der frühere Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler – ein Ruderpartner des einstigen BND-Chefs Bruno Kahl –, sagte der F.A.Z. im März 2025 sogar, er halte die Laborthese „mit dem aktuellen Wissensstand für wahrscheinlicher“.
Frei glaubt seinen Protagonisten
In Freis Film widerspricht Zheng-Li Shi der Überlegung deutlich, dass das Pandemievirus oder ein Vorgänger aus ihrem Labor entwichen sein könnte, das kaum mehr als einen Steinwurf vom ersten bekannten Ausbruchsort, dem Markt von Wuhan, entfernt liegt. Auch Daszak betont, man habe in Wuhan keine „Gain of Function“-Forschung betrieben – Forschung also, die unter anderem darauf abzielt, die Pathogenität von Viren zu erhöhen, um darauf aufbauend die Abwehr einer solchen Gefahr vorzubereiten.
Frei lässt keinen Zweifel, dass er seinen Protagonisten glaubt. „Die Natur hat ihr eigenes Gain-of-Function-Labor“, kommentiert er. Und es ist richtig: Während für die Laborthese bis heute ein Beleg fehlt, ist gesichert, dass sich Viren in Fledermaushöhlen und an anderen Orten dieser Welt weiterentwickeln. Es braucht die Wissenschaft mit ihrer gründlichen Langsamkeit, um eine neue Pandemie verhindern oder wenigstens erfolgreich bekämpfen zu können.
Der Film „Blame“ zeigt, wie schwierig das geworden ist. Denn mehr als um neue Erkenntnisse kämpfen seine Hauptfiguren mit dem Vorwurf, Massenmörder zu sein. Ein Narrativ, das vor allem den Zoologen Daszak in Donald Trumps Amerika täglich einholt. „Bloody hell“, kommentiert er in dem Film die neueste aggressive Schlagzeile, die ihn als modernen Frankenstein darstellt.
Mit dem Tod bedroht
Dank Freis Nähe zu dem Forscher vermittelt der Film eindrücklich, wie massiv es das Leben von Wissenschaftlern verändert, wenn sie mit dem Tod bedroht werden, private Sicherheitsleute anheuern und in regelmäßigem Austausch mit dem FBI stehen müssen. Auch Christian Drosten brauchte Polizeischutz, als er im Dezember 2025 zu einer Anhörung der Corona-Enquetekommission im Bundestag anreiste.
Von „Lärm“ spricht Frei: Lärm, von dem sich die Menschheit befreien müsse, um über die Runden zu kommen. Wie? Eine Antwort gibt der Regisseur in seinem Film in Form des „stillen Labors“, wie er es nennt, einem einsamen Rückzugsort in den Bergen Nordthailands. Umgeben von zahlreichen Fledermaushöhlen reflektiert er dort vor allem mit Peter Daszak über das Wesen von Wissenschaft in Zeiten der Desinformation.
Nicht dorthin anreisen konnte Zheng-Li Shi: Es hatte Diskussionen mit den Behörden in Peking über ihre Beteiligung an dem Film gegeben, deutet Frei an. Es kann nicht einfach gewesen sein, dieses Filmprojekt bei allen geopolitischen Verwerfungen rund um Corona umzusetzen.
Source: faz.net