Coachella-Auftritt: Selbstbeobachtungen eines Biebers

Die Vereinigten Staaten gelten gern als Land der Extreme. Am vergangenen Wochenende ließ sich das auch popkulturell besichtigen. Sabrina Carpenter eröffnete das kalifornische Coachella-Festival mit einem spritzenden, funkelnden, bis ins Detail durchchoreographierten Headliner-Auftritt. Ihre Ankunft im Oldtimer war nur der Auftakt zu einer spektakulären Hollywood-Hommage, die sich über zwanzig Songs erstreckte. Die Gegenfigur zu diesem perfekt artifiziellen Showbusiness lieferte am nächsten Abend der zweite Headliner: Justin Bieber.

Wo Carpenter eine maximal durchgestaltete Kulisse bot, setzte Bieber auf demonstrativen Minimalismus. Vierzig Minuten waren vergangen, einige Songs aus seinen 2025 erschienenen Alben „Swag“ und „Swag II“ hatte er mit demonstrativer Unlust vorgetragen, da wechselte das Setting. Zurück blieben ein Tisch, ein MacBook und die geöffnete YouTube-Seite. Plötzlich wirkte die Show wie eine Wohnzimmerinszenierung: Bieber sitzt in einer Küche, lässt alte Songs laufen, singt stellenweise in veränderter Tonlage mit – und streamt das alles. Manche Titel werden nur angespielt, bei anderen schweigt er, ausgerechnet bei „Sorry“ bricht dann auch noch die Internetverbindung ab. Das wirkte zugleich authentisch und skurril.

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Die Fans waren nicht durchweg überzeugt, manche Medien reagierten empört. Zehn Millionen Dollar soll Bieber für den Auftritt erhalten haben, mehrere Hundert Euro kosten die Tickets. Darf man da nicht mehr Spektakel erwarten? Mit dieser Reaktion musste Bieber rechnen. Denn seine Karaoke-Show richtete sich gegen genau jenes System, für das Coachella als Paradebeispiel der amerikanischen Musikunterhaltungsindustrie steht: kurze Aufmerksamkeitsspannen, narzisstische Festivalrituale, ein Publikum, das nicht nur für Musik bezahlt, sondern für die Inszenierung des eigenen Dabeiseins. Der Künstler liefert die Kulisse, die der Festivalgänger für Instagram und Tiktok performativ bespielt. Einem solchen Ritual verweigerte sich Bieber.

Eine als Karaoke verpackte Abschiedszeremonie

Eindrücklich ist sein Auftritt aber nicht nur als musikalische Kontrastfolie, sondern auch als soziologische Beobachtung. Denn Bieber, vor seinem Macbook stehend und alten Songs lauschend, verkörpert das, was man in der Soziologie einen „Beobachter zweiter Ordnung“ nennt: Einen Sänger, der sich – getrennt durch den Bildschirm – beim Singen aus einer gewissen Distanz selbst beobachtet. Stolz konnte man aus Biebers Augen nicht ablesen, eher eine distanzierte Skepsis. Das Duett, das Bieber mit seinem alten Ich anstimmte, war keine narzisstische Hommage, auch kein Dienst an den Fans der ersten Stunde; es war eine als Karaoke verpackte Abschiedszeremonie.

Plausibel wird all das erst, wenn man bedenkt, dass die Antishow sein erster Live-Auftritt seit Jahren war. Bieber hatte im letzten Jahrzehnt immer fragmentarischer produziert, 2023 schließlich die Rechte an allen 290 Songs, die der Kanadier bis Ende 2021 veröffentlicht hatte, an einen Musik-Investmentfonds für 200 Millionen verkauft. Wie das Online-Magazin „Billboard“ berichtete, war dieser Deal aber nicht für seinen Coachella-Auftritt verantwortlich. „Baby“ oder „Love Yourself“ hätte Bieber ohne Weiteres live singen können, die Rechte für Live-Auftritte hatte er offenbar nicht verloren.

Die Abspaltung des industriellen Selbst

Also, wieso das Ganze? Der Sänger wurde über Youtube zum Weltstar, zu einem Gesicht des industrialisierten Pop. Bis heute stehen seine ersten Hits der frühen Zehnerjahre für den globalen Siegeszug des amerikanischen Pop. Doch so schnell wie sein Aufstieg verlief, so schnell hatte er sich von all dem entfremdet. Der Verkauf der Songrechte und sein Coachella-Auftritt gehen Hand in Hand. Beides markiert die Abspaltung von einem produzierten Ich, von einem industriell verwertbaren Selbst. So wie Bieber sich einst singend zum Erfolg coverte, wurde das Karaoke der eigenen alten Songs nun zur Negation dieser Geschichte. Sein jugendliches Ich ist in die YouTube-Playlists ausgewandert, archiviert im digitalen Erinnerungsalbum.

Auf den zweiten Blick war dieser Auftritt damit ein bemerkenswerter Coming-of-Age-Moment. Die darin liegende Reflexionsfähigkeit passt weder recht zu Coachella noch zum gegenwärtigen amerikanischen Zeitgeist. Vielleicht hat sie auch gerade deshalb ihr Ziel verfehlt. Seit Tagen trenden in den sozialen Medien wieder vor allem Biebers alte Klassiker. Offenbar blickt das Publikum nostalgischer auf seine musikalische Vergangenheit als er selbst. Sein altes Ich lebt weiter – sehr zur Freude des Investmentfonds.

Source: faz.net