Bauen trotz Sorgen: Hochhäuser wachsen immer noch in schwindelerregender Höhe
Hoch oben weht ein eisiger Wind. Auf den Stahlbalken oberhalb der Lüftungsanlagen drehen zwei Bauarbeiter mit Mützen und Helm die Schrauben fest. Sie selbst sitzen auf den Trägern, an die sie wie im Hochseilgarten mit einem Seil angebunden sind. Direkt neben ihnen geht es mehr als 120 Meter in die Tiefe. Die Schrauben müssen sicher sitzen. Die Arbeiter auch.
In Frankfurt wird immer noch gebaut – bis hin zu schwindelerregenden Höhen. Auf dieser Baustelle im neuen Europaviertel wächst seit fast vier Jahren das nächste Hochhaus für die Finanzmetropole in eine Höhe von 124 Metern: Auf 35 oberirdischen Etagen entstehen Büros, Konferenzräume, Hotelzimmer und auch ein neuer Eingang zur Messe.

Auf dem Dach des Europa-Allee-Towers, auch Sparda-Bank-Tower genannt, schaut an diesem Vormittag Kai Dreesbeimdiek nach dem Rechten. Neben den Arbeitern steht er oben mit Helm, Warnweste und Stahlkappenschuhen. „Ich habe schon mehrere Hochhäuser gebaut, aber wenn ich mich hier oben umsehe, ist das jedes Mal einfach toll“, sagt der Geschäftsführer des Bauunternehmens Gustav Zech Stiftung Management. Dieses baut das Hochhaus nach den Plänen von Cyrus Moser Architekten. Das Gebäude liegt etwas entfernt vom Bankenviertel und hat dadurch freie Sicht auf die Frankfurter Wolkenkratzer. Da im direkten Umfeld das Messegelände liegt und andere Gebäude niedriger sind, sollte das Blickfeld erhalten bleiben.

Trotz der Nöte auf den Immobilienmärkten entstehen in Frankfurt und anderen Großstädten Deutschlands weitere Hochhäuser. In zentralen Lagen steigen die Spitzenmieten für Büros mit modernen Arbeitsräumen und in energieeffizienten Bauten. Dagegen wird es in der Entfernung zu den Stadtzentren gerade für Bürotürme schwieriger.
Frankfurt kommt auf rund 40 Hochhäuser, die mindestens hundert Meter hoch sind. Der höchste Turm ist der Commerzbank-Tower mit einer Höhe von 259 Metern vor dem Messeturm mit 256 Metern und dem höchsten der vier neuen Türme des Komplexes „Four“ mit 233 Metern. Neu baut die Helaba im Augenblick den „Central Business Tower“ mit einer Höhe von 205 Metern in der Innenstadt.

Auf der Baustelle an der Europa-Allee hebt der Kran gerade ein gelbes Bündel Dämmwolle in die Höhe. Die Lieferung schwankt in der Luft, dann steht die Palette auf dem Dach. Andere Arbeiter nehmen die Kette des Krans ab. Gleich kommt das nächste Paket von unten nach oben.
Dreesbeimdiek beginnt den Rundgang durch das Hochhaus an der Spitze und geht dann Stockwerk für Stockwerk nach unten. In den obersten Etagen ist der Rohbau zu sehen, Stromkabel hängen von der Decke. Je weiter es nach unten geht, umso mehr sind die Zimmer ausgebaut. Wie alles aussehen soll, daran lässt sich jetzt kaum noch rütteln. „Die Raumplanung muss wirklich ein Jahr vorher stehen“, sagt er. Da sei ein enormer Aufwand.

Dieses Jahr soll das Hochhaus fertig sein. Mancher Handwerker putzt schon die Fenster, andere reißen ein Loch in eine Bürowand. Von oben bis unten werkeln Hunderte Helfer. Wie viele sind es derzeit? „Wir hatten um 10 Uhr 429 Personen auf der Baustelle“, sagt Dreesbeimdiek. „Wenn Sie dann Bauleitung und Dienstleister abziehen, liegen wir bei ungefähr 390 Personen. Das ist die unterste Grenze, die wir brauchen.“ Material wird meist in den Abendstunden von 18 Uhr bis 22 Uhr auf die Stockwerke gebracht. „Damit die anderen Gewerke nicht gestört werden.“
Die Sparda Bank Hessen wird als Eigentümerin auf die oberste Ebene einziehen und Büros vom 29. bis 34. Stockwerk belegen. Dazu erhält sie einen Empfangsbereich im Erdgeschoss sowie Platz für mehr als 5000 Schließfächer in einer automatischen Schließfachanlage. Die Bank sieht den neuen Standort als Rückkehr zu ihren Wurzeln an, weil an dieser Stelle der frühere Güterbahnhof Platz für das Europaviertel gemacht hat – und die Spar- und Darlehenskasse einst Mitglieder des Eisenbahnervereins in Kassel gegründet hatten.

Weiter unten im neuen Tower soll im Sommer das Atlantic Hotel mit 373 Zimmern eröffnen. Im 20. Stockwerk blickt der zukünftige Hoteldirektor Manuel Slapnig noch auf Betonwände, später werden seine Gäste hier an einer Skyline-Bar sitzen und trinken. Eine Etage tiefer beginnen die Zimmer, in deren Betten sich vielfach Gäste theoretisch schon legen könnten. „Die 19. Etage ist die oberste Etage mit Hotelzimmern, Sauna- und Fitnessbereich“, sagt er. Der Hotelbetrieb reicht bis auf die unteren Etagen und gehört zur Zech-Gruppe , die das Hochhaus baut.
An der Fassade haben die Bauarbeiter schon länger die Außenelemente angebracht, die im Werk produziert worden sind. Viele Bäder in den Hotelzimmern sind ebenfalls vorgefertigt, um Zeit auf der Baustelle zu sparen. „Die Badezimmer werden als Fertigmodule angeliefert und eingebaut“, sagt Dreesbeimdiek. Die Leitungen für Strom und Wasser müssen die Arbeiter noch vor Ort anbinden, sonst sind sie standardisiert und weitgehend fertig.

Hoteldirektor Slapnig erhofft sich Vorteile durch die Nähe zur Messe. Im Prinzip können die Gäste aus ihrem Zimmer nach unten fahren und von dort direkt durch den neuen Eingang in die Messehallen spazieren. Selbst bei Regen muss dann keiner auf dem Weg mehr nass werden. Noch ist dort aber Baustelle und der Durchgang nicht freigegeben.