Bafin-Untersuchung: Vertrauen weit, Verständnis zu Händen Zertifikate fehlt

Mit der Zinswende im Jahr 2022 feierte auch der Zertifikatemarkt in Deutschland eine Wiederauferstehung. Zertifikate für 111 Milliarden Euro waren vor einem Jahr im Umlauf und damit erstmals wieder mehr als zum Zeitpunkt der Lehman-Insolvenz im Herbst 2008. Der rasche Anstieg um 50 Milliarden Euro binnen weniger Monate rief Kritiker auf den Plan. Insbesondere Zertifikate aus dem Sparkassensektor (Helaba, Landesbank Baden-Württemberg, Deka), aber auch von Volksbanken (DZ Bank) fanden enormen Absatz, und die Emittenten bauten Bestände je in zweistelliger Milliardenhöhe auf.

„Wir haben vermutet, dass Sparkassen und Banken nach der Niedrigzinsphase eine Art Vertriebsoffensive gestartet haben – und ihre Kundinnen und Kunden stärker dazu beraten haben, in Zins- und Express-Zertifikate anzulegen“, sagt der zuständige Exekutivdirektor der Finanzaufsicht Bafin Thorsten Pötzsch zu den Beweggründen für eine Marktuntersuchung. Bafin-Präsident Mark Branson hatte sie auf Nachfrage auf der Jahrespressekonferenz im Mai angekündigt. Nach einigen Monaten des Forschens, die Bafin spricht von einer fünfstufigen Analyse inklusive „Mystery-Shopping“, teilte die Finanzaufsicht am Mittwoch die Ergebnisse mit: „Es gibt keine Belege dafür, dass Institute ihre Kunden zum Kauf solcher Zertifikate gedrängt haben“, sagt Pötzsch.

Vergebens waren die Erhebungen deshalb nicht, im Gegenteil, sie geben gute Einblicke in den Beratungsalltag in Banken und Sparkassen. So würden Produktkosten nach wie vor nicht so vergleichbar aufbereitet, wie es wünschenswert wäre. Auch die Informationen zur Funktionsweise von Finanzprodukten in verschiedenen Marktszenarien seien unvollständig.

Eine Untersuchung zu Turbo-Zertifikaten folgt

Nun liegt die Schuld daran nicht zwingend beim Bankberater. So ergab die Kundenbefragung der Bafin, dass viele Schwierigkeiten hatten, den Ausführungen des Bankberaters selbst bei den einfachsten Produkten zu folgen. Für die komplexeren Expresszertifikate gaben zwanzig Prozent der Käufer zu, die Produkte gekauft zu haben, obwohl sie die Funktionsweise nicht verstanden haben. Mit der Beratung und dem verkauften Produkt waren sie auch so zufrieden. „Wir haben festgestellt, dass die Kunden den Beratern in hohem Maße vertrauen“, sagt Bafin-Direktor Pötzsch. „Die Berater müssen sich dieser stabilen Vertrauensbeziehung bewusst sein und ihr mit ihrer Arbeit genügen.“ Der Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW) ist mit dem Ergebnis der Bafin-Untersuchung selbstredend zufrieden: „Wir haben nichts anderes erwartet. Die hohe Akzeptanz unserer Anlageprodukte bei privaten Anlegern wurde bestätigt“, sagt Christian Vollmuth, geschäftsführender Vorstand des BSW.

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Die Bafin wollte die Zertifikatebranche aber nicht mit einem Persilschein ausstatten. Viele Anleger machten mit „Turbo-Zertifikaten“ Verluste und seien sich der Risiken womöglich nicht immer bewusst, sagt Pötzsch. Eine entsprechende Studie zu diesen Zertifikaten, zu denen nicht in Banken beraten wird, will die Bafin im nächsten Quartal vorstellen und mitteilen, „inwieweit hier weiter gehende aufsichtliche Maßnahmen“ ergriffen werden sollten. Der BSW gibt sich zuversichtlich: „Knock-out-Optionsscheine werden nicht in der Anlageberatung verkauft. Sie sind so beliebt, weil sie so transparent sind – die versierten Selbstentscheider wissen genau, welche Gewinne und Verluste möglich sind.“

Source: faz.net